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Full text of "Die Verfassungsänderungen in den oberdeutschen Reichsstädten zur Zeit Karls V."

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d^^^ 




Die Yerfassimgsändernngen 



in den 



oberdentschen Reichsstädten 



zur Zeit Karls V. 



Inaugural-Dissertation 

zur 

Erlangung der Doctorwürde 

der 

Mei DUlMODUscliei Fataltit der Seorg-innsts-üiiTersltit n Süttiigei 

( vorgelegt von 

h. I^ttrstenwerth 

»Hl Menebnrg* 



^ 'Göttingen 1893, 

Drack der Dietericb'schen Üniv.-Bucbdrackerei. 
(W. Fr. KastHer.) 



^ y^ .. 






'2.-1-. ,. 






^. 









Tag def m&idUcheh Plräfcmg : 22. Juni 1892. 
Referent: Herr Professor A. v. Klnckhohn. 



Vorwort. 

Den Ursprung der deutschen Stadtverfassung hat man 
in den letzten Jahren immer von neuem nachzuweisen ge- 
sucht, der historischen Entwickelung aber, namentlich der 
Gestaltung der deutschen Stadtverfassung seit dem Be- 
ginne der Neuzeit, wenig Beachtung geschenkt, wie dies 
am besten ein Blick auf die jüngst erschienenen deutschen 
Rechtsgeschichten zeigt. Wenn der vorliegende Versuch, 
ein wesentliches Stück der Verfassungsentwickelung deut- 
scher Städte mit seinen Ursachen und Wirkungen im Zu- 
sammenhange darzustellen, nicht vollständig gelungen ist, 
so mögen die Sprödigkeit des Stoffes und der Mangel an 
genügenden Vorarbeiten mir zur Entschuldigung dienen. 

Für die Anregung zu dieser Arbeit, für den Hinweis 
auf die von mir benutzten Archivalien und für mehrfache 
Ratschläge bei Abfassung der Arbeit bin ich Herrn Pro- 
fessor von Elluckhohn Dank schuldig. 

Göttingen, im Mai 1893, 

L. Fürstenwerth. 



Inhaltsangabe. 



I. Die Reformation in den oberdeutschen Reichsstädten, 

der schmalkaldische Krieg, das Interim S. 1—9 

II. Zunftverfassungen, Zunftaufhebungen. Karls V. Stel- 
lung zu den Städten „ 9—18 

III. Verfassungänderung in Augsburg und Ulm. Vorbe- 
reitungen zur Aenderung in den übrigen oberdeut- 
schen Reichsstädten „ 18—38 

lY. Verfassungsänderung in 25 oberdeutschen Reichs-. 

Städten „ 38—65 

y. Die Fürstenempörung. Abschaffung des Interims und 
der neuen Verfassung. Wiedereinsetzung des Hassen- 
rates durch Karl V. .... „ 65—93 

VI. Aenderungen des Hassenrates durch Karl V. und 

seine Nachfolger. Schluss „ 93 — 105 



Quellen und Literatur. 

Von ungedrncktem Materiale durfte ich eine Anzahl 
Actenstücke der Canzlei Karls V. benutzen, die im 30- 
jährigen Kriege mit andern Acten durch den schwedischen 
Obersten Erskine von Prag nach Stade verschleppt wur- 
den und von dort in neuester Zeit nach dem Staatsar- 
chive in Hannover übergeführt worden sind.^) Die Acten 
liegen unter Eeichstagsacten, generalia la. Das General- 
volumen mit der Bezeichnung I, No. 13 enthält zahlreiche 
Concepte von Ausschreiben, Credenzen, Instructionen etc. 
aus den Jahren 1550 — 52, die sich auf die Ve^i'fassungs- 
änderung in den oberdeutschen Beichsstädten beziehen.^) 

1) Vgl. y. Druffel, Briefe und Akten zar Geschichte des 16. Jahrh. 
1. Bd. Vorrede pag, XIV. 

2) Mehrfach findet sich in den fast sämmtlich bereits revidierten 
Expeditionen die falsche Jahreszahl 1546 statt 1550, seltner 1547, 48 
statt 1551,^ 52. Eine Erklärung dafür kann ich nar darin finden, dass 
die überall in Klammer daneben stehenden Jahre der Eaiserherrschaft 
Karls V. , also z. B. nehen 1546 (im 80. Jahre unseres Kaisertumes) 
auf den Beginn seiner Begierong überhaupt bezogen sind : 1516 + ^ 
:ss 1546 statt 1520 + SO = 1550. Wahrscheinlich sind auch einige 
Ausfertigungen mit falschem Datum herausgegangen; daraus Hesse sich 
die auch in Chroniken vorkommende falsche Jahreszahl erklären. An- 
dere Irrtümer in der Datierung, die nicht über den Umfang eines Jahres 
hinausgehen , lassen sich ans dem Stilus Francicus erklären , der von 
der Ganzlei Karls V. während seines Aufenthaltes in den Niederlanden 
und am Niederrhein angewendet wurde. Vgl. Orotefend, Handbuch der 
hlstor. Chronologie 2. Auflage, S. 140. .. _ 



\ - 



vin 

Ausserdem befinden sich im Generalvolumen die Originale 
der 3 Berichte, die der Commissar dem Kaiser über die 
Ausführung der Verfassungsänderung erstattete, und einige 
Concepte, die sich auf die Wiedereinführung der durch 
die Fürstenempörung beseitigten Neuordnung und auf spä- 
tere Aenderungen beziehen. 

Ferner benutzte ich 30 Specialvolumina der einzelnen 
Reichsstädte, meist nur wenige Blätter enthaltend, Origi- 
nale und Concepte der mit den aufständischen Fürsten 
abgeschlossenen Capitulationen , Entschuldigungsschreiben 
der Städte an den Kaiser und vereinzelte Verhandlungen 
über Wiederaufrichtung oder Aenderung der Neuordnung. 
Von all diesem Stoffe ist nur der erste, kleinste und un- 
wichtigste Bericht des Commissars an den Kaiser von 
Druffel zum teü wörtlich, zum teil als Regest mitgeteilt. ^) 

Ueber Zeit der Abfassung, Form und Inhalt der In- 
structionen und Berichte soll ausführlich bei Besprechung 
der Vorbereitungen zum Verfassungssturze gehandelt wer- 
den. *) Der Darstellung des Verlaufes dieses Sturzes liegt 
fast ausschliesslich der dritte, der Hauptbericht des kaiser- 
lichen Commissars Hasse, zu gründe. Die Form des Be- 
richtes ist tagebuchähnlich. Hasse schildert den Verlauf 
der Verfassungsänderung in jeder einzelnen Stadt und 
kommt so , weü die Vorgänge in den einzelnen Städten 
sich natürlich sehr ähneln, zu vielfachen, umfangreichen 
Wiederholungen, wodurch der Bericht eintönig und lang- 
weilig wirken würde, wenn nicht als G-egengewicht die 
Tagebuchform auch wieder den Eindruck einer gewissen 
unmittelbaren Frische und Treue der Ueberlieferung er- 
weckte. Der Commissar schildert schmucklos und treu 
„wie es geschehen ist". Er hat nicht nur die Absicht, die 
Wahrheit zu erkennen und zu sagen, er ist auch dazu fä- 
hig; wo er falsch berichtet, geschieht es unbewusst und 
nur bei Mitteilung der früheren Verfassungsformen, die 



1) ▼. Druffel a. a. 0. I. No. 794. 

2) & 60ff: 



IX 

er bei der Kürze der Zeit nicht überall sofort vollstän- 
dig übersehen kann. 

Zur Bekräftigung der Fähigkeit Hasses kann das We- 
nige dienen, was sich über sein Leben und seine Tätigkeit 
ermitteln liess. 

Dr. Heinrich Hasse ^) von Lauffen wird 1534 Canzler 
von Zweibrücken, erscheint 1535 als Ruperts Stellvertreter 
auf dem Reichstage zu Worms, und wird 1538 an den 
Heidelberger Hof berufen, um die Canzlerwürde der Kur- 
pfalz zu übernehmen. Hier wird Karl V. auf ihn auf- 
merksam, zieht ihn in seine Dienste, ernennt ihn zum Rate, 
dann zum Präsidenten des Senates von Luxemburg, und 
Anfang 1545 zum Procanzler. 1555 wird Hasse von Wolf- 
gang von Zweibrücken zum Rate bestellt „ausserhalb der 
Rhö. Khay. Mt. . . . und andere sine Herren, denen er 
auch mit Dienst und Lehen verpflichtet ist". Er soll bei 
WoKgang nur dienen „zu seyner Gelegenheit" und „inson- 
derheit auch soll er nit schuldig oder verbunden sein, sich 
auff Reichstag oder andere langwirige Taglaistungen und 
weytte Raison gebrauchen und verschiken zu lassen". — 
„Quid porro de eo actum faerit, nos latet".^) 

Mehr ist über die Amtstätigkeit Hasses in kaiser- 
lichen Diensten bekannt. Li seiner Bestallung als Canz- 
ler von Zweibrücken erhält er das Lob „juris civilis ac 
pubKci peritissimus", Sleidan nennt ihn „rerum Germaniae 
valde peritus". ^) Und dieses Lob verdient Hasse vor an- 
dern« Das beweist die geschickte Lösung der schwierigen, 
hier zu erörternden Aufgabe xmd sein Auftreten bei all 
den früheren und späteren Missionen und Commissionen in 



1) Die Schreibung ist sehr verschieden : der Commissar selbst unter- 
schreibt sich Hasse, Hasze, einmal Hass ; in gleichzeitigen Berichten fin- 
det sich vielfach Haase, Haas, Hase. 

2) Vgl. GroUiuS; Gommentarius de cancellariis et procancellariis 
Bipontinis. Frankfurt und Leipzig 1768 p. 49ff. Nach v. Stalin, Wir- 
temberg. Gesch. lY, 461 A. 2, soll Hasse um 1562 gestorben sein. 

S) Joannis Sleidani, de statu religionis et reipublicae Carole Quinto 
Caesare commentarü (Frankf. 1786) n, 580. 



Deutschland, za denen er neben Lier, Seid und Schwendi 
vom Kaiser mit Vorliebe herangezogen wurde *). Hervor- 
ragend ist Hasses Vielseitigkeit: Sie befähigt ihn gleich- 
massig, als kaiserlicher Commaissar bei Verhandlungen auf- 
zutreten, die sich mit dem Entwürfe einer Buudesemeuerung 
befassen — im Sommer 1B47 durchzog Hasse ganz Schwaben, 
um die dortige Ritterschaft für den geplanten neuen schwä- 
bischen Bund zu gewinnen — , in dem Grericht mitzusitzen, 
wodurch die Ansprüche Herzog Ulrichs und Konig Ferdi- 
nands an die Herrschaft in Würtemberg entschieden wer- 
den sollten, und namentlich bei allen Verwickelungen der 
Beligionsspaltung kräftig zu wirken: Vor Beginn des 
schmalkaldischen Krieges schon befand sich Hasse unter 
den kaiserlichen Commissaren , welche die grossen ober- 
deutschen Reichsstädte und die Ritter an der Beteiligung 
verhindern sollten. Hasses Gewandtheit und Ausdauer 
bringt die Reichsstädte auf dem Augsburger Reichstage 
von 1547 dahin , ihr abweichendes Votum zurückzuhalten 
und der Beschickung des Trienter Concils beizustinunen. 
Er sitzt auch in dem im Februar 1B48 zur vorläufigen 
Ordnung der Religionsfragen in Augsburg tagenden Aus- 
schusse , prüft im Auftrage Granvellas die Erwiderung 
der Städte auf die Resolution des Kaisers, das Interim be- 
treffend, verhandelt 3 Tage mit ihnen, und verhindert 
schliesslich die beabsichtigte Protestation. Endlich ent- 
wickelt Hasse neben dem Cardinalbischof von Augsburg 
den grbssten Eifer und das grösste Geschick bei der D»rch- 
flihrung des Interims, so in Strassburg, das besonders vor- 
sichtig behandelt werden musste, um den Abfall an Frank- 
reich zu vermeiden, so auch in Frankfurt a/M., wo er 
einen schärferen Ton anschlug und besseren Erfolg hatte. 
Das alles spricht für die besondere Befähigung Hassea 
zur Vornahme der Verfassungsänderung, es giebt auch 

1) Vgl. Ranke, deutsche Ge»ch. V, 6. 13. 24. 41 f. VI, 287 f. 
Pruffel, a. a. 0. No. 159 n, IX, XV, 165. 854. 627. 688. 726. 
794. «04. 904. 1000. 1009. 1144. 1754. 1814. 1823. 1827. 
?. Stftlin, a. a. 0. IV|, 461 ß. 7i9 eto. 



XI 

eine gewisse Grewähr för die Richtigkeit des Berichtes 
darüber. Natürlich kann der Berichterstatter doch nur ein 
xmvollkommenes Bild geben , denn er urteilt von seinem 
Standpunkte als kaiserlicher Commissar, ohne von der 
'Stimmung der Bürgerschaft und den Vorgängen im Rate 
der Städte mehr , als er wissen sollte , kennen zu lernen. 

Diese nötige Ergänzung und Controle der Berichtes 
würde sich am besten aus den Ratsprotocollen jener Zeit 
ergeben. Leider sind sie schwer zugänglich, soweit sie 
überhaupt erhalten sind. Allerdings giebt es ja eine grosse 
Anzahl von Städtegeschichten, worin die Protocolle mehr 
oder weniger umfassend zu Rate gezogen sind , *) aber 
diese Greschichten , die zur Ergänzung und Prüfung von 
Hasses Berichten dienen könnten, bedürfen meist selbst 
einer scharfen, kaum durchführbaren Controle. Grade 
die Abschnitte über Verfassung sind meist ungenügend. 
Entweder ist, so namentlich in den älteren Werken, alle 
XJeberlieferung kritiklos zusammengehäuft, oder, so meist 
in den neueren Darstellungen, die Entwickelung der Ver- 
fassung ganz vernachlässigt, mindestens viel zu knapp ge- 
halten. 

Für die hier zu behandelnde Zeit brauchbar sindLangen- 
mantel und Stetten^), — auf ihnen und einem Teüe ihrer 
Quellen beruht Rankes Darstellung vom Verfassungs- 
stürze in Augsburg — ferner sind rühmend hervorzuheben : 
Jägers Ulm, Dobels Memmingen, Stieves Kaufbeuren, 
Keims Esslingen und Ulm, Roths Augsburg und Nürnberg, 
Bensens Rothenburg, Ruckgabers Rottweil.') 

Um so mehr ist zu warnen vor Werken wie Prohn- 



1) Selbst die kleinsten der kleinen oberdeutschen Eeichsstädte 
babea ihren Oeschichtschreiber gefunden. Weder Schröders Bechts- 
geschichte noch ▼. Stalins Geschichte Würtembergs erreichen auch nur 
mnähemde Vollständigkeit in ihren umfangreichen Literaturverzeichnissen. 

2) Vgl. Frensdorff über AugsburgiB Geschichtschreibung in den 
GI»roniken der deutsehen St&dte Bd. 4, £inleitg. S. 42 fP. 

8) Genaii«re Titelängaben unt^r «Abkärsungen" und in der Ar- 
beit selbst 



xn 

häusers Geschichte von Wimpfen (Darmstadt 1870) oder gar 
Beyschlags Geschichte von Nördlingen (Nördlingen 1851).^) 

In derselben Zeit, wo die meisten Geschichten von 
einzelnen Städten verfasst wurden, im letzten Viertel des 
vorigen und im ersten Viertel dieses Jahrhunderts, er- 
schienen, zum teil ohne Angabe des Verfassers, zahlreiche 
mehr zusammenfassende Werke, die sich auch kurz mit 
den Verfassungsänderungen oberdeutscher Reichsstädte im 
16. Jahrhundert beschäftigen. So z. B.: 

„Allgemeine Geschichte von Schwaben" (Ulm 1774), 
„Anmerkungen über die Geschichte der Reichsstädte, vor- 
nehmlich der schwäbischen" (Ulm 1775), Göbel, Beiträge 
zur Staatsgeschichte von Europa unter Carl V. (Lemgo 1767). 
In der Vorrede zu diesem Werke handelt Senckenberg 
vom Verfassungssturze in den schwäbischen Reichsstädten, 
der „eine bisher ziemlich unbekannte Sache" sei. 

G. V. Schmidt, die mediatisirten Reichsstädte Teutsch- 
lands (Frankf. a/M. 1861), erwähnt bei manchen Städten 
die Verfassungsänderung im 16. Jahrhundert: die Notizen 
sind aber sehr ungleichmässig und unzusammenhängend. 

Viel Material bieten die Arbeiten Jägers, namentlich 



1) Frohnhäuser berichtet, dass in Wimpfen die alten Zünfte 1546 
aufgehoben wurden, und zieht Pistorius, Amoenitates Historico-Juridicae 
(Frankfurt und Leipzig 1731 ff.) als Beweis heran. Dort steht HI, 717 
allerdings als Ueberschrift : „Extractus aus der Stadt Wimpffen Regi- 
ments- und Stadtbuch de Anno 1546'^, aber in dem sich anschliessenden 
guten Abdrucke der kaiserlichen Credenz für Hasse steht das richtige 
Datum, der 16. November 1551. Einige Seiten weiter berichtet der Ver- 
fasser , wieder unter Hinweis auf Pistorius , von der Neuordnung des 
Jahres 1546 und teilt mit , dass die Bildung der „Stuben^ allerdings 
erst 1551 eingetreten sei ; ferner erfahren wir, dass sich nach 1553 kein 
Mitglied adliger Familien mehr in den Stadtämtern findet „wahrschein- 
lich in folge der neuen Begimentsordnung , wonach ihnen, die höchste 
Würde eines Bürgermeisters zu erlangen, durch ein Verbot des Magi- 
strates, der den ganzen Adel von diesem Amt ausschloss, genommen war^. 

Beyschlag bringt es fertig, nachdem er richtig 1551 als Jahr der 
Neuordnung angegeben hat, die neue Verfassung 1549 durch Albrecht 
von Brandenburg uxnstossen und 1550 durch den Kaiser wieder ein- 
setzen zu lassen. 



xm 

sein „Beichs-Stättisches Magazin" , ähnlich J. J. Mosers 
„Reichs-Stättisches Handbuch" , auch Senckenbergs „rare 
Schriften«. - 

Von neueren Sammlungen sind mir v. Dmffels „Briefe 
und Akten" besonders nützlich gewesen. Die neueren Werke 
über deutsche Städteverfassung im allgemeinen vernach- 
lässigen die Verfassung der kleineren süddeutschen Reichs- 
städte. Bartholds Greschichte der deutschen Städte ent- 
behrt der Bürgschaft durch Quellenangabe, v. Maurer, *) 
der vor andern dazu befähigt war, wurde durch die Masse 
des aufgehäuften Stoffes daran verhindert ^ diese Ver- 
fassungsänderungen im Zusammenhange und als Glied in 
der Entwickelungsreihe der Städtverfassung darzustellen. 

lieber all, wo es sich besonders um das Zunftwesen 
und die Zunftverfassung handelt, haben mir Schmollers 
treffliche Schriften, namentlich „die Strassburger Tucher- 
und Weberzunft" (1879), und Neuburgs „Zunftgerichts- 
barkeit und Zunftverfassung" die besten Dienste getan, 
Gotheins Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwalds handelt 
ausführlich von süddeutscher Zunftverfassung, konnte 
aber leider, nur wenig benutzt werden. 

Eine grosse Anzahl guter Aufsätze (so Abhandlungen 
von Baumann, Dobel, Chr. Meyer, Mone und Stieve) sind 
in den Zeitschriften für Geschichte des Oberrheins , des 
Bodensees, Schwaben-Neuburgs , im Schwäbischen Archive 
etc. aufgespeichert. 

Neben Rankes , Bezolds , Egelhaafs und Ritters all- 
gemeineren Werken zum Reformationszeitalter nenne ich 
an neueren Landesgeschichten: Baumanns „Geschichte des 
Allgäu", Stalins „Wirtemberg. Geschichte". 

Eine vollkommen erschöpfende Zusammenstellung der 
ganzen in Frage kommenden Literatur dürfte zur Zeit 
kaum möglich sein* 



1) „Geschichte der St&dteverfassang in Deutschland^^ 1869. 



Vollständige Bezeichnung abgekürzt citierter 

Acten and Bächer. 

G. y., Sp. y. = General-, SpeciaWolumen. — H. I. = Haopttostructioii 
H. 6. I. II. III. = Hasses 1. 2. B. Bericht. 

W. Arnoldf yerfastnngsgeschichte der deatschen Freistftdte. 2 Bde. 
Hamburg n. Gotha 1854. 

F. W. Barthold» Geschichte der deutschen Städte. 4 Teile. Leipzig 1859. 

F. L. Baumann, Geschichte des Allgäu. 2. Bd. Kempten 1884. 

V. Bezold, Geschichte der deutschen Reformation. Berlin 1890. 

▼. Bucholtz, Geschichte der Regierung Ferdinands I. Wien 1835 ff. 

Dobel, Beiträge zur yerüassungsgeschichte von Memmingen, im 3. Jahr- 
gang der Zeitschrift des histor. yereins für Schwaben-Neuburg. 

A. V. Druffel, Beiträge zur Reichsgeschichte 1546 — 52. 8 Bde. Mün- 
chen 1873 ff. 

Egelhaaf, deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Berlin 1885. 

(Chr. Friedr. Essich), Geschichte der Reformation in Biberach. Ulm 1817. 

Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes. I. Bd. Stras8bg.ld92. 

Hecker, der Augsburger Bürgermeister Jacob Herbrot und der Sturz 
des zünftischen Regiments in Augsburg, in der Zeitschrift des histor. 
yereins für Schwaben und Neuburg. Bd. 1. 

Jäger, Magazin der freyen deutschen Reichs-Stätte. 

Keim, Reformationsblätter der Reichsstadt Esslingen. Esslingen 1860. 

D. Langenmantel, Historie des Regiments iu Augspurg. FrankL/Leip- 
zig 1725. 

E. Lanz, Gorrespondenz Kaiser Karls y. 3 Bde. Leipzig 1844 ff. 
Loy, Geschichte von Leutkirch. Kempten 1876. 

V. Maurer, Geschichte der Städteverfassung in Deutschland. 1869. 

J. J. Moser, Reichs-Stättisches Handbuch. Tübingen 1732/33. 

C. Nettburg, Zunftgerichtsbarkeit und Zunftverfassung vom 13. — 16. 

Jahrh. Jena 1880. 
L. V. Ranke, deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. 6. Aufl. 
M. Radlkofer, der Zug des sächsischen Kurfürsten Moritz von Sachsen 

und seiner yerbündeten durch Schwaben 1552, in der Zeitschrift des 

histor. yer. für Schwaben und Neubnrg. Bd. 17. 
Chr. Fr. v. Stalin, Wirtembergische Geschichte. 4. Bd. Stuttgart 1873. 
P.v.Stetten, Geschichte der freyen Stadt Augsburg. Frankf./Leipzig 1743. 
P. V. Stettea der Jüngere« Geschichte d^ adlidien Geschlechter in 

Augsburg. 1762. 
Stieve, die Reichsstadt Kaufbeuren. München 1870. 
Zimmerisdie Chronik, hrogeg. v« Bavakj Jjierftr. yerein ja Stottigfurl, 1869. 



L Die Reformation in den oberdeutschen 
Reichsstädten, der schmalkaldische Krieg, 

das Interim. 

Die Wormser Matrikel von 1521 zählt noch 84 Frei- 
und Reichsstädte Deutschlands auf. Davon ist jedoch 
eine grössere ZaU nie reichsunmittelbar gewesen oder früh 
vom Reiche getrennt oder verpfändet worden. Etwa 65 
können beim Regierungsantritt Karls V. als unzweifelhafte 
Reichsstädte angesehen werden. Die weitaus grössere 
Menge, ca. 50, liegt in Oberdeutschland, davon wieder die 
Mehrzahl, 31 , im schwäbischen Kreise. Diese 31 schwä- 
bischen Reichsstädte kommen hier besonders in betracht, 
in zweiter Linie die 5 des fränkischen Kreises.*) 

Um 1547 zeigen die oberdeutschen Reichsstädte eine 
grosse Verschiedenheit nach politischer Macht und wirt- 
schaftlicher Bedeutung, weniger nach Verfassung und 
Glauben. Im Gregensatze zu den Städten der Schweiz und 
Norddeutschlands ging die Ein- und Durchführung der 
Reformation in den oberdeutschen Reichsstädten fast aus- 
nahmslos unblutig und schnell von statten. Abgesehen 
von dem Einflüsse humanistisch gebildeter Patrizier in 
einzelnen grossen Städten, geschah die Einführung, aus 
der Tiefe des Volkes heraus. Zunächst siegte Zwingiis 
Lehre über die Luthers in ganz Oberschwaben von Kön- 

1) M. Ritter, deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenrefor- 
mation (Stuttgart 1889) I, 12. Barthold; Geschichte der deutschen 
Städte (Leipzig 1859 ff.) IV, 321. 

1 



stanz, Lindau, Isny bis Biberach und Ulm. Noch 1530 
überreichen Strassburg, Memmingen, Konstanz und Lindau 
gesondert die Tetrapolitana. Aber schon im nächsten 
Jahre treten Ulm , Konstanz , Reutlingen , Memmingen, 
Lindau, Biberach, Isny und Esslingen dem schmalkaldischen 
Bunde bei. 1536 folgen Augsburg, Kaufbeuren und Kempten, 
1538 Hall und Heilbronn, 1546 Ravensburg, Bopfingen 
und Dinkelsbühl. Von fränkischen Städten schlössen sich 
1535 Nürnberg , 1536 Rothenburg a/T. ») an. Doch hielt 
Nürnberg dem Bunde gegenüber immer seine eigentüm- 
liche politische Stellung fest, ebenso Regensburg, Rothen- 
burg, Schweinfurt, Dinkelsbühl und Nördlingen. ^) 

Kaiser Karl V. , der glaubenstreue, selbstherrliche 
-Herrscher, konnte die auch ihm nötig erscheinende Kirchen- 
reform unmöglich widerspenstigen Ketzern überlassen. 
Im schmalkaldischen Kriege, — es war die letzte Gelegen- 
heit — sollten die oberdeutschen Reichsstädte Probe ab- 
legen von ihrer einheitlichen Macht und Festigkeit. Einem 
guten Anfange') folgte ein schlechtes Ende. Nicht die 
bessere , sondern die einheitliche Führung und die zähe 
Ausdauer des Kaisers — eine seiner hervorstechendsten 
Eigenschaften — liessen das resultatlose Manövrieren des 
Donaufeldzuges von 1546 zu einer schweren Niederlage 
des Protestantismus werden. Durch einen meisterhaften 
Schachzug, den Einfall des Herzogs Moritz in Sachsen, 
erreichte Karl V. doch noch die Ausführung seines 
Feldzugsplanes , ^) die Alliirten zu trennen! der Abzug 
Johann Friedrichs von Sachsen und Philipps von Hessen, 

1) Hase, EircheDgeschichte (Leipzig 1886) S. 394 ff. v. Stalin, 
Würtemberg. Gesch. (Stuttg. 1873) IV, 411. 

2) Ranke, deutsche Gesch. im Zeitalter d. Reform. 6. Aufl. lY, 805. 

3) Nürnberg war die einzige grössere Stadt aus dem schmalkal- 
discheu Bunde, die sich, den kaiserlichen Gesandten folgend, vom Kriege 
fern hielt; die anderen Städte brachten zunächst willig grosse Opfer 
aller Art, auch die Eriegsiübiuiig war zuerst frisch und im grossen 
Stile gehalten. 

4) Gommentar Karls V. übersetzt von Warnkönig (Leipzig 1862), 
S. 144, vgl. auch Lanz II, 486 ff. 



löste das süddeutsche Heer auf, und Schlag auf Schlag m 
unrühmlichstem Wetteifer unterwarfen sich die oberdeutr 
sehen Reichsstädte auf Gnade und Ungnade. Nur so, nicht 
als „Aussöhnung" lassen sich die harten Bedingungen be- 
zeichnen : an Stelle der ursprünglich verlangten feierlichen 
Bestätigung unbeschränkter Religionsfreiheit die nebenbei 
mündlich abgegebene Erklärung, den Rat „bei seiner ha- 
benden Religion" belassen zu wollen, dann Verzicht auf den 
schmalkaldischen Bund und Versprechen, in keinen anderen 
zu treten, worin nicht der Kaiser Karl und sein Bruder 
König Ferdinand mitbegriffen wären, d. h. die Oberleitung 
hätten, femer Zurückgabe alles dessen, was seit dem An- 
fang des Krieges Greistlichen oder Weltlichen entrissen 
worden, Entlassung des Kriegsvolkes, Gehorsam gegen 
das im Reiche aufzurichtende Kammergericht, endlich eine 
Geldstrafe an den Kaiser und meist daneben Geldbussen 
an Verbündete des Kaisers. ^) Einige Städte , namentlich 



1) Ranke, deutsclie Geschichte 17, 837. 

Vgl. Keim, die Reformation der Reichsstadt Ulm (Stuttg. 1851) 
S. 379 ff. 

Ein nicht ganz genaues Verzeichnis der von den oberdeutschen 
Reichsstädten zu entrichtenden Strafsummen giebt v. Stalin IV, 450 ff. 

Dass sich an den wehrlosen Reichsstädten jeder zu bereichern 
versuchte, der einen auch noch so zweifelhaften Rechtstitel aufzutreiben 
vermochte , beweist am besten der Inhalt eines bei den Specialacten 
Augsburg befindlichen Entwurfes zu einer kaiserlichen Gassation für 
die Stadt N. : der Kaiser hat auf dem letzten Reichstag und nachher 
kennen gelernt, welch verderblichen Schaden die Stadt in den letzten 
Empörungen erlitten hat. Etliche Fürsten , Prälaten , vom Adel und 
andere haben ihres Schadens wegen, den sie im schmalkaldischen Krieg« 
erlitten zu haben „furgeben^, hohe Forderungen an die Regierung der 
Stadt gestellt, die der jetzigen Obrigkeit zu widerlegen nicht wohl 
möglich sein werde. Es würde nicht nur neue Erbitterung dadurch 
herbeigeführt, sondern die Bezahlung würde auch die Stadt ruinieren. 
Deshalb würden alle diese aus dem schmalkaldischen Kriege herrüh- 
renden Forderungen und Klagen jetzt cassiert und jedermann verboten, 
diese Befreiung anzutasten bei Strafe von N. Mark... 

Leider ist der Entwurf weder datiert noch vollzogen. Er atamxht 
vermutlich aus dem Jahre 1550 und ist vielleicht durch Vermittelung 

1* ' - 



Augsburg, müssen ihr längeres Ausharren mit höherer 
Strafsrunme und spanischer Besatzung büssen. 

Es ist den oberdeutschen Reichsstädten mit Vorliebe 
alle oder doch die grösste Schuld an dem unglücklichen Aus- 
gange des Krieges beigemessen worden; die Hauptschuld 
trifft aber die Fürsten, für die sich aufzuopfern den Reichs- 
städten fem liegen musste. Den letzten Stein des An- 
stosses an der Unterwerfung beseitigte die Belassung bei 
der „habenden" Religion. Wie dies zu verstehen sei, soll- 
ten die Städte bald erfahren. — 

Der Kaiser stand nach Niederwerfung der Schmalkal- 
der im Zenith seiner Macht, ohne einer Einigung der 
gespaltenen Kirche viel näher gekommen zu sein. Der 
reformscheue Papst Paul in. verlegte das Concil von Trient 
nach Bologna , der Streit mit dem Kaiser vertiefte sich, 
die Entscheidung des Concils, der sich die Protestanten 
fügen sollten , war in weite Ferne gerückt. Die katholi- 
schen Heisssporne verlangten Ausrottung der Ketzerei; 
der Kaiser entschloss sich, zugleich den Warnungen seines 
Bruders vor einem neuQn schweren Kriege Gehör gebend, 
eine eigenmächtige provisorische Beilegung der religiösen 
Streitigkeiten in Deutschland vorzunehmen. Der milde 
Pflug verfasste mit Beteiligung des strengen Heiding und 
des eitlen Agricola das sogenannte Augsburger Interim, 
das am 16. Mai 1B48 , nur für die Protestanten gültig 
verkündet wurde. ^) Zugeständnisse an die protestantische 
Lehre waren: Austeilung des Abendmahls in beiderlei Ge- 
stalt, Priesterehe, Herabsetzimg der Messe vom Sühnopfer 
zum Dankopfer und Milderung der Fastengebote. Zwei- 
deutig war die Rechtfertigungslehre gehalten. Trotzdem 
hatte das Interim im wesentlichen katholischen Zuschnitt : 
die 7 Sacramente, die Jurisdiction der Bischöfe und der 
ganze Pomp des katholischen Ceremoniells wurden beibe- 

der im neuen Begimente der Stadt Augsburg sitzenden Fagger, Welser 
u. a. erzielt. Ob aber vollzogen? 

Vgl. dazu P. V. Stetten, Gesch. Augsburgs S. 409 ff. 

1) Vgl. Druffel No. 159, XI, a. 3. 4. 



halten. *) Nirgends fand das Machwerk Beifall. „Earl 
erfuhr, was alle Vermittlungspolitiker erfahren, dass den 
einen zu viel däuchte, was den andern noch viel zu wenig 
war ; den Katholischen erschien das Interim als eine Aus- 
kunft elender Schwäche, den Evangelischen als ein Werk 
des Teufels". ^) Eine Flut von Spottschriften ergoss sich 
über das Land. Die 3 Verfasser des Interims, der Kaiser 
und Moritz wurden gleich heftig angegriffen. Der Kur- 
fürst suchte sein weites Gewissen durch das schwächliche 
und sophistische Leipziger Interim zu salvieren. Während 
die einen erklärten: Interim hat den schalk hinter im, 
legten es andere aus als: Ir Nerrischen Teutschen, Ewer 
Räch Ist Mein. ^) Unbeirrt begann der Kaiser die Einfüh- 
rung des Interims. In den Reichsstädten, den Haupt- 
stützen der Reformation, entfaltete sich auch der stärkste 
Widerstand. Am schärfsten in den norddeutschen, die 
nach kurzen Verhandlungen darüber einig waren, „das 
Interim sämmtlich zu verwerfen, Leib und Grut darüber 
zusammen einzusetzen".*) Bürgermeister und Rath von 
Hamburg schreiben am 6. September 1B48 an den Kaiser : 
sie könnten sich nicht tödtlich versündigen durch Ab- 
lassung von Grottes Wort. Der Kaiser möge sie bei der christ- 
lichen Religion nach Christi Einsetzung bleiben lassen. *) — 
Nicht so einfach stellte sich die Sache in Süddeutsch- 
land. Es bedurfte eines „dapferen Ratschiagens". Hier 
waren die Reichsstädte eben erst „ausgesöhnt", sie hatten 
noch schwer zu tragen an den Opfern, die ihnen der schmal- 
kaldische Krieg auferlegt hatte ; einen Teil der Städte be- 
reitete spanische Einquartierung kräftig zur besseren Wür- 
digung der Segnungen des Interims vor, der Kaiser leitete 



1) Bezold a. a. 0. p. 807. 

2) Egelhaaf, deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. 
Berlin 1885. S. 145. 

3) Zimmerische Chronik lY, 26. 

4) Ranke, D. G. V, 48. 

5) y. Druffel , Acten und Briefe z. Gesch. d. XVL Jahrh. III. Bd. 
No. 159, XV. 



selbst die ersten Schritte, sein umfangreicher Beamten- 
apparat arbeitete mit Hochdruck : da war es nicht zu ver- 
wundern, wenn sich die oberdeutschen Reichsstädte nicht 
zu dem opferwilligen Mute, der offenen Absage der Nord- 
deutschen aufschwangen. 

Zuerst und schnell unterwarf sich Nürnberg. Der 
Kaiser liess die Mitglieder des Rates wissen, er werde 
sich von jedem einzelnen Resolution einholen; das half, 
sie baten nur, ihnen Zeit zu lassen. ^) In den Antworten 
Augsburgs , Memmingens , Regensburgs , Frankfurts etc. 
wird betont, dass die Annahme gegen das Gewissen der 
Ratsherren, aber doch erforderlich sei , um das Verderben 
der Stadt zu verhüten. Der Vicekanzler Heinrich Hasse 
spottet über die Grewissensbisse des Gresandten der Frank- 
furter und meint, sie hätten Conscienzen wie Barfüsserär- 
mel, die ganze Klöster verschlingen. Als der Stadt Biberach 
das Interim durch die kaiserlichen Räte mitgeteilt worden 
war, antwortete der Rat am 3. Juni 1548 : „er kenne die 
grosse Sorgfalt, die der Kaiser auf die Wiederherstellung 
4er Ruhe und Einigkeit in Deutschland verwende und 
wisse, dass er den kaiserlichen Befehlen Gehorsam schul- 
dig sei ; da aber einige Artikel in dem Ratschlage gemeiner 
Bürgerschaft Gewissen zuwider seien , so bitte und flehe 
er ... , die von Bibrach bei ihren bisher gehabten Kir- 
chengebräuchen bis zum Austrage eines Concils mildiglich 
verbleiben zu lassen; wenn nicht, wollten sie gehorchen 
in der Hoifnung, dieselbe Milderung wie event. andere 
Stände zu erlangen". Darauf erfolgte am 7. Juli d, Js« 
ein sehr strenger kaiserlicher Befehl, man solle bei schwerer 
Strafe das Interim unverzüglich einführen. Es musste nun 
wenigstens etwas geschehen. Der neu beschaffte „Helfer" 
wurde allerdings nur verspottet. ^) Ein neues kaiserliches 
Schreiben und ein sich anschliessendes vom Bischof von 
Konstanz verlangen Bericht über den Fortgang des In- 



1) Ranke, D. G. V, 41. 

2) (Essich) Gesch. Bibrachs S. 60. 



terims. Dieser erfolgt am 18. December 1548, vom Bürger- 
meister Grrätter verfasst, bietet aber wenig Positives, 
für den Kaiser Erfreuliebes dar, neben lauten IQagen 
über den unehrbaren Wandel der katholischen Greistlich- 
keit. Aehnliches ist von den meisten der oberdeutschen 
Reichsstädte zu berichten. Wie der Cardinal Otto von 
Augsburg die Einführung auffasst, bezeugt seine neue 
Weihung der Kirchen und Gottesäcker in Donauwörth. ^) 
Bürgermeister und Rat von Buchhorn schreiben*): sie 
sind stets bei der alten Religion geblieben, nehmen das 
Interim, welches sie noch nicht genau kennen, in der Er- 
wartung an, dass es der alten Lehre entspricht. In den 
meisten dieser Städte wurden den Katholiken die Dom- 
kirchen eingeräumt, aber die Prediger fehlten. Bekannt 
ist, dass der Bischof von Strassburg zu Weihnachten 1549 
den katholischen Grottesdienst beginnen wollte , aber erst 
am 1. Februar 1550 celebrieren konnte, weil die Geist- 
lichen desselben nicht mehr hinlänglich kundig waren.') 
Aus den meisten Städten erscholl die Klage über Mangel 
an geeigneten Geistlichen; die um Hilfe angegangenen 
Bischöfe hatten für ihre eigenen Sprengel nur ungenügende 
Vertretung, päpstliche Indulte mussten erlassen werden. 
Der Kaiser machte auch in diesem Falle die Erfahrung, 
dass Zerstören leichter als Aufbauen sei. Obwohl die 
Massregeln immer schärfer wurden und zu Massregelungen 
übergingen — ca. 400 evangelische Prädikanten sollen vom 
Amte gejagt sein — , obwohl der Cardinalbischof Otto, von 
Augsburg, der Hauptbevollmächtigte des Kaisers eine be- 
wundernswerte Tätigkeit entfaltete *) : Pighinus urteilt 



1) Schreiben Donauwörths v. 4/8. 48. Druffel No. 159. XV. 

2) am 19. Juni 1548. Druffel No. 159. XV. 

3) vgl. Bucholtz , Gesch. d. Regierung Ferdinands I. Wien 1835. 

VI, 317 ff. 

4) Entwurf einer Geschichte der Fürsten von Waldburg von Vanotti 
im 2. Heft des Jahrgangs 1834 der Württemberg. Jahrbücher für Sta- 
tistik u. Landeskunde. S. 233 ff.: Otto, Cardinal und Bischof zu Augs*- 
burg, geb. 1514, seit 1545 durch Ferdinand Bischof, grosser U^uüf ge- 



8 

richtig, wenn er wiederholt aus Deutschland berichtet, 
er finde einen äusseren Schein von Religion , hervorgebracht 
durch die Siege und Edicte des Kaisers, aber die Gemüter 
mehrenteils abgewandter als je, und die Messen würden in 
leeren Kirchen gelesen.^) 

Die Behauptung des Kaisers: „der schmalkaldische 
Ej:ieg sei kein Religionskrieg", hatte durch das Verhalten 
der oberdeutschen Reichsstädte ihre einseitige Bestätigung 
gefanden, denn sie hatten in der Tat nicht mit dem hei- 
ligen Ernst und dem Opfermute gekämpft, den ein Reli- 
gionskrieg verlangt ; ihr jetziger nur passiver, aber um so 
zäherer Widerstand gegen das Interim bestätigte die Be- 
hauptung König Ferdinands, dass zur gewaltsamen Durch- 
führung des Interims, geschweige denn der vollständigen 
Wiederherstellung des alten Grlaubens, ein neuer und 
schwererer schmalkaldischer Krieg erforderlich sein werde. ^ 
Während die grösseren Fürsten ihrer Pflichten als Vor- 
lehrt, gewandt in Geschäften, fest , mutig , übte , an die Spitze der ka- 
tholischen Fürsten Deutschlands gestellt, auf seine Zeiten, besonders in 
Beziehung auf die sich immer mehr ausbreitende Beformation, einen 
bedeutenden Einfluss aus. Selbst an der Veränderung, welche Kaiser 
Karl mit dem städtischen Regimente zu Gunsten der Patrizier vornahm, 
soll Otto nicht unbedeutenden Anteil gehabt haben. 

Der Cardinalbischof fragte am 5/12. 48 beim Rate von Esslingen 
an : ob die Lehre nach dem Interim gehalten werde ; ob die Geistlichen 
ordentlich berufen, geweiht, bestätigt seien , ob die Sacramente, Taufe, 
Ehe^ Busse, letzte Oelung mit allen Ceremonien geübt werden, die Messe 
Insbesondere mit Canon und allen Ceremonien, Ornaten^ geweihten 
Kelchen etc.; wie, wann und von wem das Sacrament des Altars ge- 
geben werde; ob das Gedächtnis der Heiligen, der Unterschied der 
Zeiten und Speisen bestehe: vgl. Keim, Reformationsblätter von Ess- 
lingen S. 144. 

1) Berichte vomll./lO., 6./11., 26./12. 1548. Bucholz a. a. 0. VI, 308. 

2) In Dr. Fuchs Entwürfe zu einem sächsischen Gutachten über 
die Ordnung der Religionsverhältnisse — Druffel No. 159, X — wird 
davor gewarnt, vor dem Concil, worauf die Entscheidung des Zwiespalts 
stets verschoben worden sei , Aenderung in der Religion zu machen : 
„Dringt man in den gemeinen Mann , so ist Aufstand und Empörung 
zu besorgen; die Religion ist ins Herz gepflanzt und daraus one dazu 
gebürliche remedia schwerlich zu rotten^. 



9 

kämpfer bedrohten Grlaubens zumeist wenig eingedenk 
waren, und auch in den Reihen der evangelischen Geist- 
lichkeit sich vielfach nach der ersten Erhebung Schwanken 
und Abfall zeigte^) — Melanchthons Bild erscheint grade 
in dieser Zeit arg getrübt — , da rettete das niedere Volk 
und vor allem das der Reichsstädte die Ehre des Namens 
„Protestanten". Es empfand, dass die tiefe Kluft zwischen 
dem „alten und neuen Grlauben" interimistisch nicht aus- 
zufüllen war und machte einen grossen Teil der Sünden 
des schmalkaldischen Krieges wieder gut. ^) 

Der Kaiser, wie immer, so auch hier zäh ausharrend 
in dem einmal gefassten Beschlüsse , machte einen letzten 
Versuch zur Bewältigung des Widerstandes der oberdeut- 
schen Reichsstädte : er änderte die Verfassung der Städte 
von Grund aus. 



n, Zunftverfassung, Zunftaufhebung. Karls V. 

Stellung zu den Städten. 

Die schnelle Durchführung der Reformation, die über- 
raschend einheitliche Beteiligung am schmalkaldischen 
Kriege, der zähe und erfolgreiche Widerstand gegen das 
Interim war nur möglich, weil die Masse der Handwerker 
und Gewerbetreibenden die Verwaltung der Städte be- 
herrschte und dadurch die von einem mächtigen Clerus 
und einem einflussreichen Patriziat in den Weg gelegten 
Hemmnisse leicht durch Gesetz beseitigen konnte. Das 
Mittel zur Herrschaft war die ura die Mitte des 16. Jahr- 



1) V. Druffel No. 370. 

2) Um die Mitte des 16. Jahrh. waren wohl die meisten Prote- 
stanten zu der Ueberzeugung gelangt, dass eine Wiedervereinigung mit 
der allein selig machenden Kirche unmöglich sei. Das immer wieder- 
kehrende Verlangen namentlich der Städte, „sie bei ihren bisher ge- 
habten Eirchengebränchen bis zum Austrage eines Concils zu lassen^, 
war wohl meist nur eine Formel des passiven Widerstandes, eine Art 
„Hinter sich bringen" in der stillschweigenden Hoffnung, damit einen 
Aufschub für alle Zeiten zu erlangen. 



10 

himderts in fast allen oberdeutschen Reichsstädten einge- 
führte sogenannte Znnftverfassnng. Voraus ging auch 
hier eine Greschlechterverfassnng , eine Herrschaft der 
besten und weisesten , d. h. der reichsten und dadurch 
mächtigsten Grrossgrundbesitzer und Kaufleute , die den 
Namen Bürger für sich allein beanspruchten, ebenso die 
Besetzung aller Aemter in Rat und Grericht, sowie den 
Genuss aller anderen Rechte und „Freiheiten", die in lang- 
wierigem Kampfe von den ursprünglichen Stadtherren auf 
die Städte selbst übergingen. 

Diese Plutocratie hat grosses geleistet für die Ent- 
wickelung poUtischer Selbständigkeit und wirtschaftHcher 
Blüte in den oberdeutschen Reichsstädten , aber mit der 
Zeit führte der unumschränkte Grebrauch der Herrschaft 
vielfach zu grobem Missbrauche. Schon seit Mitte des 16. 
Jahrhunderts entwickelt sich die an Zahl und Wohlstand 
stetig wachsende Menge der Handwerker und G-ewerbe- 
treibenden zu Genossenschaften, Zünften, Verbänden, zu 
einem dritten Stande, der Berücksichtigung seiner Sonder- 
interessen verlangen durfte. Um 1300 werden in mehreren 
grösseren Städten die alten Vollbürger, das Patriziat, ge- 
zwungen, den Zünften eine Vertretung im Rate zu be- 
willigen. Aber die Vertretung ist überall ungenügend. 
Wenn es hoch kam, wurde den 2 Bänken der patrizischen 
Ratsherren eine dritte, die Zunftbank beigegeben, deren Mit- 
glieder nie auf Stimmenmehrheit rechnen konnten, oder es 
wurde auch nur den Zünftlem erlaubt, sich eine kleine Zahl 
von Geschlechtern als Vertreter im Rate wählen zu dürfen. 
Nirgend zeigt sich rechtzeitig freiwilliges Entgegenkommen 
der Patrizier ; überall bemühen sie sich, den aufstrebenden 
Zünftler vom Genüsse der bürgerlichen Rechte fernzuhal- 
ten, namentlich durch Einführung der lebenslänglichen 
Dauer von Rats- und Gerichtsämtern und des Selbster- 
gänzungsrechtes dieser Behörden. 

Den Anstoss zur Empörung des Handwerkerstandes 
gab meist die schlechte Pinanzwirtschaft, namentlich die 
Auflage neuer drückender Steuern, 



u 

Bas 14. Jahrhundert ist die Zeit der Zunftkämpfe und 
-siege. Die Reichsstädte des schwäbischen Kreises folgen 
dem Beispiele der rheinischen Grossstädte und führen, im 
Gegensätze zu den Städten am Rhein und in der Schweiz, 
fast ohne Kampf die Zunftverfassung ein. Die Geschlech- 
ter sind durch die blutigen Niederlagen in den rheinischen 
Bischofsstädten eingeschüchtert, auch in den meisten Städten 
gering an Zahl und uneinig. In manchen Städten fanden 
die Zünfte auch den Grundherrn auf ihrer Seite. *) Ein 
grosser Teil der Geschlechter wanderte aus. Es fehlte 
nicht an gewaltsamen Versuchen zur Wiederhefstellung 
des alten Machtverhältnisses, die nicht immer vergeblich, 
aber nur von vorübergehendem Erfolge waren. Nur in frän- 
kischen Reichsstädten, in Nürnberg, Frankfurt a./M. und 
Rothenburg a./T. gelang es dem Patriziat , mehr durch 
rechtzeitiges Entgegenkommen als durch Gewalt, die alte 
Verfassung mit geringen Aenderungen in die Neuzeit hin- 
über zu retten. 

Die Form der Zunftverfassung, die sich eng an das 
Muster der rheinischen Bischofstädte anschloss, zeigte in 
den einzelnen Städten wenig Verschiedenheit. Die klein- 
sten der Republiken, die von Acker- und Weinbauern be- 
wohnt wurden und den Charakter der Landstadt rein be- 
wahrt hatten, *) machten zwar die Mode mit, wussten aber 
mit dem complicierten Apparate wenig anzufangen. In 
der Mehrzahl der grösseren Städte wurde die Zunftver- 
fassung in der strengsten Form durchgeführt, zur Stadt- 
verfassung erhoben. Die in der Stadt bleibenden Ge- 
schlechter müssen sich wie die Kaufleute in die Zunftord- 
nung einfügen. Sie werden als Gross-Bürger- oder Herren- 
zünfte in allen Verzeichnissen an der Spitze aufgeführt, 
haben jedoch kein Vorrecht bei Besetzung der Aemter 
und sind im Nachteil durch ihre geringe Zahl. Zwar 
wurde ihnen meist im Laufe der Zeit in gerechtfertigter 

1) Baumann, Gesch. d. Allgäus n 255, 258; Barthold IV 25, vgl. 
auch m 116. 

2) Aalen, Buchau, Bopfingen, Wangen n. a, 



12 

Anerkennung ihrer Grescliäftserfahmng und Macht ein Vor- 
zug bei Besetzung der höheren Stellen eingeräumt, doch 
blieb auch in Städten mit zahlreichem, mächtigem Patriziat 
selbst im kleinen Rat und im Grericht den Ztinffclem im 
engern Sinne immer die Stimmenmehrheit gewahrt. 

Zur bessern Sicherung der Zunftherrschaft wurde fast 
in allen grösseren Reichsstädten Oberdeutschlands dem 
engeren, täglichen, kleinen Rate ein weiterer, äusserer, 
grosser Rat beigegeben, der nach dem Verhältnisse von 
Patriziern und Zünftlern im engern Sinne ganz oder fast 
ganz von Mitgliedern der Handwerkerzünfte, besonders der 
Zunftgerichte besetzt war. Im grossen Rate, als dem Ver- 
treter der ganzen Zunftgemeinde, war die höchste Macht 
zusammengefasst. Er hatte nicht nur die Aufsicht über 
die Geschäftsführung der Bürgermeister (Städtemeister) 
und des kleinen Rates, des Ammanns tmd Grerichts : er gab 
auch die Entscheidung, wenn es sich um Krieg und Frie- 
den, neue Gresetze, neue Steuern handelte. In seiner Hand 
lag femer durch die Wahlordnung auch die Besetzung von 
Rat, Grericht und Einzelämtem. Aus diesem grossen Rate 
wurden endlich die wichtigen Sicherheits- und Wohlfahrts- 
ausschüsse genonmien, die Vierer, Siebener, Elfer etc, 
denen die Kassenverwaltung, das Polizeiwesen, die Armen- 
pflege, die Aufsicht über Bauten, Steuern, Befestigungen, 
militärische Organisation und anderes anvertraut war. 
In manchen, namentlich kleineren Städten wurde in be- 
sonders wichtigen Fällen die ganze Gremeinde zur Bera- 
tung oder zur Entscheidung herangezogen. 

Eine wichtige und bald gemeinsame Bestimmung war, 
im Gregensatze zu der Greschlechterverfassung, die jähr- 
liche Neuwahl sämmtlicher Mitglieder oder doch der Hälfte 
bei allen Behörden. 

Zahlreiche Aenderungen — Strassburg besserte von 1334 
— 1482 sechzehn mal *) — sind erklärlich durch die Schnel- 
ligkeit und Grleichmässigkeit der Einführung. Sie betrafen 



1) Arnold n 378. 



13 

aber zunächst meist nur das Verhältnis der Stimmenzahl 
von patrizischen und zünftlerischen Rats- und Grerichtsmit- 
gliedern oder das Mass von Selbständigkeit in Zunftver- 
waltxmg und Zunftgericht, ohne di« Grundlage der neuen 
Verfassung zu ändern. 

„Wie überall in der menschlichen Geschichte, sowohl 
in der Geschichte der einzelnen, wie in der ganzer Völker, 
folgte auch bei den Zünften auf eine lange, harte Periode 
glorreichen Wachstums nur eine verhältnismässig sehr kurze 
Zeit vollkommen reiner Blüte. Die Spitze des Berges, 
die erklommen wurde, war unendlich schmal".*) Die 
Zünfte, namentUch die privüegierten, und die „geschenkten« 
Handwerker, machten sich oft durch übermütige Anmassung 
verhasst: es bildete sich vielfach eine zünftische Eatsochlo- 
kratie, die der patrizischen Oligarchie an Herrschsucht 
nichts nachgab; in vielen Städten handhabten die Zünfte 
die Ausübung der öffentlichen Gewalt in einer Weise, die 
nicht in den Kahmen auch der ausgedehntesten Selbstver- 
waltung passte. Dazu kamen Streitigkeiten der Zünfte 
unter sich, übermässiges Anwachsen der einen. Zusammen- 
schmelzen der andern und ähnliche böses Blut erregende 
Missstände. Als Gegenmittel wurden vom Rate oder der 
Gemeinde Aufhebungen, Minderungen, Zerlegungen, Schliess- 
xmgen von offenen Zünften, Aufteilungen in andere Zünfte 
u. ähnl. angewendet. Hier handelt es sich immer nur um 
einzelne Zünfte. Doch findet sich auch schon frühzeitig, 
und nicht nur in Deutschland, ^) die Aufhebung sämtlicher 
Zünfte, d. h. die Aufhebung der Zunftverfassung als Straf- 
und Schreckmittel gegen einzelne Städte. Die Aufhebung 



1) L. Brentano, die Arbeitergilden der Gegenwart 146 (Lpz. 1871). 

2) Bereits 1383 wird in Amiens die sehr freie Zunftverfassung 
durch den König beseitigt, weil sich die Zünfte an Unruhen beteiligt 
hatten. Die Zünfte verlieren ihre Ratsfähigkeit und damit ihre poli- 
tische Stellung. Sie verlieren selbst den Namen, ihre Vorsteher werden 
künftig vom Stadtrate ernannt. Nur spät erst, nach manchem vergeb- 
lichen Versuche, gelingt es diesen Zünften, kümmerliche Reste der alten 
Herrlichkeit wieder zu erlangen. Neuburg S. 191 ff. 



14 

ist dann gewöhnlich dtirch Beteiligung an äusseren Unruhen 
veranlasst und vom Kaiser oder sonstigen Landesherren 
angeordnet. „Die Aufhebung der Zünfte . . . besteht da- 
rin, dass den Gewerben die selbständige Gerichtsbarkeit 
und die selbständige finanzielle Existenz genommen wird; 
das materielle Gewerberecht für die einzelnen Gewerbe 
wird daneben voUständig aufrecht erhalten, nur die Organe 
der Controle , die zur Strafe befugten Behörden haben 
sich geändert. Das nannte man Aufhebung der Zunft, 
weil man in der selbständigen Gerichtsbarkeit und dem 
selbständigen Steuererhebungsrechte das Wesen derselben, 
den Kern ihrer Macht sah". ') Die sogenannte Aufhebung 
der Zünfte, d. h. die Aufhebung ihrer politischen Selbstän- 
^gkeit, war oft mit einer Minderung der Zünfte oder der 
ratsfähigen Zahl von Mitgliedern verbunden und wurde 
dann zu einer Wiederherstellung der alten Verfassung. 

Eine Aufhebung der Zünfte fand statt unter Karl IV. 
in Nürnberg 1349, Esslingen 1360, Frankfurt 1366, in den 
sechs Städten der Oberlausitz 1367; unter Sigismund in 
Konstanz 1340, Bamberg 1435, Schweinfurt 1446. ^) Auch 
das scharf anhebende Zunftaufhebungsstatut für TJeberlin- 
gen (1461) wird bei näherem Zusehen zur Beschränkung 
der Gerichtsbarkeit der Zunftmeister auf Handwerkssachen 
und Herbergsstreitigkeiten.*) Strenger waren die 1430 
für Konstanz getroffenen Bestimmungen: Minderung des 
kleinen B;ates auf 20 Mitglieder , dazu nach Bedarf ein 
grosser B;at von 30 , der nicht gesondert tagen darf — 
früher spielte der grosse Rat der Zunftmeister die Haupt- 
rolle — ; den Geschlechtem werden in beiden Behörden 
die Hälfte der Sitze eingeräumt. Die Zünfte, der Ursprung 
aller Wirren , werden durch Zusammenlegung auf die 
Hälfte gemindert, zwei auf ewig abgeschafft, ihre Mitglie- 



1) G. Schmoller, Strassburg zar Zeit der Znnftkämpfe (Strassb. 
1875) S. 11. 

2) Barthold IV 47, 62, 76, 250. 

3) Neuburg S. 271. 



X. 



15 

der in die andern Zünfte verteilt nnd für ratsnnfahig 
erklärt.*) 

Noch schärfer ging Erzherzog Albrecht bei der Znnft- 
•aufhebung in Freyburg 14B4 vor. Sie erinnert in Be- 
gründung und Ausführung auffallend an den Verfassungs- 
stürz der oberdeutschen Reichsstädte durch Karl V. 
„Parteiungen und Irrungen", erklärt Erzherzog Albrecht, 
„hätten meistenteils von den Zünften und Zunftmeistern 
ihren Ursprung genommen. Durch die Zünfte kämen viele 
Personen in den Rat, die nicht angesehen, nicht tauglich, 
nicht vermögend genug für die Verwaltung einer so nam- 
haften Stadt seien : Handwerker, die nichts anderes hätten, 
als was sie mit ihrer täglichen Arbeit gewinnen, und sonst 
noch ungeschickt seien". Zünfte, Zunftmeister und Trink- 
stuben im alten Sinne, d. h. Rathäuser für die Zünfte, wer- 
den abgeschafft, nur für die „erbaren" Greschlechter blei- 
ben die alten Trinkstuben bestehen. Die Stadt wird in 
Viertel geteilt , deren Vorsteher nicht , wie früher die 
Zunftvorsteher, gewählt, sondern vom Rate ernannt wer- 
den. Dieser wird auf 24 Mitglieder beschränkt. Davon 
werden 6 von den Handwerkern und der ganzen Gemeinde 
gewählt, ferner können die 6 Viertelmeister, die vom Rate 
abhängig sind, zugezogen werden, die übrigen sind Ge- 
schlechter. Alle Selbstverwaltung geht den Vierteln, d. h. 
den früheren Zünften verloren, alle Strafgewalt wird dem 
Stadtgericht übertragen. Für jedes Viertel wird eine 
neue Trinkstube eingerichtet, die jedoch nur zu Festlich- 
keiten der Handwerker benutzt werden darf und unter 
strenger Aufsicht des Rates steht. Auch hier bleiben die 
Zünfte, wenn sie gleich den Namen verlieren, als gewerb- 
liche Abteilungen bestehen; ebenso bleibt der materielle 
Inhalt ihrer Statuten: aber die Selbstbestimmung geht 
vollständig verloren, denn der Rat giebt jedes Jahr jedem 
Gewerbe einen vereidigten Vorsteher und unterstellt je- 
den Beschluss des Rates seiner Bestätigung. ^) 

1) Gothein I 353. 

2) Qothein I 875. 



16 

Aach in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts finden 
sich Zunftaufhebnngen in Menge. Münster verliert 1537 
vorübergehend seine Grildenverfassnng, Lübeck nach Wnl- 
lenwebers Sturz; mehr im Süden hatten schon vorher na- 
mentlich fränkische Städte ihre Haltung im Bauernkriege 
mit Zunftaufhebungen büssen müssen. Karl V. hatte be- 
reits 1B20 den Bürgerausschuss in Wien beseitigt. Sechs 
Jahre später hob dort sein Bruder Ferdinand die Zunft- 
verfassung auf, d.h. er beseitigte die politische Selbstän- 
digkeit der Zünfte, entzog ihnen die freie Wahl der Be- 
hörden und überliess ihnen nur noch das Vorschlagsrecht. 
Es sollte fernerhin ein Eat von 100 der besten Bürger 
gewählt werden, die kein Handwerk trieben. Davon bil- 
deten 12 mit dem Bürgermeister den Stadtrat, 12 das 
Stadtgericht und 75 den äusseren Eat. *) 

Wenn man nicht auf die alten Einungsverbote unter 
Friedrich 11. u. a. zurückgehen will, betrafen all die Zunft- 
aufhebungen, die fast zu einer Stadt verbundenen Sechs- 
städte der Oberlausitz kaum ausgenonmien , nur je einen 
Fall, eine Stadt, und deshalb waren sie verhältnismässig 
leicht durchzuführen. 

Anders der Verfassungssturz unter Karl V. Er war 
kein Freund der Städte: hatte er doch mit seinen spa- 
nischen Städten trotz aller königlichen Corregidoren 
üble Erfahrungen genug gemacht. In den dortigen 
Communeros ging allerdings der Widerstand mehr vom 
Stadtadel als von den niederen Ständen aus. Karl ver- 
suchte lange vor Ludwig dem XIV. dessen Wort „l'^tat 
c'est moi" mit Glück zu verwirklichen und gab den deut- 
schen Fürsten ein verführerisches Beispiel von Absolu- 
tismus. Ein solcher Herrscher konnte unmöglich Wohl- 
gefallen finden an dem freien, oft trotzigen Bürgersinne, 
wie er sich namentlich in den Reichsstädten äusserte. *) 

1) Maurer IV 236; Hasemann „Gemeinde** in Ersch und Gruber 
Section I Teil 57. 

2) Hecker, in der Zeitschrift f. Schwaben - Neuburg Bd. 1 S. 73 
geht freilich zu weit, wenn er sagt „Carl V. scheint es als seine spe- 
cielle Aufgabe aufgefasst zu haben, das Bürgertum in seine Schranken 
zurückzuweisen**. 



17 

Andrerseits war Karls Machtstellung nicht zum gering- 
sten Teile von der finanziellen Unterstützung der reichs- 
städtischen Bankiers in Augsburg, Ulm und Nürnberg ab- 
hängig. Nicht dass diese Bankiers bei dem Kaiser be- 
sonders beliebt gewesen wären : er musste sich von Fugger 
sagen lassen, der Kaiser möge sich doch daran erinnern, 
dass sein Kaisertum von Fuggers Gnaden sei , dass nur 
Fuggers Geld Karls Wahl zum deutschen Kaiser ermög- 
licht habe , *) und jede Unterstützung musste durch recht 
hohe Zinsen vergütet werden. Aber die Geldmächte waren 
dem Kaiser unentbehrlich.^) Deshalb auch das doppelte 
Gesicht der städtischen Politik des Kaisers in Deutsch; 
land. So lange die Ziele und Wünsche der reichsstädti- 
schen Gemeinde mit denen der reichen Patrizier überein- 
stimmten , erfolgten zahlreiche und wichtige Privilegien 
aller Art;^) sobald aber die Zunftgemeinden es wagten, 
im Gegensatze zu den Patriziern eigene Wege zu gehen, 
traten Massregelungen an die Stelle der Privüegieh. Ent- 
scheidend für den Kaiser war der Widerstand der ober- 
deutschen Reichsstädte in der Kirchenfrage. Den letzten 
Anstoss aber zur Aenderung der Verfassung und zugleich 
die Andeutung, wie sie zu erfolgen habe, gaben dann das 
Gutachten des Herzogs von Baiern und die Beschwerde- 
schrift der Augsburger Geschlechter. Des Herzogs Wil- 
helm von Baiern geheimes Gutachten in der Eeligions- 
frage*) ist gegen Ende 1547 verfasst worden. Der 
Herzog erklärt die gänzliche Wiederherstellung der alten 
Religion im grössten Teüe Deutschlands für ausführbar, 
und meint, auch bei Duldung der Augsburger Confe^sipn 



1) Bezold 197. 

2) Deshalb gelang es ihnen, auch trotz aller Feinde and aller 
Eeichstagsbeschlüsse, ihre Monopole zu behaupten; vgl. v. Eluckhohn, 
zur Geschichte der Handelsgesellschaften ... in : Historische Aufsätze 
dem Andenken an Georg Waitz gewidmet (Hannover 1886) S. 6^66 ff. 

3) Noch 1544 bestätigte der Kaiser die neuen Statuten von Wim- 
pfen : Heid, Gesch. Wimpfens S. 90 ff. 

4) Druffel fll 65 ff. (No. 159, VIH). - 

• 2 



18 

sei die Rückgabe der geistKchen Güter an die Katholiken 
und die Duldung der Katholiken auch in protestantischen 
Gebieten wohl zu ermöglichen. Als Mittel zur Durch- 
führung empfiehlt er unter andern:*) „zum dritten, und 
dises wirdet der furtreglichist Weg sein, das in den . Stet- 
ten die Personen der Regierung zum allerfurderlichsten 
verendert, und erber, anseKche und cristliche Personen 
zu obern gesetzt werden, dann in der ganzen Welt und 
je und alwegen haben die Untertonen irn Obrigkaiten in 

guetem und pösem nachgevolgt ; zum fünften, 

das die Bevestigungen bei den starken Stetten zerrissen 
wurden . . . ." 

HL. Verfassungsänderung in Augsburg und 

Ulm. Vorbereitungen zur Aenderung in den 

übrigen oberdeutschen Reichsstädten. 

Die Patrizier von Augsburg gingen schon bei der 
1538 ins Werk gesetzten Vermehrung der Geschlechter 
mit Anschlägen um, wie sie den Kaiser Karl V., der 
kein Freund der zünftischen Regierungen gewesen, be- 
wegen möchten, ihnen das Regiment wieder zu überlassen. *) 
Anfang 1548 gaben „die fürnemste Geschlechter bey dem 
Kayser, der sich solche Veränderung ohne dem schon, 
nach Ueberlegung mit seinen Räten, vorgenonunen hatte, 
und von der Sache gründlich unterrichtet sein wollte, eine 
weitläuftige Deduction ein, in welcher sie mit einer schar- 
fen Feder die bisher entstandene Ungelegenheiten des 
zünftlichen Regiments anführten, die Schuld des schmal- 
kaldischen Krieges auf dasselbe schoben, und eine unum- 
gängliche Nothwendigkeit behaupteten, das Regiment der 
Stadt zu verändern und den Geschlechtern als den Ver- 
ständigern und zur Verwaltung des Regiments Geschick- 
tem wiederum zuzustellen und einzuräumen".^) Die Be- 



1) Druffel III 74 (No. 159 VIII). 

2) V. Stetten, Gesch. d. adlig. Geschlechter S. 154. 
8) Langenmantel S. 67—83. 



19 

schwerde ist allerdings von einer scharfen Feder geschrie- 
ben und enthält wohl sämmtliche Klagen, die je gegen das 
Zunftwesen bis dahin vorgebracht waren. Die Beschwer- 
deführer halten es für Unrecht, dass eine so uralte, mäch- 
tige und weitberühmte Stadt, die an namhaften Personen 
alter Greschlechter so reich sei, von dem groben unverständi- 
gen Pöbel regiert werde. Die Söhne der Erbarkeit, ^die 
in Zeit ihrer Jugend wandern, in Rechten und andern 
guten Künsten studieren und Weltgeschicklichkeit erfah- 
ren, auch bei Kaysern, Königen, Fürsten und Herren an 
Höfen dienen, Grnad und Kundschafft erwerben", diese 
trefflichen Bürger „in allerley Facultäten" würden von 
den groben Zunftmeistern für „Zügling*) und suspect" ge- 
halten und nur selten zum Rate gezogen. So komme es, 
dass die Stadt namentlich in ihren Vertretungen nach 
aussen nur Spott ernte. „Neulicher Jahr hat die Höchst- 
gedachte Königl. Majest. selbst beredt, ob die Statt Augs- 
purg niemand andern zu schicken gehabt, dann einen Nar- 
ren, einen Nestler und einen Trunkenbold, dann derselben 
Gesanten zu Ihrer Majest. seyn zween Herren samt einem 
vollen Stattschreiber gewesen, item sobald solchen ein 
Antwort oder Bescheid gefällt, darauf ein solcher Stock- 
fisch wider handien soll, kaner, als der weder Kunst noch 
Erfahrung hat, sich zu keiner Ableinung gar nicht schicken", 
sondern er müsse sich zu Hause Rats holen und sich einen 
erfahrenen Patrizier beigeben lassen. Dem dunklen uner- 
fahrenen Herkommen des Pöbelvolkes wird der uralte 
Titel der Erbarkeit gegenübergestellt. Die armen Leute 
im Regimente seien vielen Verführungen ausgesetzt, Be- 
stechungen und Veruntreuungen seien an der Tagesord- 
nung. Oder der arme Zunftmeister büsse während der 
Amtstätigkeit sein geringes Vermögen ein und falle dann 
"mit seiner Familie den Pfründen oder den Spitälern der 
Stadt zur Last. Erfahrene und Wohlhabende gehörten 
ins Regiment, die die Last des Amtes tragen könnten, 
ohne ihr Geschäft dabei zu Grunde zu richten. Ferner 

1) d. h. Einzügimg, Nackzugling, später eingewandert. 

2* 



20 

wird den unruhigen Zimftlern die alleinige Schuld am 
Abfall vom Kaiser und von der Religion beigemessen. 
Ein Teü der Erbaren habe gegen die Vertreibung der 
alten Geistlichkeit protestiert und sei deswegen aller Aem- 
ter entsetzt worden. In Nürnberg, wo die Geschlechter 
eigene Verwaltung hätten, sei viel bessere Administration, 
namentlich ein viel milderer, leidlicher Weg reformierter 
Religion mit den alten christlichen Ceremonien. Die 
volle Schale des Zornes ergiesst sich über das Haupt Ja- 
cob Hörbrots, des „Redlinführers", der in den schwärze- 
sten Farben gemalt wird. Hörbrot sei nur durch Be- 
stechung der Zunftmeister Bürgermeister geworden; als 
„der Weltweise Hr. Dr. Leonhart Eckh** von Mfinolien 
Hörbrots Erwählung vernommen , „hat er öffentlich aus- 
geschrien: sub hoc Consule peribit Augusta". Während 
' Hörbrots Wucher nicht schlimm genug geschildert wer- 
den kann, stehen die Fugger, die grössere Wucherer waren, 
im hellsten Lichte als edelste Bürger der Stadt da. Die 
Geschlechter rühmen sich ihres Vaterlandsverrätes : sie 
hätten den Allürten nichts geliehen im schmalkaldisclien 
Kriege, wohl aber dem Kaiser und der niederländischen 
Regierung nach Vermögen vorgeschossen. Hörbrot dage- 
gen habe Sachsen und Hessen grosse Summen- vorgestreckt. 
Am Schlüsse beantragen die Geschlechter Abschaffung der 
Zunftherrschaft und eine Neuordnung, die ihnen die Zügel 
in die Hand gebe. Entweder möge das bewährte Nürn- 
berger Regiment zum Muster genominen oder die alte Augs- 
burger Geschlechterverfassung wiederhergestellt werden. 

Der Kaiser gab dem Antrage der Geschlechter schnell 
statt. Die Beschwerde kam seinen Plänen entgegen und verlieh 
ihnen einen Schein von Berechtigung. Grössere Teile der ge- 
schickt abgefassten Beschwerdeschriffc gingen fast wörtlieh 
in die kaiserliche Begründung der Verfassungsreform über. 

Die Vorbereitungen zum Verfassungssturz geschahen 
so geheim, dass der alte Rat ausser einigen darin sitzen- 
den Geschlechtem nichts vor der Zeit erfuhr. Am Abend 
des 2. August lö48 war beim Kaiser geheimer Rat bis 



21 

1 TTlir Morgens gehalten worden. Am 3. August lies« 
Karl V. den gesammten alten Rat „nicht ohne dessen grosse 
Furcht und Schröcken" vor sich fordern, die Thore wur- 
den geschlossen und nebst dem Weinmarkte mit Truppen 
besetzt. All diese Vorkehrungen zur Verhütung von Un-» 
ruhen wären unnötig gewesen, denn die wilden Krieger, 
die beim Ausbruche des schmalkaldischen Krieges nur die 
eine Furcht hatten, bei Teilung der Beute, des Elirchen' 
gutes, zti kurz zu kommen, waren jetzt recht zahm ge* 
worden. Die vom Hofrate Greorg Sigmund Seld^) vorge-». 
tragene kaiserliche Verfügung wiederholt zusammenfassend 
die in der Beschwerdeschrift der Geschlechter gegen die 
Zünfte erhobenen Beschuldigungen: die Stadt sei von 
Vorgängern des Kaisers in jeder Beziehung durch Privi- 
legien gefördert worden und habe gross dagestanden. Erst 
nach der Spaltung in der Bürgerschaft, nach der Verän- 
derung im B,egimente sei es durch den Abfall der Stadt 
etc. so schlimm geworden, „dass künftig anders nichts 
denn dieser Stat endlicher letzter Untergang und eusser" 
stes Verderben" zu erwarten sei, „welches dann Ihr Kays, 
Mt. gnädigst getreulich und von Herzen leyd sein möchte" ; 
aus diesem Grrunde hätte der Kaiser nicht unterlassen 
wollen, auf Mittel und Wege zu sinnen, um der Stadt 
zur alten G-lückseligkeit zu verhelfen und sei der Ansicht, 
dass zur Verhütung des Uebels vor allen Dingen die Ur- 
sache entfernt werden und „also wie man sagt zu der 
Wurzel zu graben sein musste". Der „viel zu geringe 
Verstand" der im Regimente sitzenden Handwerker ver- 
eitelt nach des Kaisers Ansicht selbst die besten Absich- 
ten in Betreff der Stadtverwaltung. Die unerfahrenen 
Leute sind ein willenloses Werkzeug in der Hand einiger 
Demagogen und richten sich noch obendrein durch die tag- 

1) Langenmantel S. 86fif. giebt den Bericht eines „Augenzeugen*^ 
wieder, der Held nennt. Dieser ist aber bereits 1541 gestorben; vgl, 
Druffel, Viglius v. Zwichcm. v.Stetten, Gesch. d. adlich. Geschlechter 
in Augsb« S. 253 lässt es dahingestellt sein, ob Held oder Seid den Vor- 
trag gehalten hat. 



22 

liehen Sitzungen zu Grrunde. Nur wohlhabende und erfah- 
rene Patrizier bieten dem Kaiser die Gewähr einer ord- 
nungsmässigen Regierung. 

Nach Vortrag der kaiserlichen „Werbung" wurden 
vom Kanzler Dr. Georg Sigmund Seid die Namen der Mit- 
glieder des neuen Regimentes verlesen. Zuerst ward nur 
der kleine Rat und das Gericht besetzt. Die Mitglieder- 
zahl des kleinen Rates wurde auf 41 herabgesetzt, von 
den Stellen wurden 31 mit alten Geschlechtern — den 
„Herren" — besetzt, 3 durch die mit den Patriziern eng 
verbundene^) „mehrere Gesellschaft", 1 von den Kaufleuten 
und mir 6 von den Handwerkern. Die wichtigsten Aem- 
ter fielen ausschliesslich den Geschlechtern zu. So die der 
Stadtpfleger, Geheimen , der 6 Bürgermeister , deren 2 je 
4 Monate regieren; so auch die Baumeister- und Einneh- 
merämter. Vereinzelt findet sich unter den „Ungeltern" 
und Zeugmeistern ein Kaufmann oder ein Mitglied der 
„mehrern Gesellschaft", nur unter den Strafherren 1 Hand- 
werker. Die Zünftler hatten nicht nur ihre Vorherr- 
schaft im kleinen Rate verloren, sondern sogar jede Mög- 
lichkeit, ihre Interessen wirksam zu vertreten. In Zukunft 
traten an Stelle der die Stadt fast ganz beherrschenden 
Zunftmeister Vorgeher, die vom kleinen Rate ernannt 
wurden. Die Zünfte verloren nicht nur die Teilnahme an 
der Stadtverwaltung fast ganz, sie wurden auch des grösse- 
ren Teiles ihrer Gerichtsbarkeit beraubt, ihre tägKchen 
Morgensprachen wurden verboten, nur Versammlungen er- 
laubt, die ausschliesslich ihre gewerblichen Interessen be- 
trafen und auch diese Versammlungen nur unter Aufsicht 
der Ratsvorgeher gestattet. Selbst die Zunfthäuser muss- 
ten verkauft werden nebst allem Vorrate, der sich in 
ihnen befand. Den Erlös sollte der kleine Rat verwalten, 
dem auch Statuten , Privilegien , Siegel der Zünfte auszu- 
händigen waren. 

1) In der ZusammensteUnng Blatt 2^ des Sp. V. Augsburg werden 
allerdings „mehrere Gesellschaft^ und Eaufleute zu der „Gemain" ge- 
rechnet. 



23 

Am 13. August wurde die Neuordnung durch „Beruef 
des Statvogt zu Augspurg" dem Volke bekannt gemacht. *) 
Am selben Tage verliess der Kaiser die Stadt. Am 18. 
des Mts. erst werden die neuen Mitglieder des Stadtge- 
richts benannt, ^) dem kleinen Rate nochmals eingeschärft, 
falls es noch nicht geschehen wäre, alle Grüter der Zünfte 
an sich zu nehmen, zu Grelde zu machen und den Erlös 
anzulegen. Nur den Webern und Metzgern werden ihre 
Häuser als unentbehrlich für ihr Grewerbe, aber auch nur 
zu diesem Zwecke belassen. Die Kaufleute verlieren ihre 
„Stube" ebenfalls, dürfen sich aber unter scharfer Controle 
der Geheimen auf der „Bürgerstube" ') eine besondere 
„Stube" halten oder aus dem Erlöse ihrer bisherigen Stube 
in nächster Nähe der Bürgerstube ankaufen. Die Gehei- 
men haben den Kaufleuten eine „Ordnung" zu geben. Der 
Kaiser ist erbötig. Bedenken betreffs der Ratswahl zu er- 
ledigen, und hofft, dass es mit Besetzung des Stadt- und 
Gerichtsschreiberamtes , der Bestellung von Pflegern und 
Advocaten zum Besten geht nach seinen Anordnungen. 
Behufs „Neuordnung der Handwerker" sendet der kleine 
Rat am 19. August 1548 Heinrich Rehlinger und Max Pfister 
nebst einem Schreiber nach Nürnberg, um vom dortigen 
Rate die Ordnungen und Einrichtungen der Handwerker 
zu holen. Später wird Jacob Rembold an den Kaiser ge- 
sendet, vm die Entfernung der spanischen Besatzung zu 
erbitten und über die Neuordnung des Regiments sowie 
unterschiedliche Mängel derselben zu berichten. Der kai- 
serliche Rat Johann v. Lier wird zur endgültigen Erledi- 
gung aller Bedenken nach Augsburg geschickt.*) Er soll 
veranlassen, dass die Trium Regum (6./1.) fallige Rats- 
wahl auf den Tag der Neuordnung, den 3. August, verlegt 

1) Blatt 1 und 2 des Sp. Y. Augsburg. 

2) Kaiserl. Yerfügg. d. d. Ulm 18/8 48 Sp. V. Augsburg Bl. 3. 

3) d. h. in dem Versammlungshause der Patrizier. 

4) Instruction für Lier, d. d. Brüssel 22/12 1548, nebst Schreiben an 
das Domkapitel und an den Rat zu Augsburg, sowie Geleitsbriefen eod. 
!• et. a. Sp. y. Augsburg. 



24 

werde, da sonst die Zeit, sowohl zur vollständigen Durch- 
führung der Reform, als zur ruhigen Erwägung der Neu- 
wahl zu kurz sei. Die Besatzung möge vom Commissar 
abgelohnt und entlassen werden, wenn die zunächst darü- 
ber zu hörenden „Bartholome Welser, Hanns Paumgärtner 
und Anthony Fugger", sowie das Domcapitel, kein Be- 
denken dagegen hätten, und nachdem auch noch die Ge- 
heimen oder der ganze kleine Rat die Sache erwogen und 
nichts zu erinnern gefunden hätten. 

Auch hier Ueberschätzung der Grefahr, die von den Zünf- 
ten drohte, zu deren „Beruhigung" die Spanier in die Stadt 
gelegt waren. 

Jetzt erst, am 3. Januar des Jahres 1549,^) wurde 
durch Lier, unter der Mitwirkung von Stadtpfieger , Ge- 
heimen und beiden regierenden Bürgermeistern, der grosse 
Rat neu besetzt. Er besteht nun aus 44 von den alten 
Geschlechtern, 36 von der „mehrern Gesellschaft", 80 Kauf* 
leuten und 140 von der Gemeinde» Also selbst hier ist die 
Gemeinde in der Minderheit. Allerdings waren die Kauf- 
leute nicht ganz sicher, sie mussten erst zur Ordnung erzogen 
werden. In der ausführlichen Instruction für die unter Liers 
Leitung am 13/8. 1549 vorzunehmende Neuwahl heisst es : die 
Kaufleute hätten die Gnade des Kaisers missbraucht, 24 
Stubenvorsteher seien eingesetzt und doch herrsche Un* 
Ordnung. In Zukunft sollten die Kaufleute, wie von Alters 
her, 12 Stuben- Vorsteher haben „von gantz gemainer Gc^ 
seUschaft und nit von sondern Personen erkiest" und bei 
jeder Zusammenkunft, die zuvor dem kleinen Rate ange- 
zeigt werden müsse, soUten 1 oder 2 Ratsleute dabei sein 
Aber selbst im FaUe es der Gemeinde , unterstützt 
von Kaufleuten, gelang, im grossen Rate die Stimmen^ 
mehrheit zu erlangen , war immer irgend welcher Ein^ 
fluss auf die Verwaltung der Stadt von dem guten 
WiUen des kleinen Rates abhän^^ gemacht worden, 

Rat am 14/1 40''' ^^^"^"' ^^*^^- Augsfe*^» S. 453, wird der grosse 
/ • V eingesetzt,- Langenm^titri 8. m hat den 24/1. 49i- 



25 

denn diesfem war überlassen worden, welche Geschäfte er 
dem grossen Rate zur Entscheidung vorlegen wollte , so- 
wie ihm vermöge der raffinirten Wahlordnung die Fern- 
haltung oder Ausstossung ungeeigneter Mitglieder aus 
Rat und Grericht leicht war. 

Auch die kirchliche Seite wird in der zuletzt gedach- 
ten Instruction berührt. Einige Prädicanten sind dem Kai- 
ser denuncirt, dass sie den gemeinen Mann wider beide, 
geistliche und weltliche Obrigkeit, ohne allen Grund ver- 
hetzen. Es sei Sache des ßates, schärfste Aufmerksamkeit 
anzuwwden, gute Kundschafter bei den Predigten und 
andern Zusammenkünften zu haben und genauen Bericht 
abzustatten* 

Der Verfassungssturz in Ulm, dessen vorzeitige Un- 
terwerfung im schmalkaldischen Kriege es nicht vor dem 
Schicksale Augsburgs schützte, nahm fast genau den Ver- 
lauf wie in Augsburg. Am 18. August 1552 wurde der 
alte kleine Rat von 72 vor den Kaiser berufen. Dieser soll 
bei ihrem Anblicke zu seiner Umgebung gesagt haben: 
„Mein Gott, was soll eine so grosse Menge im Rat thun? 
Wie können sich die schlechten einfaltigen Leute auf so 
hochwichtige Dinge verstehen?"^) SämmtKche Mitglieder 
des alten Regiments wurden abgesetzt. Ein neuer kleiner 
Rat trat sofort an die Stelle, der aus 31 Personen, 21 
Patriziern und 10 von der Gemeinde bestand. Von diesen 
31 werden die Einzelämter besetzt und zwar die wichtig- 
sten fast ausschliesslich von den Geschlechtern. So das 
Amt der 2 „Eltesten", des Rates „Häupter und Vorgeher, 
Inhaber aller Geheimnisse der Stat, Gelt, Privüeg und 
Sigel". Von den 6 „Zusatz" werden 4 von den Geschlechtern, 
1 aus der Gemeinde genommen. Nur aus dem Patriziat 
werden die Posten der 3 Bürgermeister, von denen jeder 
4 Monate im Jahr zu regieren hat, und der 2 Herrschafts- 
pfleger besetzt. Die übrigen Aemter sollen ohne Unterschied 
von Ratsherren aus den Geschlechtern oder der Gemeinde be- 

T ■ ■ 

1) Fischer, Gesch. Ulms. Ulm 1863. S. 898. Die etwas unwahr- 
scheinlich klingende Geschichte wird auch Von Augsburg erzählt. 



26 

setzt werden. *) Die wichtigeren dieser Aemter sind : 
Stadtrechner oder Steuerherren 3, Unserer-Prauenpfleger 
3, Spitalpfleger 2, Proviantpfleger 2, Zeugherren 2, Straf- 
herren oder Ainunger 8, je 2 immer V* Jahr im Amt, 
Witwen und Waisenpfleger 2, 3 oder 4 je nach Bedarf, 
sämmtlich vom neuen Rate zu bestellen. Wie in Augsburg 
wurde die politische Stellung der Zünfte beseitigt. Selbst 
die Namen „Zunft , Zunftmeister , Zunfthäusser" etc. ver- 
schwinden. Handwerkervereinigungen rein gewerblicher 
Natur, ohne Selbständigkeit in Verwaltung und Gericht, 
unter strenger Aufsicht des Rates sind, wie der Anfang, 
so das Ende einer Zunftherrschaft und Verfassung, die 
während zweier Jahrhunderte die Zünfte als den Souverän 
der Stadt erscheinen liess. Auch in Ulm ging die ganze 
Fülle der Macht von den Zunftausschüssen des grossen 
Rates auf den kleinen Rat über.*) Der aber war ein 
willenloses Werkzeug in der Hand des Kaisers. Der End- 
zweck der Aenderung verrät sich in der für beide Städte 
gleichlautenden Bestimmung, dass bei Besetzung sämmt- 
licher Aemter vor andern solche Leute vorgezogen werden 
sollen, die eines christlichen, ehrlichen Lebens und Wesens, 
auch geschickt und tauglich und „der alten waren cristenn- 
lichen Religion am nechsten". 

In beiden Städten bewies das neue Regiment dem 
Kaiser sofort, dass er die rechte Wahl getroffen hatte: 
die Durchführung des Interims gegen den Willen des bei 
weitem grössten Teües der Einwohner unter heftigstem 
Widerstände streitbarer Prädikanten gelang am ersten 
und besten von allen protestantischen Reichsstädten Süd- 
deutschlands neben Nürnberg in Augsburg und Ulm. 

In Augsburg und Ulm musste die Reform leicht sein 
und schnell vor sich gehen. Der siegreiche, übermächtige 



1) Von den 12 Personen des Gerichts müssen mindestens 3 aus 
der Gemeinde genommen werden Sp. Y. Ulm. 

2) Der grosse Bat, der in Augsburg nachträglich wieder einge- 
richtet wurde, wird in Ulm nach der Reform nicht wieder erwähnt*, 
vgl. Maurer IV, 153. Jäger, Magazin D, 312—848. 



27 

Kaiser nahm inmitten seiner Tmppen die Aendemng selbst 
vor. Erae grosse Anzahl mächtiger Geschlechter waren 
seine treuesten Anhänger, seine Räte waren znm Teil Angs- 
burger nnd Ulmer Kinder ; der Kaiser hatte also einen voll- 
ständigen Einblick in die städtischen Verhältnisse und die 
Auswahl unter den zum neuen Kegimente sich drängenden 
und voUgeeigneten, sicheren Personen. 

Viel schwieriger war es, für die grosse Zahl der 
übrigen oberdeutschen Reichsstädte eine nur einigermassen 
gleichmässige und zweckentsprechende Neuordnung durchzu- 
führen. Euer konnte der Kaiser nicht überall selbst er- 
scheinen, es musste ein kaiserlicher Commissar mit der 
Lösung der Aufgabe betraut werden. War auch iu diesen 
kleineren Republiken noch viel weniger als in Augsburg und 
Ulm gewaltsamer Widerstand zu befürchten, so doch um 
so mehr der dem Kaiser wohlbekannte passive Widerstand 
des ewigen Beratens, Feilschens und „Bündersichbringens". 
Die Lage war in den einzelnen Städten sehr verschieden. 
Auch der erfahrenste Commissar konnte nicht mit allen 
Verhältnissen gleichmässig vertraut sein, er brauchte Helfer, 
die erst gefunden werden mussten, Leute, welche die be- 
treffende Stadt genau genug kannten und willig waren, 
dem Commissar die zum neuen Regimente geeigneten Per- 
sonen vorzuschlagen. Der Kaiser untersuchte alle wich- 
tigeren Massnahmen selbst aufs gründlichste und behielt 
sich die Entscheidung vor. Er hielt sich die meiste Zeit 
nach dem Verlassen Ulms in den Niederlanden auf und 
hatte mehr als genug mit den Verwickelungen der grossen 
Politik zu thun. Der Krieg in Italien und die schwierigen 
Verhältnisse im Norden Deutschlands nahmen seine Auf- 
merksamkeit gleichmässig in Anspruch. Endlich verstanden 
es die übrigen überwiegend protestantischen Reichsstädte 
Süddeutschlands lange, den Anschein zu erwecken, als ob 
sie eifrig an der Einführung des Literims arbeiteten. All 
dies erklärt zur Genüge, warum bis zur Vornahme der 
umfassenden Verfassungsänderung aller übrigen oberdeut- 



28 

sehen Reichsstädte noch über 3 Jahre verstrichen. *) Zu- 
nächst war zur Durchführung des Interims eine Verfassungs- 
änderung in allen „mächtigeren" oberdeutschen Reichs- 
städten ins Auge gefasst, ^) und zwar natürlich nur, soweit 
die Städte am schmalkaldischen Kriege und am Interim 
beteiligt waren. Die 1. Instruction für den kaiserlichen 
Commissar und dessen 1. Bericht^) beschäftigen sich nur 
mit Memmingen , Biberach , Kempten , Kaufbeuren , Isny , 
Lindau und Ravensburg. Aber der Commissar Hasse be- 
kundet im selben Berichte „wo nit etliche sundere Per- 
sonen zu Ueberlingen , "Wangen , Pfnllendorf und Buchorn 
also stark gehalten, würden die Zunftmeister und andere 
im vergangenen Krieg auch allerhand angerichtet haben". 
Aus "Wangen geht gradezu der Antrag auf Verfassungs- 
änderung an den Commissar. Allerdings meint Hasse, die 
gehorsamen Reichsstädte in derselben Weise zu reformieren, 
möchte „etwas zu rauch und scharpf angesehen werden", 
es würde dort auch an Personen zur Aenderung mangeln; 
wolle man überall ändern, so würde es viel Zeit und Geld 
kosten, denn man müsste erst genaueren Bericht haben 
über Personen, bei denen man sich dann weiter erkun- 
digen könne. Wolle man jedoch in einigen Städten nichts 
ändern und die Zünfte belassen, so würde dies Anlass zu 
Beschwerden geben. — Diese wären allerdings sicher nicht 
ausgeblieben und die erhaltenen Zünfte hätten den „refor- 
mierten" Städten immer wieder den Sporn gegeben, auf 
Wiederherstellung der Zunftverfassung zu dringen, deren 
Trefflichkeit sich ja dann leicht aus den nicht reformierten 
Verfassungen erweisen liess. Diese Erwägungen haben 



1) Aus gleicher Veranlassung und in ähnlicher Weise wie in Augs- 
burg wurden 1549 die Zunftverfassungen von Constanz und Freiburg 
beseitigt. 

2) Brief Carls V. an Philipp v. 2,/9. 1548 , citiert von Maiiren- 
brecher „Carl V. und die Protestanten 1545—55" (Düsseid. 1865) S. 65. 
Vgl. auch Gutachten Herzog Wilhelms y. Baiern : Druffel, No. 159, VlII, 
und Schreiben des Bischofs Christoph v. Constanz : Druffel, No. ^55, 

8) Vgl. Quellen und Litteratur. 



29 

wohl Carl V. bestiiöinr, tabula r&sa» äu machen und auch 
den kaiser- und gläubenstreuen Städten seine Neuordnung 
wenig gemildert aufzudringen. Hasse meint in seinem 1. 

- Bericlite , wenn gegen Nördlingen und Dinkelsbühl vorge- 
gangen werden solle, dann müssten auch Donauwörth, 
Bopfingeii, Aalen und Griengen mit einbegriffen werden, 
^da sie bei einander lägen". Hasse beilennt sodann Per- 

' sonen, die als Commissare für Dinkelsbühl, Heilbronn, 
' Wimpfen, Regensburg (!}, *) Nördlingen, Esslingen uiid 

. Reutlingen geeignet wären. Die umfassenden Vorberei- 

r- tungen zur „Neuordnung" wurden sehr geschickt getroffen. 

. Der kaiserliche Rat Heinrich Hasse wurde zum Commissar 
ernannt. Wie die Ausführung der Aenderung bewies, 
konnte eine ' besser geeignete Person kaum gewählt werden. 
Zti Mitcomiuissaren wurde Hasse eine grössere Zahl der 
bedeutendsten geistlichen und weltlichen Würdenträger 

. beigegeben \ die im schwäbischen Kreise angesessen oder 
doch mit den Verhältnissen desselben besonders vertraut 

- wären. Ihre Tätigkeit beschränkte sich aber zumeist auf 
den Vorschlag' von Personen, die zum neuen Regimente 
geeignet erschienen. Bei Einführung der Neuordnung in 

' der betreffenden Stadt selbst erscheinen sie als Staffage, 
^umb meres Ansehens willen". Ausgenommen werden muss 
der Abt Grerwig von Weingarten, der auch bei der Auf- 

; richtung des neuen Regimentes in den meisten Städten 
namentlich in kirchlicher Beziehung eine unermüdliche Tä- 

- tigkeit entfaltete. Ausser ihm sind uls Helfer zu nennen: 
' der Abt von Isny , David von Baumgarten zu Hohen- 

- schwangau und Erbach,' Wilhelm Truchsess der Jüngere 
. von Waldburg auf Isny, Hans Philipp Schade auf Biberach, 

Sigmund von Homstein, Landkommenthur der Baley Schwa- 

- ben Teutschen Ordens auf Lindau, ferner Jörg Ilsung, 
Landvogt zu Schwaben auf Ravensburg, Conrad von Rehberg 

t und aäidere Inehr. Jeder von .-diesen erhält eine kaiserliche 



r ■ ■ ■• 



1) Es muss aach die Aenderung in Eegensburg geplant worden 
sein ^ an ein y^rsclireiben für Ravensburg ist kaum zu denken, da über 
dieses Hasse berichtet. 



30 

Yerfiigiing folgenden Inhalts: „Da ihm an Zwaifel ans 
gemainem Geschray nnmehr bekannt" , dass in einigen 
Städten des schwäbischen Kreises Verändemng von Rat 
und Gericht vorgenommen werden solle, und er „als der- 
selben Landesart gesesen" mit den Verhältnissen der Stadt 
X vertraut sei, solle er bei Aenderung der dortigen Ver- 
fassung den kaiserlichen Commissar Hasse unterstützen. 
Er möge deshalb die Personen aufzeichnen, „die aines er- 
bam aufrichtigen Lebens, guten Verstands auch der warn 
alten christlichen Religion anhengig oder doch am n&histen 
und zu Besatzung des Rats zu geprauchen sein oder von 
denen doch merer Bericht ditzfalls genommen werden mocht". 
Solche Erfahrung möge er bei sich im Geheimen behalten 
und „volgends mit derselben auf Zeit und Zil, so du sambt 
aller Gelegenheit der Handlung von dem Hasse vernehmen 
werdest in obbestimmten Orten gewisslich erscheinen und 
die Handlung sambt und neben Hasse vornehmen" . . .^). 
An einige der Städte, deren „Reform" zuerst in Angriff 
genommen wurde, ergingen bereits im Juli IBBl kaiser- 
liehe Handschreiben, worin etliche Ratsmitglieder vor den 
Kaiser nach Augsburg erfordert wurden. So Hartlieb, 
Zwicker und Sätelin aus Memmingen*) mit der Auffor- 
derung, sich nach Ankunft in Augsburg beim kaiserlichen 
Hofrate zu melden, „da sollet Ir die Ursachen, warumb 
wir Euch erfordern lassen, weiter vememen". Es ist 
möglich, dass der Kaiser beabsichtigt hat , die Aenderung 
in den zunächst in Frage kommenden Städten ohne Ab- 
sendung einer besonderen Commission nach persönlicher 
Rücksprache mit einigen patrizischen RatsmitgKedem die- 
ser Städte durch deren alten Rat vornehmen zu lassen. 
Die vor den Kaiser geforderten Memminger Patrizier er- 
scheinen jedoch nicht, sondern senden ein Entschuldigangs- 



1) Ein Teil der Schreiben , Ton denen uvtt der Entwarf vorliegt, 
ist undatiert, ein anderer Teil stammt aus dem September 1551, ein 
8. Teil ist datiert Innsbruck 16./11. 1551 in G.Y. I, No. 18. 

2) Eaiserl. Verfägg. d. d. Augsburg 20./7. 1551. Dobel, Mem- 
mingen S. 84. 



31 

sclireiben. Darauf ergeht neue kaiserKche Verfügung *) an 
die Vorgenannten und die übrigen Mitglieder des geheimen 
Rates zu Memmingen. In der Verfügung wird die Vor- 
ladung wiederholt und begründet : „Es solle das Regiment 
zu Memmingen in bessere Ordnung gebracht werden, und 
könne dies am füglichsten mit des geheimen Rats Bericht 
und Gutdünken geschehen. Wer unter ihnen am Erscheinen 
verhindert sei, möge schriftlichen Bericht erstatten". Ob 
die Herren des Rates besondere und begründete Furcht 
vor der Höhle des Löwen hatten, oder ob sie wirklich alle- 
sammt krank waren, mag unentschieden bleiben. Jedenfalls 
erscheint keiner von ihnen in Augsburg, und nur, der eine 
Sättelin giebt ein schriftliches Gutachten dahin ab: „Es 
möchten statt der bisherigen 25 wohl 16 Mitglieder für 
den täglichen oder kleinen Rat genügen und wären hierzu, 
ausser den bereits nach Augsburg berufenen, diejenigen An- 
gehörigen der Grosszunft am tauglichsten, welche derzeit 
schon Mitglieder des Grossrates seien ..." Sättelin 
hatte den Zweck der geplanten Reform offenbar gar nicht 
verstanden : er glaubte, dass es sich nur um eine der öfters 
-wiederkehrenden Ratsminderungen handle. Vielleicht hat 
ihm eine nicht vorliegende neue kaiserliche Verfügung den 
Standpunkt klar gemacht. In einem Schreiben von Bürger- 
meister und Rat an Hasse ^) versuchen dieselben Milderung 
der nunmehr in ihrer Bedeutung erkannten Aenderung 
durch den Vorschlag herbeizuführen: wenn die gegenwär- 
tigen 12 Zünfte nicht bleiben sollten, so möchten sie auf 
6 reduciert, aus jeder Zunft einer in den Rat gewählt und 
sodann durch den Rat 10 Mann aus jeder Zunft erkoren 
werden, welche 60 den grossen Rat oder die Gemeinde 
(Elfer) bilden und jährlich die Obrigkeit wählen sollten; 
oder, im Fall die Zünffce gänzlich abzuschaffen seien, so 
möchten zu den vom Rate jährlich zu ernennenden 20 
Richtern noch 40 Personen aus der Gemeinde durch den 



1) d. d. Augsburg S./8. 51. Dobel, Memmingen S. 85. 

2) V. 8./9. 51. Dobel, Memmingen S. 85. 



32 

Rat erkoren werden und diese 60 die alljährKclie Neu- 
wahl des Stadtrates vornehmen. VergebKcher Versuch ! ^) 
Die Antwort überbrachte 1 Monat später Hasse persönlicli, 
der ohne irgend welche Rücksicht auf die Wünsche der 
Memminger zu nehmen, ihre Zunftverfassung radical be- 
seitigte. Grrundlage der Reformen bildeten 3 sehr aus- 
führliche, fast ganz übereinstimmende Instructionen für 
Hasse und seine Mitcommissare. Jede der Instructionen 
zerfällt in mehrere Teile. Sie enthält ausser der engeren 
oder geheimen Instruction, die angiebt, welche Aufgaben 
die Commissare zu lösen haben, und in welcher Weise die 
Lösung bewerkstelligt werden soll, die „Werbung" des 
Kaisers, welche die Commissare vor Einführung der Neu- 
ordnung dem versammelten alten und dem in Aussicht ge- 
nommenen neuen Rate, sowie der Gremeinde vorzutragen 
haben. Diese „Werbung" enthält die Gründe, die den 
Kaiser zur Neuordnung und besonders zu dieser Art von 
Neuordnung bestimmt haben sollen, Ermahnungen zum 
Gehorsam, Strafandrohungen für den Fall der Widersetz- 
lichkeit etc. Ferner befindet sich in jeder Instruction 
die zukünftige Wahlordnung. ^) Endlich noch ein den neu 
ernannten Beamten zu machender „Vorhalt", welcher deren 
Hauptaufgaben kurz zusammenfasst. Die Instructionen 
sind offenbar dem Muster der Augsburg-Ulmschen Reform 
gefolgt. Am deutKchsten zeigt sich dies bei der „Wer- 
bung", worin der grösste Teil des Augsburg-Ulmschen 
Mandates ebenso wörtlich enthalten ist, wie im Mandate 
die Beschwerdeschriften Augsburger Geschlechter. Auch 
die Vorschriften, die den Gang des Verfahrens in den ein- 
zelnen Städten bestimmen, sind dem Verlaufe der Reform 
in Augsburg-Ulm angepasst , nur dass den Coinmissaren 



1) Das von Hasse am 7./10. 1551 überreichte Creditiv ist vom 
28./9. 1551 datiert nach Dobel , Memmingen N. 156. Die Expeditionen 
der Credenzen in dem G. Y. I, 13 für Memmingen , Bibrach , Ravens- 
burg, Kempten, Kaufbeuren, Lindau sind vom 27./9. 1551 datiert. 

2) Werbung und Wahlordnung wurden für jede Stadt besonders 
angefertigt; ein guter Abdruck befindet sich in Dobels Memmingeo. 



38 

ein grösserer Spielraxun bei Anzahl der Mitglieder von 
Rat und Gericht, sowie auch in geringerem Grade bei dem 
Verhältnisse von Geschlechtem und Gemeinde gewährt 
ist. Die wesentlichsten Bestimmungen der 1. Instruction *) 
sind folgende: 

Die Zünfte und geschenkten Handwerke werden voll- 
ständig aufgehoben. Die Zünfte hatten fast überall den 
grossen Rat beherrscht , dieser alle andern Beamtencate- 
gorien. Der Kaiser macht den kleinen Rat zur ausschlag- 
gebenden Behörde und sichert in ihm durch Minderung 
der Mitgliederzahl den Geschlechtern eiue unanfechtbare 
Uebermacht. Verstärkt wird die Sicherheit einer kaiser- 
und glaubenstreuen Geschlechterherrschaft durch die Wahl- 
ordnung. Nach dieser bleiben die 5 Geheimen , d. h. der 
herrschende Ausschuss des kleinen Rates, worunter sich 
immer 4 Geschlechter befinden sollen, lebenslänglich im 
Amte, desgleichen die Mitglieder des Gerichts mit Aus- 
nahme des Anunanns und der grosse Rat. ^) Die 5 Ge- 
heimen haben jährlich die Wahl der übrigen Mitglieder 
des kleinen Rates vorzunehmen, der kleine Rat besetzt 
die offenen Stellen in allen Behörden, sowie alle Einzel- 
ämter, letztere ausschliesslich aus seinen Mitgliedern. 

Wenn auch weder der Kaiser noch irgend ein anderer 
an die schönen Redensarten glaubte, dass durch die „Reform" 
vor allem der arme Biedermann von dem schweren Druck 
der Amtsgeschäfte befreit werden solle, damit er wieder 
einen soliden Lebenswandel führe und nicht mehr Weib 
und Kind hungern lasse , so konnte doch der Inhal* der 
Instruction wohl die Meinung erwecken, dass die Neu- 



1) Für MemmingeD^ Kempten, Kaufbeuren, Isny, Lindaa u.Bayensbarg. 

2) Ursprünglich war wohl die gänzliche Beseitigung des grossen 
Eates in allen zu reformierenden Städtep geplant nach dem Master 
Augsburgs und Ulms. Erst die Wiederaufrichtung des grossen Rates 
in Augsburg 1 Jahr nach der Verfassungsänderung, allerdings in ganz 
veränderter Gestalt, scheint den Kaiser bewogen zu haben, auch den 
fibrigen Städten — mit Ausnahme von Ulm — den grossen Rat in 
ähnlicher Zusammensetzung wie in Augsburg zu belassen. 

8 



3i 

Ordnung nur bezwecke, durch Wiederherstellung der Herr- 
schaft der Greschlechter deren i mmer wiederkehrende Wüh- 
lereien zu beseitigen und Ruhe in. den Städten zu schiaffeii. 
Aber die Verschiebung der Macht von den Zünftlem auf 
die Greschlechter war nur Mittel zum Zwecke. Endzweck 
war die Erhaltung oder Wiederherstellung der katholischen 
Religion in den Städten. Trotz aller Verhüllung dieses 
Zieles, dessen in der „Werbung" wohlweislich mit keinem 
Worte gedacht wird, tritt es doch an mehreren andern 
Stellen der Instruction klar zu tage. So in der allen In- 
structionen gemeiQsamen Bestimmung, dass bei Besetzung 
der Aemter des kleinen und grossen Rats, Gerichts, Stadt- 
schreibers etc. darauf gesehen werden solle, „das nun hin- 
füro ewiglich diejenigen , so aines christlichen Lebens und 
Wesens, auch sonst geschickt, verstendig, schiedlich und 
friedliebend , und insonderhait die , so der alten waren 
christlichen Religion anhengig oder, wa nit gar, doch der- 
selbigen am nechsten, andern in alleweg furgezogen wer- 
den" *). Das heisst , es sollen fernerhin bei Besetzung 
sämmtlicher wichtiger Aemter Katholiken herangezogen 
werden. Erst im Verlaufe der Aenderung ergab es sich, 
dass dies aus Mangel an geeigneten Personen nicht über- 
all durchzuführen war imd deshalb zu Männern gegriflFen 
werden musste, welche „die Religion anlangend nur halb 
und halb" waren. ^) 



1) In der Augsburger „Werbung*^ steht nicht „der alten waren 
christiichen Keligion anhengig '^y sondern nur „am nechsten^. 

2) Als Vorschrift , strenggläubige Protestanten von den Aemtern 
auszuschliessen , fasst auch Hasse die betr. Bestimmung. — Bitter, 
Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformat. Stuttgart 1889. 
I, S. 76/77 hat die wesentlichen Züge des Yerfassungssturzes knapp und 
trc£fend wiedergegeben ; wenn er aber sagt : den Schluss der gesammten 
Neuerung bildete die Bestimmung, dass zu Ratsstellen und Aemtern „yor- 
nehmlich" Katholiken oder solche, die der katholischen Religion am 
nächsten stünden , d. h. Interimisten gewählt werden sollen , so giebt 
er meines Erachtens nicht den Sinn der Bestimmung, sondern das Er- 
gebnis der Durchführung. 

Stieve, Eaufbeuren S. 18 ff. handelt ausführlich von einem Streite, 



Die 2. Instruction, auch September 15B1, für Esslingen, 
Reutlingen , Sdiwäbisch - Hall , Dinkelsbühl , Heilbronn, 
Wimpfen und Donauwörth deckt sich genau mit der 1. In- 
struction. 

Anders die 3. Instruction für Ueberlingen, Buchhom, 
Pfallendorf, Wangen, Schwäbisch Gmünd, Aalen etc. Der 
kaisertreuen Haltung dieser Städte Rechnung tragend ist 
der „Wille" des Kaisers viel milder ausgedrückt. Augs- 
burg und Ulm werden als Beispiele für die gute Wirkung 
der Neuordnung herangezogen. Deswegen habe der Kaiser 

der sich Anfang des 17. Jahrh. darüber entsponnen hat, ob in der 
Wahlordnung für Kaufbeuern gestanden habe „die der alten wahren 
christlichen Religion anhengig^, wie der Rat von Eaufbeuren behauptet, 
oder „der alten wahren katholischen Religion anhengig**, wie kaiserliche 
Commissare behaupten. Stieve kommt von der üeberzeugung, dass die 
Bevollmächtigten des Kaisers recht gehabt haben, in s. Gesch. d. Ur- 
sprungs d. dOjährigen Krieges S. 15, Anm. 10 zurück wegen der üeber- 
einstimmung einiger anderer Wahlordnungen (so auch von Wimpfen bei 
Pistorius amoenitates Historico-Juridicae) in dem Worte „christlichen". 
Druffel No. 794a l verlangt weitere Untersuchung darüber, wie es ge- 
kommen, dass in den Biberacher Beschwerdeschriften , die den Prote- 
stanten doch viel günstigere Wendung (christlichen 1) verschwunden sei. 
Bitter, Gegenreformation I, 77al bemerkt kurz : „unter der alten wahren 
christlichen Religion konnte der Gesetzgeber nur die katholische Reli- 
gion verstehen**. Ritter hat recht , wenn er den Gesetzgeber betont 
und stillschweigend „christlichen'' für „katholischen** setzt. Dass später 
eine andere Auffassung möglich schien, beweisen am besten die kaiser- 
lichen Commissare, die es für nötig halten^ christlich für aus katho- 
lisch gefälscht zu erklären. Auch die Protestanten sprechen später 
gern von ihrer alten wahren christlichen Religion. Im übrigen ist es 
ein Streit um des Kaisers Bart. „Christlich** war für die Protestanten 
durchaus nicht viel günstiger als „katholisch**, sondern beide Ausdrücke 
decken sich vollständig. Nicht nur in dem von Druffel abgedruckten 
Berichte, sondern auch in den andern Berichten Hasses und in sämmt- 
licben Instructionen für protestantische, katholische und paritätische 
Städte findet sich au der entscheidenden Stelle „christlich**, nicht „ka- 
tholisch**. Wohl findet sich an zahlreichen andern Stellen derlnstruc-t 
tionen und Berichte in bunter Abwechslung des alten Glaubens^ 
der alten wahren Religion, der alten katholischen Religion, des ka- 
tholischen Glaubens etc., niemals aber die Verbindung „wahren ka- 
tholischen**. '. 

8* 



96 

beschlossen , auch andern Städten diese Segnungen zn teil 
werden zu lassen. Sie möchten überzeugt sein, dass die 
ihnen bestimmte Neuordnung durchaus kein Zeichen kai- 
serlicher Ungnade, vielmehr im eigensten Interesse ihrer 
Stadt sei, damit ihr gutes Regiment und ihr Grehorsam 
gegen Kaiser und Beich auch für die Zukunft gewahrt 
bleibe. Die neue Ordnung solle auch für ihre Nachkommen 
eine Richtschnur bilden, woran sie sich bei altem christ- 
lichen, löblichen Regimente und Gehorsam gegen ihn und 
das Reich hielten. Die Commissare wären angewiesen, 
streng darauf zu sehen, dass diejenigen Beamten der alten 
iBehörden, denen die Erhaltung der Stadt bei der alten 
Religion und Gehorsam gegen Kaiser und Reich nament- 
lich zu danken sei, in den neuen Rat genommen und ge- 
ehrt würden. Die Zünfte müssten aufgehoben werden, doch 
wolle der Kaiser gerne gestatten, dass neben der Bürger- 
stube, falls überhaupt eine vorhanden sei, auch andern an- 
sehnlichen Leuten, die nicht den Geschlechtem angehörten, 
sowie auch dem gemeinen Manne je ein Haus gewährt 
werde zur Abhaltung von Hochzeiten und andern Festen; 
andere Gesellschaften dort abzuhalten, könne nicht ge- 
stattet werden. In dieser Instruction für ganz oder doch 
meist altgläubige Städte äussert sich der Kaiser freier; 
hier wird deshalb auch die Erhaltung der alten Religion 
an die Spitze gestellt bei Besprechung der Pflichten von 
Stadt und Rath. Karl V. kannte genau das unselbstän- 
dige Schwanken des kleinen Mannes. Er wusste, wie leicht 
derselbe zu leiten war, wie schnell die Reformation ein- 
gedrungen war, und dass sie meist und zuerst vom nie- 
deren Stande angenommen wurde. Nun hoffte er, dass 
durch eine aristocratische , streng katholische Obrigkeit 
ebenso schnell eine Rückkehr zum alten Glauben, minde- 
stens aber durch Fernhaltung aller reformatorischen Ele- 
mente von Eiofluss eine Erhaltung des noch vorhandenen 
Bestandes der katholischen Kirche zu erzielen sein würde. 
Der kaiserliche Commissar Hasse hat die Aufgabe ver- 
standen und richtig aufgefasst. "Wenn die Lösung nicht 



87 

ToUkoimnen gelang, irnd die Neuordnung niclit voUsfSndig 
ihren Zweck erfüllte, so lag das an später zu erörternden 
Hindernissen, die, zum teil unvorhergesehen, selbst von 
dem allmäclitigen Kaiser nicht zu überwinden waren. 

Den 3 Instructionen entsprechen 3 Berichte Hasses. 
Der 1. Bericbt d. d. Augsburg 24./10. 1551 behandelt die 
Verfassungsänderung von Memmingen, Kempten, Kauf- 
beuren, Isny, Lindau, Ravensburg und Bibrach.*) Der 
2. Bericht v. 8./2. 1552 bespricht die Aenderung in Dinkels- 
bühl, Schwäbisch Hall, Heilbronn, Wimpfen, Esslingen, 
Reutlingen , Schwab. Gmünd , Aalen , Griengen, Bopfingen, 
Nördlingen und Donauwörth. Beide Berichte sind sehr 
kurz und besprechen fast ausschliesslich die kirchlichen 
Verhältnisse der betreffenden Städte. Versuche einzelner 
Städte , so Nördlingens , die alte Ordnung zu retten, 
werden nur vorübergehend erwähnt, über den Gang der 
Aenderung und das Ergebnis erfahrt man nichts. Hasse 
fühlt den Mangel selbst und verweist deshalb im 2. Be^ 
richte darauf, „er wolle die gantz Relation aller Stete 
in ein Buch verfassen und dasselbig Key. Mt. zu deren 
Cantzley uberantwurten". Dies Versprechen hat Hasse 
in dem sehr ausführlichen 3. Bericht erfüllt. Er ist be- 
titelt: „Relation wes meyne Mitcommissarien und ich 
Heinrich Hass uff der Rö. Key. Mt. Credenz und Instruc- 
tion bey den Stetten Memmingen , Kempten , Kaufpeuren, 
Eisne , Lindau , Ravenspurg und Bibrach gehandelt und 
ausgericht". Hasse schildert in dieser Relation sehr ein- 
gehend den Gang der „Reform" in 25 Städten. Die im 
Titel genannten sind die im 1. Berichte behandelten, zuerst 
„reformierten" Städte. Hasse scheint diesen Teil der Re- 
lation schon vor Absendung des 2. Berichts fertig gestellt 
und die übrigen Städte von Fall zu Fall angeschlossen zu 
haben. Ausser den im 2. Berichte aufgeführten sind es 
noch : Leutkirch, Wangen, Buchorn, Ueberlingen , PfuUen- 
dorf und Buchau am Federsee. Da die Mitteilungen der 
beiden ersten Berichte im 3. wiederholt werden, ist dieser 

1) Die beiden letzten Orte von Druffel a. a. 0. No. 794 nicht genannt. 



38 

ansffchliesslicli "der folgenden Darstellung der Verfasstmgs- 
änderongen zu Grunde gelegt. 



IV. Verfassungsänderung in 25 oberdeutschen 

Reichsstädten. 

Kasse löste seine Aufgabe so glänzend wie möglich. 
Im Verlaufe von zwei Monaten wurden 25 Städte durch 
ihn „reformiert". Am 7. October 1551 beginnt Hasse die 
Aenderung in Memmingen, am 9. October reformiert er 
in Kempten, am 11. inKaufbeuren, am 13. in Isny, am 15. 
in Lindau , am 17. in Ravensburg und am 18. in Bibrach. 
Dann tritt eine längere Zwischenpause ein. Am 4. Januar 
1562 Wiederbegum der Reform mit Dinkelsbühl; der Be- 
richt endet mit dem am 24./2. reformierten Pfullendorf . ') 

Im wesentlichen ging die Ausführung glatt von 
statten. Mehrfach wurde der Commissar von seinen Bei- 
geordneten im Stich gelassen. Besonders häufig fehlt Con- 
rad von Rechberg, zumeist unentschuldigt; um so tätiger 
ist der Abt Gerwig. Hasse weiss sich auch dann zu hel- 
fen, wenn ihm kein Vorbericht zur Verfügung steht: er 
lässt sich dann, wie in Giengen z. B., einen beliebigen als 
fromm und christlich empfohlenen Mann kommen , der 
ihm, wenn auch widerstrebend, die nötigen Unterlagen 
liefert. Das kleine Buchau wird reformiert ohne Credenz 

^als auf dem Rit gelegen". Auch den zaghaften Wider- 
• ■ ' ■ ■ <. 

1) In Wirklichkeit ist zuletzt am 26./2. Buchau am Federsee refor- 
miert ; bei Hasse verschrieben 16./2 : dies ist wegen der geographischen 
Lage des Ortes nicht möglich. Am 15./2. wurde Wangen reformiert, 
am r7./2. Buchhorn (Friedrichshafen); am selben Tage begann schon 
die Reform in üeberlingen. 

E. Wagner, die Reichsstadt Schwab. Gmünd in den Jahren 1548— 
1565 (Würtemberg. Yierteljahrsschrift N. F. 1. Jahrgang 1892) lässt 
S. 89 unentschieden, ob Dr. Hasse die Reform in Gmünd selbst vorge- 
nommen oder einen Commissar geschickt habe. Nach H. B. HI hat 
Hasse Gmünd am 21./1* 1552 allein reformiert, nachdem er den zur 
Hilfe bestimmten Conrad von Rechberg vergeblich zum Erscheinen auf- 
gefordert hatte. 



39 

sta&id einzelner Städte, natürlich nur passiver Art, WnJsste 
der Commissar bald' zu beseitigen. ^) Je nacb der „Grele- 
genheit" der Städte, je nach ihrer Bedeutung, ihrer Stel- 
lung zum Kaiser und zur Kirche wurden sie bald schrof- 
fer bald milder behandelt. Den Esslingern , welche durch 
eine besondere Gesandtschaft eine Supplication an den 
Kaiser geschickt hatten und auf die Privilegien , Karls IV. 
pochten, erwiderte Hasse : die Argumente der Supplication 
wären „nit schliesslich oder erheblich" ; durch die Suppli- 
cation würden sie nur Ungnade beim Kaiser erlangen, der 
um ihretwillen nicht das ganze Werk fallen lassen würde. 
Andere Städte hätten ebensoviel Privilegien, würden das- 
selbe verlangen; dadurch würde die vom Kaiser bereits 
eiugerichtete Ordnung zerrüttet werden. Sie wüssten 
doch, dass sie des Kaisers mehr denn andere bedürften. 

Andern Städten gegenüber , die sich mit Recht . auf 
ihre Kaisertreue imd Strenggläubigkeit berufen kannten, 
zeigte Hasse wahre Lammesgeduld. Eine volle Woche 
hält Ueberlüigen den Commissar durch „Bündersichbringen" 
und Feilschen auf. Hasse zieht alle Register schmei- 
chelnder TJeberredung, erkennt der Stadt ganze Vortreff- 
lichkeit an und ist imermüdlich in der Versicherung, dass 
sie ja der Kaiser dafür durch die Neuordnung belohnen 
wolle. Die TJeberlinger zeigen sich wenig empfänglich 
für die Segnungen des neuen Regiments, welches „im Frey- 
heiten und alten Gebreuchen genzlich zuwider". Vergeb- 
lich führt Hasse das glückliche Nürnberg als Beispiel der 
segensreichen Wirkung einer derartigen Regierung an, 
vergeblich trägt Hasse zu wiederholten Malen die „Wer- 
bung" des Kaisers vollständig vor. Selbst der arme Bie- 
dermann, der im Drange der Amtsgeschäfte sein Hand- 
werk vernachlässigt und dabei Weib und Kind hungern 
lässt, rührt die hartherzigen TJeberlinger nicht. Und doch 
ist das ganze nur ein Spiel zwischen Katze und Maus. 

1) Wenn sich die Bürgermeister hinter ihrer Verpflichtung gegen 
Bat und Gericht verschanzen, so entbindet sie Hasse sofort davon kraft 
kaiserlicher Machtvollkommenheit. 



40 

Zuletzt reisst dem Commissar die Grednld , Ueberlingen 
muss wie die andern Städte die Reform dnrchfulireni 
nur geringe Concessionen , wie ein übermässig zahlreicher 
grosser Rat, belohnen den Widerstand der Stadt und ihr 
früheres gutes Verhalten. 

Die demnächst „reformierten" Pfollendorfer sind ver- 
nünftiger. Sie berufen sich allerdings auf ihr Wohlver- 
halten, können sich aber wohl denken, dass man mit ihnen 
keine Ausnahme machen werde ; sie bitten also nur, ihnen 
mehrere Zunftstuben zu belassen. TJeberhaupt handelte es 
sich überall, wo ein schwacher Widerstand sich regte, na- 
mentlich um den Verbleib der Zünfte oder doch wenigstens 
der Zunfthäuser, sowie um möglichst zahlreiche Besetzung 
des grossen Rates. *) Die meisten Städte jedoch nahmen 
die Aenderung im Gefühle ihrer Ohnmacht wie betäubt 
hin, ohne zu widersprechen. Oefter findet sich die Bemer- 
kung: Nach Vorhalt und Verpflichtung haben die (z. B. 
Bibracher) nicht geantwortet.*) — 

Schwieriger, oft unmöglich, war die Besiegung eines 
andern Hindernisses. Der Mangel an Geschlechtern, ja- 
sogar an tauglichen Katholiken überhaupt, erschwerte die 
Besetzung der Behörden und Eiozelämter nach der In- 
struction in hohem Grade, machte meist die strenge Durch- 
führxmg der Instruction ganz unmöglich. Wenn irgend 
möglich wird von Hasse der Grundsatz festgehalten, dass 
von den 3 Bürgermeistern mindestens 2 aus den Patriziern 
stammen, und von den 5 Geheimen überhaupt höchstens 2 
aus der Gemeinde der Zünftler genommen werden dürfen. *) 
Aber selbst dies liess sich in der Praxis nicht überall 



1) Bopfingen beruft sich vergeblich auf seine althergebrachte Ord- 
nung. Hasse erkennt zwar deren Brauchbarkeit willig an, bemerkt 
aber zu ihnen ironisch: er hätte keinen im Rate mit dem pater noster 
in der Hand gesehen, welches doch gleich der zweite Punct ihrer Ord- 
nung sei. 

2) Um so stürmischer war wohl meist der Verlauf der Ratssitzungen. 
Näheres würden die Ratsprotokolle ergeben. 

3) Nach den Instructionen war nur 1 Zünftler zulässig. 



41 

durchfahren. "Während der Commissar wenigstens von 
den 12 des kleinen Eates in Kauf benren noch bekunden kann, 
„sollen aUe Katholici sein", muss er gestehen, „wir weren 
wol gemeint gewesen, ettliche Personen in Sunderheit von 
den Burgern, die alweg in einer benanten Anzal bey der 
Regierung sein selten, zu ordnen : wir habend aber in der 
ganzen Statt über zwen Bnärger , die zu dem Regiment zu 
gebrauchen nit gefunden, deshalben wir es bey der Ge- 
mein bleyben lassen müssen". Desgleichen herrscht in 
Isny Mangel an Personen, welche den Anforderungen der 
Instruction entsprechen. Auch in Esslingen sind die Ge- 
schlechter so wenig zahlreich, dass Hasse keine besondere 
Bestimmung über ihre Anzahl im Rate treffen kann. Mehr- 
fach ist Hasse gezwungen, unsichere Leute zum Regiment 
zu ziehen, so den Bürgermeister Caspar Zeller im Kemp- 
ten. Dieser sei nach allen Berichten, erzählt Hasse, der 
trefflichste und tauglichste Mann der ganzen Stadt und 
betreffs der Religion nur wie auch andere „halb und halb". 
Er, der Commissar, habe sich aber in der Unterredung 
mit ihm überzeugt, dass das letztere sich anders verhalte. 
Trotzdem habe er ihn nicht seines Amtes enthoben, weil 
die Gemeinde gar zu sehr an ihm hänge und an eiu ver- 
nünftiges Regiment ohne ihn nicht zu denken sei. 

Trotz dieser Hemmnisse ging die Reform dank der 
grossen Gewandtheit Hasses überraschend schnell vor sich. 
Der in allen Städten im wesentlichen gleiche Gang war 
folgender : 

Nach dem Eintreffen Hasses und seiner Mitcommissare 
werden einige als besonders brauchbar empfohlene Perso- 
nen zu ihnen berufen. Meist sind es die, welche als Bür- 
germeister oder Geheime in Aussicht genommen sind. Ge- 
meinschaftlich werden sodann die Personen besprochen, 
die für die neu zu besetzenden Behörden tauglich schei- 
nen*). Zuerst werden Zahl und Namen der Mitglieder 
des kleinen Rates festgesetzt. Dann wird von Hasse die 

1) In deD meisten Fällen haben die ortskundigen Gehilfen Hasses 
schon vorher ein Verzeichnis geeigneter Personen aufgestellt. 



42 

• • • • . - „ 

Zahl der Gerichtspersonen und Mitglieder des grossen 
Rates bestimmt. Sie sind durch den kleinen Rat zn wäh- 
len. Meist geschieht es sofort, in mehreren Städten wird 
das Verzeichnis der betreffenden Namen Hasse erst spä- 
ter zugestellt. Am nächsten Morgen werden sämmtliche 
alte und neue Behörden *) auf das Rathaus berufen. Dort 
trägt Hasse die „Werbung** des Kaisers vor und teilt die 
Namen des neuen kleinen Rates mit. Dann wird der neue 
kleine Rat mit ernstlichem Vorhalt für den Kaiser in 
Pflicht genommen. Femer wird die Aufhebung der Zünfte 
bekannt gemacht mit den daraus für den kleinen Rat ent- 
springenden neuen Verpflichtungen. Die neue sehr ver- 
wickelte Wahlordnung wird den Städten meist erst später 
in Abschrift zugestellt. Die in der Instruction befohlene 
Einteilung der Stadt in Viertel wird kaum erwähnt. Meist 
ist die Einrichtung schon vorhanden, so dass nur an Stelle 
der bisher verwendeten Zunftmeister andere Viertelsmei- 
ster zu ernennen sind. Einige Städtchen, wie Griengen, 
haben keine Viertel gehabt, weil der Ort zu klein war; 
dabei wird es belassen. Den Schluss der Verhandlung 
bilden überall sehr ausführliche Ermahnungen Hasses an 
die Behörden zur Treue gegen Kaiser und Kirche und zu 
strenger Bestrafung aller Tlebertreter der neuen Ordnung. 
Dem Grrundgedanken der Aenderung entsprechend und 
der Instruction gemäss legt Hasse das Hauptgewicht 
darauf, für Kaiser und Kirche eine absolut sichere Mehr- 
heit im Regimente der Städte zu schaffen. Dies erzielt 
er durch 2 Mittel: 

1) durch Aufhebung der Zünfte. Dadurch werden die 
Zunftausschüsse, die Elfer, Achter etc., die zumeist das 
Heft in Händen hatten, beseitigt oder doch unschädlich 
gemacht. 

2) Durch Umkehrung des Stimmenverhältnisses in den 
wichtigeren Behörden. Ohne Rücksicht auf die gewaltige 
Ueberzahl der Zünfte wurde den Geschlechtern die grössere 

1) Wenn Gericht und grosser Rat schon neu besetzt sind, sonst 
an deren Stelle die Gemeinde. 



43 

Menge Sitze im kleinen Rate und zum mindesten Gleich- 
bereclitigTing im Grericht und im grossen Rate gesichert. 
NamentKch die Rücksicht auf die geringe Zahl der Gre- 
schlechter hatte zu der „Einziehung" der beiden Räte ge- 
führt. Nur eine sehr beträchtliche „Minderung" der „Rats- 
verwandten" konnte den G-eschlechtern die Möglichkeit 
geben, die ihnen zugedachte grössere Zahl der Ratsstühle 
auch wirklich in Besitz zu nehmen. 

Gresichert wurde diese Mehrheit durch die ebenso ver- 
wickelte wie geschickte Wahlordnung, die den Greheimen 
imd dem kleinen Rate die Leitung und Entscheidung bei 
der Neuwahl verbürgte. 

Die Sicherheitsmassregeln waren wohl erwogen und 
wurden gut durchgeführt. Wenn trotzdem die Praxis der 
Theorie nicht überall entsprach, so lag das an dem wider 
aUes Erwarten grossen Mangel an Greschlechtern. Diese 
Schwierigkeit ist bereits bei Besprechung der Hemmnisse 
erörtert, die der Aenderung entgegentraten. Desgleichen 
ist der Versuch Hasses erwähnt, dem Uebel durch Ueber- 
nahme katholischer Zünftler in die freibleibenden Ge- 
schlechterstellen abzuhelfen. Ein anderes Heilmittel von 
sehr schlimmer Wirkung war die Erlaubnis, „unangesehen 
des alten Herkommens" im Ealle der Not „gefreinte" oder 
„geschwägerte" Personen in den Rat zu ziehen. ') Diese 
Erlaubnis ist ausgiebig benutzt worden und hat zur Aus- 
bildung einer unheilvollen Vetternwirtschaft im Regiment 
dieser Städte das meiste beigetragen. 

Die beste Grewähr für seine Zuverlässigkeit im kaiser- 
lich-katholischen Sinne bot das neue Regiment durch seine 
vollständige Abhängigkeit vom Kaiser. Eine künstliche, 
Schöpfung des Kaisers, ohne starken Rückhalt unter den 
Bürgern , ^) vielmehr den meisten verhasst , musste das 
neue Regiment in den protestantischen Städten, auf die 



1) G. V. H. B. III iBDy betr. 

2) Unter „Bürger^ wird , wo nicht ausdrücklich anderes bemerkt 
ist, immer in weiterer Bedentung die gesammte Einwohnerschaft der 
Stadt verstanden. 



44 

es ankam, mit dem Kaiser stehen nnd fallen. *) "Wahrend 
die Verteilung der Aemter an Ztinftler nnd Greschlechter 
eine vollständige Umwälzung erfahr, wurden die Namen 
und Titel der Behörden sowie der Einzelämter gar nicht, 
ihre Functionen und Competenzen nur zum teil geändert. 
Die ganze Fülle der Grewalt wurde auf die fünf gehei- 
men Räte der Stadt gehäuft.*) Sie sollen des Rates 
„Häupter und Vorsteher" sein, haben die „geheimen Sachen" 
der Stadt und daneben auch andere „gemeine" G-eschäfte 
zu erledigen, die ohne den ganzen Rat wohl verrichtet 
werden können. Sie haben zu bestimmen, welche Angele- 
genheiten sie allein erledigen wollen, welche dem gesamm- 
ten kleinen Rate, dessen Vorsteher sie sind, zu überweisen 
sind; femer, in Gemeinschaft mit den andern Mitgliedern 
des kleinen Rates , welche Angelegenheiten infolge ihrer 
Schwierigkeit oder ihres Umfanges die Zuziehung des Ge- 
richtes und im äussersten Falle auch des grossen Rates 
nötig machen. Die Geheimen dürfen nur aus ganz trifti- 
gen Ursachen und nur nach Erkenntnis des von ihnen 
mehr oder weniger abhängigen kleinen Rates abgesetzt 
werden. Die Wiederbesetzung der erledigten Stellen er- 
folgt bei der Neuwahl durch den neuen kleinen Rat. Wie 
bereits gesagt, haben sie die Leitung und fast ganz auch 
die Entscheidung bei der Wahl in Händen.. 



1) Die schärfste Kritik an dem Kunstwerk übt Robertson ans in: 
The History of the Reign of the £mperor Charles V (London 1763) 
'III 181. Er sagt: der Verfassungssturz „an act of power, so impre- 
cedented as well as arbitrary, which excluded the body of the inhabi- 
tants from any share in the government of their own Community and 
subjected them to men who had no other merit, than theyr servile de- 
Yotion to the Emperors will, gave general disgust; but as they darst 
not venture upon resistance, they were obliged to submit in silence^. 

2) Vielleicht nach dem Beispiele Ulms, wo schon lange Zeit vorher ein 
engerer Ausschuss, der Rat der Fünfer, dem regierenden Bürgermeister 
zur Seite stand und die Hauptmacht in Händen hielt Er wurde von 
3 Zünftlern und 2 Geschlechtern besetzt. — Vielfach findet sich in der 
Zunftverfassung dies Verhältnis zwischen Geschlechtern und Zünften. 
Durch den Hassenrat wird es zum mindesten umgekehrt. 



45 

Unterstützt werden die G-eheimen durch eine Anzahl 
von Beigeordneten, die mit den Geheimen das CoUegimn 
des kleinen Bates bilden. Die Gesammtzahl wechselt 
zwischen 21 , so z. B. Schwäbisch Gmünd , nnd 12, so Bu- 
chan. Massgebend für die Bestimmung der MitgHederzahl 
ist nicht nur die Grösse nnd Bedentnng der Stadt, sondern 
auch ihre Stellung zum Kaiser und zur Kirche. Die kai- 
ser- und glaubenstreuen Städte werden mit einer über ihre 
Bedeutung hinausgehenden Zahl von Mitgliedern begnadigt. 
Dieser kleine Rat ist zugleich Verwalter aller conununa- 
len Angelegenheiten und Organ der Staatsgewalt , dabei 
von jeglicher Controlle fast vollständig befreit , da ihm 
die Entscheidung überlassen ist, zu welchen Sachen Ge- 
richt und grosser Rat herangezogen werden sollen. Da 
der kleine Rat sämmtUche erledigte Stellen sowohl der 
Geheimen als des Gerichts und des grossen ißats zu be- 
setzen hat, beherrscht er unter Leitung der Geheimen die 
Stadt. An der Spitze des kleinen Rates steht ein Bürger- 
meister — auch Städtemeister genannt — , der je 4 Mo- 
nate iDQL Jahr die Geschäftsführung leitet. Während früher 
fast in all diesen Städten 1 Bürgermeister 1 Jahr regierte, 
wechseln jetzt 3 Bürgermeister — die 3 ersten geheimen 
Räte — von 4 zu 4 Monaten im Regiment ab ^). — Eine 
wichtige neue Aufgabe des kleinen Rates, oder vielmehr 
die Erneuerung einer alten Aufgabe, war die Aufsicht über 
die Zünfte^. Endlich blieb dem kleinen Rate ein ausge- 
dehnter "Wirkungskreis in der Justiz vorbehalten. 

Das Stadtgericht bestand meist ganz aus Rats- 
mitgliedern , wenn überhaupt Justiz und Verwaltung ge- 
tremit waren. In manchen der kleinen Städte heisst es 
„Rat und Gericht ein Ding". So in Buchhorn und Gien- 
gen. Dies ist auch von Hasse belassen. InWimpfen wa- 
ren alter und neuer Rat von 24 Personen zugleich Gericht 
tmd Appellationsinstanz, „welches den rechten zuwider". 
Deshalb setzt der Conmiissar hier ein besonderes Gericht 



1) Yielleiclit nach dem Muster Strassburgs. 

2) Die Däheren Angaben bei „Aufhebung der Zünfte<< S. 13 ff. 



46 

ein. In Üeberlingen hat bereits ein besonderes Grericht 
von 8 Mitgliedern bestanden, die Sachen sind aber oft an 
den Rat gewiesen, wodurch die Appellation abgeschnitten 
wurde, oder es ist gleich an das Kammergericht oder nach 
Freiburg appelliert. Dadurch sind grosse Kosten entstan- 
den. In Heilbronn ist früher das Gericht aus dem Rate 
besetzt ; es sind aber viel Irrungen vorgekommen, deshalb 
Neuordnung durch Hasse. In Esslingen dagegen belässt 
6r es beim alten, trotzdem hier ebenfalls „das Grericht 
aus dem Rat besetzt und von demselben stracks an das 
Kammergericht appelliert wurde". *) Wie man sieht, ver- 
fährt Hasse hier nicht gerade konsequent. Das Normale ist 
die Einrichtung des Gerichts in Wangen. Dort tagte früher 
ein Gericht von 15 Mitgliedern, das aber nicht in Sachen 
über 10 Pfd. Objekt entschied: diese musste es an den 
Rat verweisen. In den kleineren Sachen war der Rat, in 
den grösseren das Kammergericht Appellationsinstanz. 
Hasse setzt an die Stelle ein Gericht von 12 Richtern 
unter Vorsitz eines vom kleinen Rate zu nehmenden Stadt- 
ammanns *). Dieses ist für alle Sachen, ausgenommen „Ma- 
lefizhändel", zuständig; der Rat ist Appellationsinstanz, 
von dessen Urteilen erst ist Revision beim Kammer- 
gericht. Daneben giebt es noch Bauerngerichte (in den 
Städten mit grösserem Landbesitz), Einigungsgericht, 
Spitalgericht etc. Diese alle werden von Hasse unter 
der Bedingung belassen, dass mindestens ein Mitglied 
des betr. Collegiums aus dem kleinen Rate genommen 
werde. In den meisten Städten finden sich unter dem 
Gerichtspersonal noch einige, gewöhnlich 4, „Warter" 



1) Vgl. S. 83. Nach J. J. Moser, Reichs-Stätt. Handbuch II 590 ff. 
hat in Esslingen der tägliche oder gemeine Rat auch das Ober- and 
Stadtgericht zu versehen. Unter 5 Pfd. Heller haben 12 von der ge- 
meinen Bürgerschaft sammt 1 Schultheissen oder Stabhalter zu richten, 
die der grosse Rat oder das üntergericht genannt werden; Zunftge- 
richte sind ganz aufgehoben. 

2) In den fränkischen Reichsstädten heisst der Vorsitzende des 
Gerichts Schultheiss, So von Hasse belassen. 



47 

aufgeführt, die zur „Erfüllung" von Grericlit und Bat die- 
nen sollen. Sie haben die Verpflichtung als Ersatz ein- 
zutreten, wenn eine Sitzung nicht vollzählig ist, weil einer 
oder der andere der Beisitzer wegen „Freundschaft" mit 
andern Mitgliedern oder den Parteien an der Mitwirkung 
verhindert ist. Daneben dienen diese „Wärter" zugleich 
als Fürsprecher. In kleinen Städten vertritt der grosse 
Rat die Stelle der „Warter". 

Der grosse Rat/) früher Beherrscher der Stadt, 



1) üeber das We^en des grossen Rates herrscht ziemliche Unsicher- 
heit. Sie ist entschuldbar, weil schon in alter Zeit die verschiedensten 
Bezeichnungen für dieselbe Einrichtung gebraucht wurden, und weil 
auch die Verrichtungen und die Zusammensetzung des grossen Rates in 
verschiedenen Städten und Zeiten sehr verschieden waren. Der grosse 
Rat führt auch den Namen äusserer, weiterer, alter Rat, auch Gemeinde 
and in wenigen Städten wechselt die. Bezeichnung grosser Rat, Gemeinde, 
und Elfer (Vierer etc. je nach der Zahl der Zunftverordneten). Bar- 
thold verwechselt äusseren und inneren Rat z. B. IV 28. Maurer trennt 
meist richtig kleinen Rat, Gericht und grossen Rat, vereinigt aber auch 
Gericht und grossen Rat als Gegensatz zum kleinen Rat. An andern 
Stellen bezeichnet er mit „grosser Rat" sämmtliche Stadtbehörden ; 
dann nennt er den grossen Rat die Gemeinde. Dobel, Memmingen 
S. 13 ff. setzt Gemeinde und Elfer gleich, die als Teil des grossen Rates 
gerechnet werden , der aus kleinem und grossem Rate, d. h. Gemeinde 
bestehe und nur in den wichtigsten Fällen berufen werden müsse. Für 
minder wichtige, aber doch für den kleinen Rat zu umfangreiche oder 
zu schwierige Angelegenheiten soll nach Dobel der kleine Rat durch 
die erwählten Zweener , d. h. 2 Mann aus jeder Zunft, verstärkt wer» 
den. Anders wieder stellt Baumann, AUgäu II 249 ff., der sonst Do- 
bel folgt, diesen Teil von Memmingens Verfassung dar: „Bei wicht!« 
gern Angelegenheiten erweiterte sich dieser „kleine Rat" in den „grossen", 
indem er aus jeder Zunft zwei „Zwener" sich beigesellte; der grosse. 
Rat bestand also aus 50 Mitgliedern. Bei ungewöhnlich wichtigen An- 
gelegenheiten aber beriet die „Gemeinde", welche aus dem kleinen Rate 
und den Eilfern der zwölf Zünfte, also aus 158 Mitgliedern sich zu- 
sammensetzte". S. 278 sagt Baumann: im grossen Rate von Kempten 
Sassen neben dem kleinen Rate die Zunftmeister. Hasse sagt, die: 
alten aufgehobenen Behörden hätten bestanden aus einem kleinen Rate 
von 25 Personen einschliesslich des versitzenden Bürgermeisters, einem. 
Qericht von 21 Personen einschliesslich des versitzenden Stadtammanns . 
und einem grossen Rate von 188 Personen, „den si nennen die gemeint 



48 

weil in seinen Händen die WaU der meist jährlicli nen 
ernannten Beamten sowie die ControUe über alle Aemter 
lag, war in allen Städten , wo überhaupt Zünfte vorhan- 
den waren, fast ausschliesslich aus Vertretern dieser Zünfte 
gebildet. Deshalb waren auch die Städte beim Beginn 
der Aenderung, als es galt, zu retten, was noch zu retten 
war, vor allem bestrebt, eine möglichst starke Mitglieder- 
zahl des grossen Rates zu erhalten. Besonders Ueberlingen 
gelang es. Nachdem Hasse die ursprünglich bestimmten 
20 Personen auf 40 vermehrt hatte, liess er sich zuletzt 
erweichen, die frühere Zahl von 77 zu belassen. Anders 
in Memmingen, Kaufbeuren, Kempten etc. Dort wurde 
die Zahl von 132 , 77, 99 auf 44 , (14 resp. 28) , 20 „zu- 
gezogen". Die kleinsten Städte erhalten überhaupt keinen 
grossen Rat, in andern ist er kleiner, als der kleine Kat. 
So hat Buchau einen grossen Rat von 6 Personen erhal- 
ten, während der kleine Rat, der allerdings zugleich das 
G-ericht darstellt, 12 Mitglieder zählt. Neben dieser „Min- 
derung" trug zur Erschütterung der alten Macht des 
grossen Rates auch die Bestimmung bei, dass der Eintritt 



Man sieht: so viel Köpfe, so viel Sinne. Die Gesammtsumme von 158 
stimmt bei Baumann und Hasse; der Unterschied 25—26, 132 — 133 
wird sich dadurch erklären, dass der Stadtschreiber von Dobel-Bau- 
mann zum kleinen Rate gerechnet worden ist, während ihn Hasse viel- 
leicht dem grossen Rate zugezählt hat. Auch die Instructionen ver- 
mehren nur die Verwirrung. Während an einigen Stellen kleiner Rat, 
Gericht und grosser Rat getrennt gehalten werden, heisst es in der 
Hauptinstruction : „Desgleichen soll auch der geweite neue Rat, Gericht 
mit Vorsteher .... verordnen und von der übrigen Burgerschaft noch 
.... Personen nach Gelegenhait der Stat von den Geschicktesten und 
Vermoglichsten erweit, welche alle sampt dem klainen Rate und Ge- 
richts Personen der gross Rat heissen". Auch Hasse ist sieh nicht 
immer ganz klar darin. Bei Ravensburg erzählt er vom kleinen Rat, 
Gericht und grossem Rate, den sie Gemein nennen, an anderen Orten 
zählt. er da» Gericht mit zum grossen Rate etc. — Das richtige ist 
gewöhnlich die Trennung von kleinem Rate, Gericht und grossem Rat. 
Der grosse Rat ist der Vertreter der Gemeinde, meist von Anfang 
an ; in manchen Städten tritt er erst später an die Stelle der Gemeinde- 
versantmlung. 



49 

fernerhin Bürgern (im engeren Sinne) tmdZünftlem gleich- 
massig offen stehen solle ^). Entscheidend wirkte auch 
hier die Verfügung, welche dem kleinen Rate die Be- 
setzung sämmtlicher erledigter Stellen überwies. Mit 
Recht behandelt Hasse den grossen Rat als Nebensache 
und spricht mehr von dessen Pflichten gegen Kaiser und 
Kirche, als von seinen Rechten in bezug auf die Verwal- 
tung der Stadt. Diese Rechte, namentlich das der Prü- 
fung bei der Rechnungslegung, waren dem grossen Rate 
officiell nicht entzogen, ihre Ausübung in der alten Weise 
war jedoch durch die vorgedachten Bestimmungen unmög- 
Uch gemacht, da diese die Ausschliessung missHebiger 
Mitglieder leicht erzielen Hessen. 

Bei dem Verfassungssturze in Augsburg erklärte der 
Kaiser, er habe gemeint, zur Verhütung des Uebels müsse 
man vor allen Dingen die Ursache entfernen, und „also, 
wie man sagt, zu der Wurzel zu graben sein müsste". 
Die Aufhebung der Zünfte war allerdings ein Radical. 
mittel. Die Verfassung, welche sich im Verlaufe von 
zwei Jahrhunderten, der Blütezeit dieser Städte, ent- 
wickelt hatte, wurde mit einem Schlage vernichtet. Dies 
besagt hier der Ausdruck „Aufhebung der Zünfte", der 
modern „Aufhebung der Zunftverfassung" lauten würde 
und die Rückkehr zu dem seit 200 Jahren beseitigten Gre- 
schlechterregiment in sich schliesst: eine Reaction im 
Verfassungsleben, die an Kühnheit kaum ihres gleichen 
findet. 

Frensdorf sagt : *) „Wie berechtigt die Verfassungs- 
umgestaltung von 1368 war, zeigt die Tatsache, dass die 
Bedeutung und das Ansehen der Stadt unter dem Zunft- 
regimente nicht nur nicht abnahm, sondern dass sich viel- 
mehr seitdem ein Aufschwung auf allen G-ebieten des 

1) In der Praxis war diese Bestimmung in vielen Städten aller- 
dings zunächst von geringer Wirkung wegen des Geschlechtermangels. 
So war in Nördlingen der grosse Rat ausschliesslich von Zünftlern 
besetzt, in Lentkirch sassen sogar im kleinen Bat nur Zünftler. 

2) Chroniken der deutschen Städte IV Augsburg, 1 Bd. ZXXV. 

4 



BO 

städtischen Lebens kund gab ; wie zweckmässig und den 
Verhältnissen entsprechend die Verfassung aber war, 
die man an die Stelle der alten setzte , beweist der Um- 
stand, dass sie sich eines nahezu 200jährigen Bestehens 
zu rühmen hat, und während dessen nirgends von ernst- 
hafteren Bewegungen, die sie dauernd in frage gestellt 
hätten, berichtet wird . . . ". 

Die Versuchung liegt nahe, diese Ansicht nicht nur 
für Augsburg anzunehmen , sondern sie auf alle oberdeut- 
schen Reichsstädte auszudehnen, worin die Zünfte zur 
Herrschaft gelangten. Aber erstens hat sich die Zunft- 
verfassung durchaus nicht kampflos behauptet : der auf 
diesen Blättern beschriebene Sturz der Zunftverfassung 
ist nur das erfolgreiche Ende einer langen Reihe erfolg- 
loser Versuche. Zweitens zeigt die bereits besprochene ') 
Beschwerdeschrift der Augsburger Geschlechter, so vor- 
sichtig man ihr entgegen treten muss, doch unzweifelhaft, 
dass nicht alles Gold war, was glänzte. Schon Patd von 
Stetten der Jüngere hat nicht ohne Geschick obige An- 
sicht zu widerlegen versucht, indem er sagt: „Die ganze 
Stadt empfand zum öfteren, dass sie unter der Herrschaft 
klein gewester Tyrannen und solcher Leute, die zu nichts 
weniger als zu Regenten erzogen, stehen musste. Die 
Blüthe der Zunftzeit war zum Theil schon zur Zeit der 
ersten Geschlechterherrschaft vorhanden, und ihr Wachs- 
tum rührte von der damals meist über Augsburg gehen- 
den Venetianischen Handlung. Es ging Augsburg wie 
andern Städten, z. B. Nürnberg, in welchem nie Zünfte 
gewesen und auch im 15. und 16. Jahrhundert besser als 
nachher gestanden".^) Gleichmässiger verteilt Schmoller 
Licht und Schatten. ') Er wirft den Zünften grosse Män- 



1) S. 26 ff. 

2) Paul V. Stetten der Jüngere, Geschichte der adeligen Geschlech- 
ter in der freyen Beichs-Stadt Augsburg. (Erschienen Augsburg 1762.) 
S. 252/53. 

3) Vgl. Schmoller, die Strassburger Tucher- und Weberzunft (Strass- 
burg 1879) Ende des 3. und 5. und Anfang des 8« Capitels. 



51 

gel vor : eine nnstäte äussere Politik, eine schlechte unlau- 
tere Finanzverwaltung, eine schlimmere Corruption der 
Verwaltung als zur Zeit der patrizischen Herrschaft, eine 
hässliche Stellenjägerei, ein gewissenloses Plündern der 
öffentlichen Mittel, eine furchtbare Verschuldung, ein ewig 
vergebliches Anlaufen zu nicht gelingenden Reformen. 
Doch lobt er an ihnen den Geist der Hingebung und Auf- 
opferung, der genossenschaftlichen und bürgerlichen Ehre, 
Amtseifer, Geschäftserfahrung*) etc. 

Mag man nun mehr Schatten oder mehr Licht oder 
beides gleich verteilt finden, jedenfalls hatten sich die 
Zunftmeister im Grossen und Ganzen den schweren Auf- 
gaben gewachsen gezeigt , die das schnelle Anschwellen 
des Verkehrs und der Bevölkerung ihnen stellte, und dies 
wurde von dem weit überwiegenden Teile der Bevölke- 
rung dankbar anerkannt. Die Zünfte hatten längst die 
ursprüngliche zünftische Tyrannis aufgegeben; zum teil 
freiwillig, zum teil durch das altbewährte Mittel der 
Auswanderung der reichen Geschlechter dazu gezwungen. 



1) Andrerseits wird grade wieder über die Geschäftsunkenntnis 
der Zunftmeister und namentlich über ihr Ungeschick bei Gesandt- 
schaften und Verhandlungen diplomatischer Art gespottet. Vgl. die 
drastische Schilderung des Ungeschicks und der Verhöhnung des Leut- 
kircher obersten Zunftmeisters in Ulm. Zimmerische Chronik IV 27. 

Nach der Durchführung der Aenderung geht in ganz Schwaben 
das Sprichwort: 

„Der Has hat allenthalben die Zunftmeister uffressen^ Zimmerische 
Chronik IV 22. 

Für dies Sprichwort giebt Uhland, dem wohl der Verfassungs- 
sturz durch Hasse nicht bekannt war, in den kleinen Schriften VIII 
619 die merkwürdige Erklärung, dass zuvor die Zunftmeister hin 
und wieder in Städten von den Hasen, d. h. dem Landadel aufgefressen 
worden seien. — Am Rathause zu Reutlingen fand sich angeschlagen: 

Wann wurt kommen new Laub und Gras | 

So wurstu hören diss und das | 

Dann Neid und Hass | Bringt uns der Has | 

Der isset weder Laub oder Gras | 

Zunftmaister schmecken im vil bas | . 
Zimmerische Chronik IV 22. 

4* 



62 

Sie hatten sich, wenn anch bedächtig, zu einschneidenden 
Reformen beqnemt und den wenigen Patriziern einen reich- 
lich bemessenen Teil an der Verwaltung eingeräumt. Die 
Zxmftverfassung war noch' in der Entwickelung begriffen 
und fähig dazu. Das Zurückdrängen in die engen, ver- 
alteten Formen des Geschlechterregiments war keine Ver- 
besserung, denn auch die unleugbaren Nachteile einer viel- 
köpfigen Regierung wurden aufgewogen durch die eben- 
deshalb besonders rege Beteiligung der Bürger am politi- 
schen Treiben, die eine Erstarrung, wie sie später eintrat, 
verhinderte. *) 

Grieichsam äussere Zeichen der Aufhebung der Zünfte 
waren die Aushändigung der Briefe, Register, Privilegien, 
des haaren Geldes und aller Vorräte der Zünfte an den 
kleinen Rat, femer der Verkauf aller Zunfthäuser durch 
den kleinen Rat. Der Erlös aus diesen Zunfthäusem, den 
Gerätschaften, dem Vorrate und das baare Geld sollen 
von dem Rate verzinslich angelegt und im Bedarffalle 
zum Nutzen der Zunft oder einzelner Mitglieder verwen- 
det werden. Doch war dem kleinen Rate die freie Ver- 
fügung zu andern gemeinnützigen Zwecken auch gestattet. 
— Durch den Verkauf der Zunfthäuser war zugleich die 
Aufhebung der „Stuben" oder „Gesellschaften", d.h. das 
Verbot der täglichen Zusammenkünfte der Zunftmeister 
auf diesen Stuben ausgesprochen. Fernerhin hat der kleine 
Rat einige aus seiner Mitte zu bestimmen, welche über 
die Ordnung der Zünfte zu wachen, ihre Processstreitig- 
keiten in Gewerbesachen zu entscheiden und schwierige 
Sachen, in denen keine Einigung zu erzielen ist, an den 



1) In Heilbronn waren die Zünfte bereits durch Karl IV abge- 
schafft, auch in Aalen, Bopfingen und Buchau gab es keine Zünfte. 
Desgleichen nicht in Schwäbisch Hall , wo auch die geschenkten Hand- 
werke durch die Stadt selbst bereits abgestellt waren. In Wimpfen 
führten die Zünfte den Namen Gesellschaften. Zünfte gab es : 8 in 
Bibrach, 6 in Dinkelsbühl, 4 in Leutkirch, 8 in Ueberlingen, 6Jn Ffullen- 
dorf, 5 in Isny, 7 in Eaufbeuren, 8 in Lindau und Bavensborg, 9 in Kemp- 
ten f 12 in Memmingen etc. H. B. HI. 



68 

kleinen Bat zu weisen haben« — Aach diese Massregeln 
wurden nicht überall gleich streng durchgeführt, und 
namentlich waren es wieder die kaisertreuen katholischen 
Städte, die sich mancher Milderungen erfreuen durften. 
Als Beispiel für den Gang der Sache möge Schwäbisch- 
Gmünd dienen : ^) hier erklären die alten Behörden , es 
fänden bei ihnen nicht , wie in andern Städten , tägUche 
Gresellschaften und Versammlungen in den Zunfthäusern 
statt, sondern sie kämen nur zur Wahl eines Zunftmeisters 
dort zusammen, oder wenn man einemZunftmeister „schenkte** 
oder Sachen „die gemeine Zunft anlangend" zu verrichten 
wären; da die Metzger ihr Haus zum Fleische, die „Se- 
gessenschiniede" *) zur Aufbewahrung der Kohlen , die 
Gerber zur „UfPschittung des Lons",*) alle aber zur Auf- 
bewahrung des üblichen Komvorrates gebrauchten, so 
bäten sie, es beim alten zu belassen. Hasse giebt, unter 
Voraussetzung der Zustimmung des Kaisers „lestlichen" *) 
Bescheid dahin: alle Zunfthäuser und Zünfte, desgleichen 
auch die „geschenkten" Handwerke sollen aus kaiserlicher 
Macht aufgehoben sein und bleiben. Es sollen zwei vom 
Rate (sc. kleinen Rate) verordnet werden , die , neben 8 
von jedem Handwerke, die besonders zu diesem Zwecke 
vom Kate ausgewählt werden, auf gutes Halten der Hand- 
werksordnungen zu sehen, die ihnen obliegenden Sachen 
zu hören und die zu ihrer Instanz gehörenden zu ent- 
scheiden haben.' In den Zunfthäusern darf keine Ver- 
sammlung abgehalten werden mit Ausnahme der Achter, 
aber auch von diesen nur mit Erlaubnis und im Beisein 
der 2 Ratsdeputierten. Dem Rate und andern „eherli- 
chen" ^) Personen ist, vrfewohl sie keine Greschlechter mehr 



1) Zu vergleichen ist: E. Wagner, die Reichsstadt Schwäbisch- 
Gmundt, Würtemberg. Vierteljahrshefte N. P. 1892 S. 89 fif. 

2) Sensenschmiede. 
8) Gerberlohe. 

4) endgültigen. 

5) Durch den Beichstagsabschied von 1530 war die Trennung der 
städtischen Berölkerong in Ehrbare Bürger, d. 1(. Geschlechter, Kauf- 



54 

haben, die Bürgerstabe und die Krämerstube überlassen 
und den übrigen „gemeinen" Handwerkern die Bender- 
stub (Fassbinder). Jedoch sollen dieselben nicht als Zunft- 
stuben, sondern nur zu Hochzeiten „und andern Greschäf- 
ten" benutzt werden und zwar mit Ausnahme der Bürger- 
stube nur mit Erlaubnis der 2 Ratsleute. Die andern 
3 Stuben sollen den Handwerkern zum Kohlen-, Lohe- und 
Komaufschütten bewilligt, aber keine Gresellschaften darin 
abzuhalten gestattet werden. 

In Esslingen war es Sitte , dass diejenigen Sachen, 
welche nicht Erb oder Eigen belangten und nicht über 10 
Pfd. betrafen , zunächst von einigen Personen derselben 
Zunft entschieden, falls sie sich aber nicht verglichen, vor 
den Bat gewiesen wurden. Dies wird von Hasse mit der 
Aenderung belassen, dass der Bat diese Personen aus der 
Zunft ernennen solle *). In andern Städten, z. B. in Buch- 



leute und Zünftler^ d. h. Handwerker gesetzlich angeordnet. In Hasses 
Berichten findet sich eine ähnliche Sonderling. Ueherall werden getrennt: 
1) Ratsverwandte und Geschlechter, 2) andere Bürger, 3) das „ge- 
meine" Volk. So in Reutlingen : „die vom Rat und Geschlechter, deren 
doch gar wenig sind, andere hohe Bürger und das andere gemeine Volk''. 

Unter den „anderen hohen Bürgern" werden gewöhnlich die Kauf- 
leute und die übrigen Herrenzünfte verstanden. In den Städten mit 
regerem Handel werden getrennt aufgeführt : die Geschlechterzunft, die 
Zunft der Kaufleute, die Krämerzunft. Die Kaufleute bilden überall 
den angeseheneu Mittelstand zwischen Geschlechtern und Handwerkern. 
Als Beispiel für das Aufsteigen vom Handwerker zum Geschlechter 
diene Oehm in Augsburg: 

Thomas Ehem war Weberzünftler , wurde Zwölfer , begab sich 
durch Wollhandel reich geworden, in die Zunft der Kaufleute, war 1478 
Kaufmann in grossem Rate , heiratete Ursula Erd weinin aus der meh- 
reren Gesellschaft, kam dadurch in diese Gesellschaft und von da in 
das Patriziat. Vg. P. v. Stetten d. Jüngere, Gesch. der adlich. Ge- 
schlechter und Arnold, Verfassungsgesch. II 208 f. 

1) Vgl. S. 97. Auch in Esslingen wird dem „andern gemeinen 
Volk" eine besondere Stube für Hochzeiten etc., nach Genehmigung des 
Kaisers auf Fürbitte des neuen Rates bewilligt, welcher meint, es sei 
besser ettliche öffentliche Stuben zu haben, als dass das Volk in den 
Winkeln zusammen „schlieffen** (schlüpfen) sollte. 



56 

hom, hat der kleine Bat diese nenen Znnftvorsteher aus 
dem grossen Rate zu ernennen. In Pfullendorf werden 
3 „Stuben" für Weber, Schneider und Bäcker belassen, 
die „Meier", *) Schuhmacher und Metzger dagegen müssen 
ihre Stuben von jenen „lehnen". Dieser letzteren 3 Stu- 
ben sollen vom Kate angekauft und aus den 2 besten 
„Wurts- oder Zechheuser" geschaffen werden; ihre Wirte 
müssen aber vom kleinen Bäte eingesetzt, und ihnen die 
nötige „Ordnung" vorgeschrieben*) werden.') Ueberall 
wird die Bürgerstube belassen oder, wenn gar keine „Bürger" 
vorhanden waren, für die Mitglieder des kleinen Bates neu 
eingerichtet. Den Kaufleuten wird in einigen Städten die 
Stube belassen, in andern „wegen viler böser Practiken" 
entzogen. Endlich wird öfter bestimmt, dass der Eid »ver- 
mog der Cammergerichtsordnung zu schwören" sei, aber 
„wegen der Zunftmeister etwas reformirt werde". *) ^'') 

Alle ferneren Anträge werden an den Kaiser 
verwiesen, so namentlich die vielfach wiederkehrenden 
Besoldungsanträge der Greheimen und des kleinen Bates. 
Die Herren folgen in vielen Städten gar bereitwillig 
dem opferfreudigen Beispiel der armen Beichen von 
Augsburg. ^ So befürwortet Hasse den Antrag der 

1) Entweder aus Meuerer (mitteldeutsche umgelautete Form von 
Maurer) oder soviel wie Pächter, Oberknecht eines Ackerhofes. 

2) „Domit keine conventickel oder Praticken uff soiichen Stuben 
furgiugen**. 

3) In Heilbronn giebt es keine Zünfte, aber fast alle Handwerke 
haben ihre besonderen „Gesellschaften^, neben denen es noch „um be- 
sondem Zins^ Zechhäuser giebt. Auch diese Gesellschaften müssen 
verkauft werden. — 

4) In Aalen wird auf Anregung einiger Einwohner der Eid „mo- 
deriert^, indem in ihn die Gehorsamsformel gegen den Kaiser aufge- 
nommen wird. 

5) Wie weit die Fürsorge Hasses geht, lehrt seine oft wiederkeh- 
rende Aufforderung, der kleine Rat solle bei Abnahme des Schwures 
genau darauf achten, dass alle anwesend sind und den Schwurfinger 
hoch erheben, die abwesenden aber nachträglich einzeln vereidigt 
werden. 

6) S.94ff. 



66 

Geheimen von Gmünd und Nördlingen, dass ihnen und den 
Ratsherren jährlich 332 resp. 430 Fl, als ^Ergetzlichkeit" 
für ihre Mühe zur Verteilung überlassen würden. ') Zur 
Begründung führen die Geheimen ungefähr dasselbe an, 
was den Kaiser nach seiner eigenen „Werbung" bewogen 
haben soll, an Stelle der Zünftler Geschlechter in das 
Regiment zu nehmen : die Besoldung würde der Stadt von 
grossem Nutzen sein, denn dann müssten sie ihres Amtes 
um so getreulicher warten und dürften nun, falls sie ein 
kleines Geschäft hätten, um so weniger, wie es bislang 
gebräuchlich gewesen wäre, aus dem Stadtsäckel zehren, 
„nebendem das auch mancher seine Kind desto ehe zum 
studio ziehen unnd also die Stat mit stattlichen Leuten 
versehen wurd**.*) 

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Commissar 
der Besetzung der Einzelämter. Das ganze Heer von 
Beamten, Statamman, Stadtschreiber, Stadtrechner, Seckel- 
meister, Einnehmer, TJngelter, Bettelherr, Zuchtherr, Spi- 
talpfleger, und wie sie alle heissen, verlor nichts an ßang 
und Competenz; wohl aber tritt auch bei ihnen die Be- 
stimmung ein, dass ihre Stellen aus dem kleinen B.ate be- 
setzt werden, die wichtigsten, namentlich die Stadtrechner 
und die Pfleger von reichen Spitalen, sogar aus den Ge- 
heimen. Der kleine Rat hat auch die Neubesetzung solcher 
erledigter Stellen in der Hand. Wenn irgend möglich 
werden auch hier die Geschlechter bevorzugt, sodass in 
manchen Städten ein Patrizier zugleich 3 Aemter in Ver- 
waltung hat. — Es kommt dem Commissar offenbar darauf 
an, diese trotz aller Aufsicht immerhin noch wichtigen 
Aemter in sicheren Händen zu wissen. Er besetzt mög- 
lichst alle Stellen, die zu den höheren Aemtem zu rech- 
nen sind, selbst, oder lässt sich doch die vom kleinen Eate 
dazu in Aussicht genommenen Personen nennen und vor- 

1) G. V. H. B. IL 

2) Auch die Geheimen von Leutkirch — nur Handwerker — bitten, 
ihnen „nach Gelegenheit der Stat^ ihrer Mühe und Arbeit halber „Yer- 
gleichung^ zu verschaffen. 



57 

stellen. Alle irgendwie unsicher scheinenden Candidaten 
werden von ihm auf Herz und Nieren geprüft, und viel 
erfreuliches weiss Hasse nicht zu berichten. In Donau- 
wörth können einige neu ernannte Bürgermeister und Ge- 
heime weder lesen noch schreiben; trotzdem scheinen sie 
dem Commissar wegen ihrer „Redlichkeit" vor andern zu 
diesen Aemtem tauglich zu sein. Die beiden Bürgermei- 
ster des frommen und getreuen Pfollendorf Peter Schult- 
heiss und Martin Bleicher werden ihres Amtes entsetzt, 
weil ersterer zwar männiglich als frommer ehrlicher Mann 
geachtet ist, aber viel zu raschen und zu Zeiten gar kei- 
nen oder sehr scharfen Bescheid giebt, der zweite aber 
„seines Mundts zu uubehutsam und sich dazu oft beweint". 
Trotzdem wird Peter Schultheiss zu den Geheimen ge- 
nommen und Bleicher zimi Statamman ernannt. Der Rats- 
herr Severinus Schnell am selben Orte ist nicht wieder 
zmn Begimente gezogen worden, weil er zwar nicht unge- 
schickt und in guten Vermögensverhältnissen lebt , aber 
bei jedermann in dem schlimmen Rufe steht , dass er sich 
„mit ettlichen vielen der Stat Eeweibem beflecken und, 
so Jemand etwas davon sagt, dieselbigen mit schweren 
Rechtfertigungen zu belestigen understeen soll". Dem 
Rate insgesammt wird streng verboten , soviel aus dem 
gemeinen Seckel zu zehren, wie dies bisher geschehen. In 
Reutlingen empfiehlt Hasse den Geheimen und dem klei- 
nen Rate dringend, sie möchten in den Beratungen „nit 
unnötig vil schwatzen, sondern zu der Substanz der Sachen 
greifen" und was nicht dienstlich sei, unterlassen. In 
Esslingen möchten die Geheimen später den Licentiaten 
Machtolf zum Bürgermeister wählen. Hasse prüft ihn auf 
seine Gesinnung und sagt: „onangesehen das er bisher ir 
Advocat gewesen, so werde es seines Bedunckens kein 
Not haben".^ 



1) Hasses Scharfblick scheint Recht gesehen zu haben: Obgleich 
dieser Machtolf einer der ersten Vertreter der nenen Lehre im Bäte 
zn Esslingen gewesen war und eifrig für dieselbe gekämpft hatte, 
war doch, als der Kaiser 1552 Esslingen besuchte , bei den Bürger- 



58 

Angebracht und erfreulich scheint das Wirken des 
Commissars in Nördlingen. Dort verbietet er bei Leibes- 
strafe den Weinkauf, d. h. die Unsitte, beim Abschlüsse 
von Käufen das Handgeld zu vertrinken, die dermassen 
übertrieben worden war, dass oft, wenn 1 oder 2 FL Hand- 
geld gegeben war, eine ganze Zunft mit Weib und Kind 
bei 300 Personen aus eigenem Beutel zu zechen und zu 
schmausen begann. In Reutlingen wird streng unter- 
sagt, des Nachts über die Zeit in Wirtshäusern zu sitzen 
und Schmählieder zu singen, wie dies bisher ungerügt ge- 
schehen sei. 

Die Prüfang der neuen Beamten erstreckt sich nicht 
nur auf ihre Treue gegen den Kaiser , sondern auch und 
vor allem auf ihre Glaubensrichtung. In allen Städten 
beginnen die neuen Räte ihr segensreiches Wirken damit, 
dass sie alles denuncieren, was eine Spur protestantischen 
Wesens verrät. Und Hasse geht so eifrig auf diese kirch- 
liche Seite der Reform ein, dass man oft eher glaubt, ein 
Protocoll über eine Kirchenvisitation, als einen Bericht 
über eine Verfassungsänderung zu lesen. Bezeichnend ist, 
dass in den sämmtlichen Berichten Hasses das Wort „In- 
terim" kaum vorkommt, oder doch nur von ihm als Aeusse- 
rung anderer wiederholt wird. Die Prüfung erstreckt 
sich nicht darauf, ob die betreifenden Beamten der alten 
wahren Religion „am nächsten stehen", d.h. Interimisten 
sind, sondern ob sie der katholischen Lehre „anhengig" 
sind. Oefter begegnet allerdings dem Commissar das Un- 
glück, dass er zwar einige echte Katholiken findet, dass aber 
wie in Memmingen , die neuernannten Geheimen erklären, 
die glücklich aufgefundenen wären „gar unmentschen mit 
Drinken und in andere Weg, auch mit Schulden der- 
gestalt beladen, dass sie zu einer Regierung nit fagKch«. 



meistern und dem Stadtschreiber Machtolf „nach den Bemerkungen 
des Volkes" trotz aller gerühmten evangelischen Gesinnung „des 
Bückens und Biegens kein Ende*'. E. v. Keim, Reformationsblätter 
von Esslingen. Esslingen 1860. S. 151. 



59 

Fast in allen Städten werden die Stadtschreiber 
besonders erwähnt ') , aber selten lobend. Meist wird 
ihnen vorgeworfen, dass sie mit „dem Kirchgang kein 
gut ExempeP gäben, der „Religion halben nur halb und 
halb" wären, oder auch, dass sie kein Latein ver- 
stünden, oft „beweint" wären, ihres Amtes unfleissig war- 
teten etc. Der Herr von Weingarten nimmt sich der ver- 
irrten Schafe gern an und erzielt auch zum teil, so in 
Memmingen , recht gute Resultate *). An andern Orten, 



1) Der Stadtscbreiber besass in Wahrbeit „alle Gebeimnisse" der 
Stadt. Er war nicbt nur bei allen Verhandlungen des Rates zugegen, 
sondern auch bei den meisten des Qericbts ; die kleinen Städte besassen 
keinen besonderen Qericbtsschreiber. Aus einem Protocollführer war 
er vermöge seiner Gescbäftskenntnisse zum Berater, ja zum Leiter der 
Verhandlungen geworden. Er war der Vermittler zwischen Behörden 
und Bürgerschaft , in den grösseren Städten akademisch gebildet und 
fehlte nie bei Gesandtschaften etc. 

2) Gerwig Blaurer Abt von Weingarten war ein unermüdlicher 
und sehr geschickter Vorkämpfer des Eatholicismus. Dass er aber 
vor andern geeignet gewesen wäre , den Lebenswandel der städtischen 
Beamten zu prüfen und zu verbessern, geht aus den Schilderungen der 
Zimmerischen Chronik nicht hervor. Darnach scheint es vielmehr, als 
ob der Bock zum Gärtner gesetzt worden wäre : Auf einem Reichstage 
zu Speyer sagt er zu den umherwandelnden Herren, die sich zu seinem 
Aerger nicht setzen , sie liefen hin und her , wie bei ihm die Bauern 
pflegen „da sie ain Sawhirten under inen erwellen". Auf dem Reichs- 
tage zu Regensburg 1541 hat ihn Herzog Ott Heinrich gezwungen, mit 
ihm des Nachts auf seinem Zimmer nackend zu tanzen. Zu allgemeiner 
Freude, denn Gerwig wäre allgemein verachtet gewesen und hätte 
dazu durch seine Leichtfertigkeit nicht wenig Ursache gegeben. Seine 
Concubine oder „Balmesel" hätte er „en mani^re d^guis^e, in Form 
aines Raisigen'* mit auf die Reichstage genommen. „Die rit mit , war 
ufwarten und war nun gar ein hupsche Sach , die von den Evangeli- 
schen als ain guts Vorbild ains gaistlichen Vatters wol ward herfur 
gezogen und usgericht". Als Herr von Rapoltstein mit seinen Junkern 
den Abt Gerwig besuchte, bewies Gerwig seine unbeschränkte Gast- 
freundschaft dadurch, dass er seinen Besuchern zunächst 6—8 Mägde 
und 2 Lager zur Benutzung anwies. Berüchtigt war Gerwigs Fertig- 
keit im Vorbringen von Zoten. Bei seinem unkeuschen Lebenswandel 
bekam er auch die Franzosen , die Krankheit, die Janssen und andere 
dem Ritter Butten nicht verzeihen können. — Der Schneider Wolf 



60 

z. B. Reutlingen und Wimpfen, finden sich hartnäckige 
Menschen, welche die Kühnheit besitzen, den Commissaren 
ins Gesicht zu sagen, der betreffende Pfarrer verstünde 
weder Kirche zu halten noch sonst etwas, sie wollten 
„bis zur Determination concilii" mit dem Kirchgang warten. 

In Kaufbeuren wird der Stadtschreiber abgesetzt, «die- 
weil wir denselben schwenkfeldisch befunden" , der alte 
wird wieder eingesetzt, „nachdem ihm ernstlich befohlen 
ist, „das er sich des Drinkens etwas mässgete^ 

In Bibrach wird der Stadtschreiber wie üblich ver- 
mahnt, „dem gemeinen Volke mit dem Kirchgang in der 
katholischen Kirche ein gut Exempel zu geben" ; er begehrt 
deswegen schriftlichen Befehl vom Kaiser , „damit er es 
gegen den gemainen Man dester statlicher verantworten 
mag". Ganz ' besonders erfreulich wirkt Abt Gerwigs 
Busspredigt bei Stoffel Greter in Biberach, der als Haupt- 
rädelsführer galt. Jetzt erklärt er: Er sei zu anfang 
heftig genug gewesen, seitdem aber Biberach das Interim 
angenommen habe und er etliche Sachen anders denn er 
geglaubt befanden , habe er sich geändert und wolle sich 
nimm ehr so verhalten, dass niemand Ursache zur Be- 
schwerde haben werde; er habe auch nichts dagegen, in 
die Messe zu gehen etc. ^). Zur Belohnung für seine schnell 

Felber sagt auf die Vorwürfe Gerwigs, als ein Ornat nicht passte: er 
hätte noch nicht viel für Gerwig gearbeitet ; hätte er so viel Kirchen, 
kleider für ihn verfertigt wie er seinen Mägden und Dirnen hätte Uater* 
rocke und Mieder machen müssen, so hätte er das Ornat gewiss nicht 
verdorben. Das schlimmste, was der Graf v. Zimmern über Gerwig be- 
richtet — ein Notzucht versuch mit bösen Folgen — , lässt sich hier 
gar nicht wiedergeben; vgl. Zimmerische Chronik II, 570 ff. — Gerwig 
ist ein würdiger Genosse des Abtes Placidus von Molk, dem der päpst- 
liche Nuntius die ehrenden Beinamen „defiorator virginum, publicus con- 
cubinarius*' giebt. Druffel No. 45a. 

Ein anderer Gehilfe Hasses, der Speirische Hofmeister Licentiat 
Gregorius Nallinger, wurde 1551 zur Visitation des Eammergerichts 
nicht zugelassen, „weil er selbst war zu visitiren". Zimmerische Chro- 
nik IV, 60. 

1) Auch der Münzmeisier und Vierer Apfelfelder in Eaufbeurea, 
welcher „der Lutherey etwas bonchtigt gewesen^ , efbidtet siob «u 



61 

gewonnene Einsieht wird er in den kleinen Rat gewählt 
und Stadti*eclmer, „damit er^, wie Hasse sehr schön sagt, 
„teglich seehe, was Unrats der gemeinen Stat us seinen 
vorigen Handlangen entstanden sei^. Hans Krämern in 
Isny wird vorgehalten, dass er im vergangenen Kriege 
gegen den Kaiser im Felde gestanden habe ; er solle trotz- 
dem znm Regimente genommen werden in der Erwartung, 
dass er sein Vergehen durch Grehorsam sühnen werde. 
Seine nnd anderer „unsicherer" Personen Annahme zum 
Regimente geschieht aber nur, weil der Abt von Isny er- 
klärt, dass bessere Personen nicht aufzutreiben sind. 

Jacob Htinlin in Lindau, der lange Bürgermeister ge- 
wesen ist und grosses Ansehen sowie viel Freundschaft 
und Verwandtschaft in der Stadt besitzt, war ein erbitterter 
Gegner des Kaisers im schmalkaldischen Kriege und noch 
später; auch die Ermahnungen Hasses und seiner Ge- 
nossen scheinen wenig Eindruck auf ihn gemacht zu haben. 
Trotzdem muss er gegen seinen eigenen Willen und Hasses 
Absicht unter die Geheimen aufgenommen werden, da die 
andern vier erklären, ohne ihn nicht regieren zu können. 
Hasse tröstet sich damit, dass Hünlin durch die andern 
„übermert" ^) werden könne. 

Nicht genug mit dieser Prüfung der städtischen Be- 
amten auf ihre Rechtgläubigkeit , werden auch die kirch- 
lichen Verhältnisse einer äusserst scharfen Eritik, ja 
überhaupt das ganze kirchliche Leben jeder Stadt einer 
genauen Untersuchung unterzogen. Eine nie fehlende 
i^rage des Commissars ist die nach dem guten Bei- 
spiele für das gemeine Volk mit dem Kirchgange. Simon 
Martin in Giengen antwortet : Sie gingen alle in die 
Earchen; manchmal gehe auch vielleicht einer „seinen 
Geschäften und seiner Notturft nach« wieder heraus, 

allein cbfristlichen Gehorsam und witl so^r wie die ändern streng 
ksitbolhchen 'Gebeiinen für sich und seine Nachkommen einen beson- 
det^ Sirf^enstuhl anfertigen lassen. Infolgedessen wird er gern sm 
€hiaden aagenommea* 
1) üebaratimmi 



62 

aber die meisten bUeben während der ganzen Messe darin. 
Dies Verlassen der Kirche vor Beendigung der Messe 
wird vom Commissar mehrfach gerügt. Wie manche Stadt- 
schreiber über das Kirchgehen denken, ist schon besprochen. 
Der Memminger Stadtschreiber, als sehr geschickt gerühmt, 
aber im Rate gewöhnlich den kaiserlichen Anordnungen 
widersprechend, nennt den Pfarrer geradezu einen Lästerer. 
Hasse sucht namentlich dem Mangel an „tauglichen" 
Priestern abzuhelfen. In Reutlingen befiehlt er , es solle 
streng darauf gehalten werden, dass die Kirchen wieder 
mit „Helfern" und ^Caplänen" versehen würden und 
das Almosen richtig (d. h. doch wohl an Altgläubige?) 
verteüt werde. Gregen Pflichtversäumnis und nicht genü- 
gende Wahrung des katholischen Interesses geht der 
Commissar scharf vor: Dem Herrn Gastelus, Prior zu 
den Carmelitern, genannt zu unserm Herrgott zu Nörd- 
lingen, „der das Kloster allein und ziemliche Renten da- 
von hat und doch gar nichts thut" , schreibt Hasse , er 
möge seine Pflichten, wie es sich gehöre, erfüllen, auch 
nach jungem Nachwuchs trachten, damit nicht der Kaiser 
bewogen werde, auf andere Abhilfe zu sinnen. — Die Ge- 
heimen von Kaufbeuren haben dem Conmiissar angezeigt, 
dass der frühere Rat dem gewesenen Praedicanten daselbst 
lebenslänglich jährlich 50 fl. verschrieben und bisher be- 
zahlt habe, trotzdem der Prädicant längst abgeschafft 
wäre. Der betreffende Collator Hanolt verabfolge auch 
noch die Gefalle, so dass sie keinen ordentlichen Prediger 
hätten. Hasse befiehlt aus eigener Machtvollkonunen- 
heit dem Prädicanten femer kein Gehalt zu zahlen und 
die auf die Stadt entfallenden Gebühren innezubehalten, 
bis ein katholischer Prädicant eingesetzt sei. Dem Col- 
lator Hanolt aber soUen sie mitteilen, er habe die Prae- 
dicatur binnen 2 Monaten mit einem katholischen Prädi- 
canten zu besetzen; wenn dies in der bestimmten Zeit 
nicht geschehen sei, soUen es die Geheimen binnen glei- 
cher Frist erledigen, falls auch dies nicht geschehe, werde 
sich der Kaiser der Collation dieser Prädicatur selbst 



63 

unterziehen und sie nach eigenem Ermessen verleihen. 
Die Pensionsentziehung sowohl als der Befehl zur Ein- 
setzung eines katholischen Prädicanten sind gewalttätige 
Rechtsverletzungen des Commissars *). In andern Fällen 
zweifelhafter Natur weist Hasse die Fragesteller an den 
Kaiser. So bei der Pensionirung des zu entlassenden 
Stadtschreibers von Kempten, der noch 3 Jahre volles Ge- 
habt und ausserdem jährlich 50 fl. Pension zu beanspruchen 
hat, aber nach dem Wunsche der Geheimen darum betro- 
gen werden soll. Ebenso wird der Entscheid über die 
mehrfach wiederkehrende Bitte , dem vertriebenen Prädi- 
canten die Rückkehr zu gestatten, er wolle sich verpflichten, 
nicht zu predigen, dem Kaiser überlassen. 

Besonders eingehend ist die Untersuchung und beson- 
ders scharf das Vorgehen Hasses gegen protestantische 
Regmigen in Reutlingen. Er befiehlt die Entlassung des 
angesehenen Spitalpflegers Hans Reuser, weil dieser im 
Spitale schlechte Ordnung halte. Denn denjenigen seiner 
Pflegebefohlenen, die in die städtischen Pfarrkirchen gingen, 
gebe er kein warmes Essen, wenn sie um 9 Uhr noch 
nicht da wären, obgleich doch um diese Zeit die Kirche 
noch nicht aus sei; denjenigen aber, die auf die Dörfer 
zur Predigt liefen, *) bewahre er das Essen warm auf, wie 
es sich gebühre. Die Geheimen bitten den alterprobten 
Beamten wenigstens so lange im Dienst zu lassen, bis 
sich der ihm einstweilen als Gehilfe beizuordnende Nach- 
folger in die umfangreichen Geschäfte eingearbeitet habe, 
worauf Hasse kurze Frist bis Martini gewährt. 

Fernere Bestimmungen für Reutlingen sind : Der Mess- 
ner in der Pfarrkirche soll abgeschafft werden, weil er zu 
keinem Sacramente geht, während er doch grade in solchen 
FäUen dem Pfarrer dienen soll. An seine Stelle soll 



1) Vgl. aber Druffel No. 794 a. 3. Die Reform in Eaufbenren be- 
gann am 11. October 1551. Das kaiserliche Schreiben v. G.November 
1551 wird eine yielleicbt durch Hanolts Beschwerde hervorgerufene 
Bestätigung der eigenmächtigen Anordnung Hasses sein. 

2) Zu den aas der Stadt vertriebenen evangelischen Prädicanten. 



64 

Lienhart Scheible treten, ,,clieweil er des Kor's etwas be- 
richtigt" und dem Pfarrer behilflich sein kann. Der Or- 
ganist derselben Kirche, welcher des „Khors" treulich ge- 
wartet hat, soll aus den vielen Gefällen „vacierender 
Pfrienden*' eine Belohnung erhalten. — In Reutlingen ha- 
ben einige Prädicanten „Burgrecht". Im Vertrauen darauf 
taufen sie heimlich. Ja es soll sogar ein Taufhaus er- 
richtet sein. Endlich sei eine „Hefam" am Ort, welche 
eifrig Widerrede, dass die Kinder nach „alter cristenlicher 
Ordnung" getauffc würden. All diese Uebelstände müssten 
sofort beseitigt, die Prädicanten, die nicht das Interim 
halten, entlassen werden. Eine reichhaltige Sammlung 
„reformierender" Bestimmungen! man begreift kaum, wie 
es möglich war, dass der Commissar neben der Verfas- 
sungsänderung innerhalb zweier Tage auch noch in all 
diese internen Verhältnisse EinbHck gewinnen könnte. 

Als letzter wichtiger Gegenstand der „Reform" sei 
noch die Schule genannt. In allen überhaupt in Frage 
kommenden Städten erstreckt sich Hasses väterliche Für- 
sorge auch auf die Jugend. Li Katifbeuren z. B. befiehlt 
der Commissar den Geheimen, keinen SchulmeiBter „er sey 
lateinisch oder deutsch, gemein oder privat" zuzulassen, 
„er hab sich dan gegen inen verpflichtet, nichts anders 
dan was der cristlichen Kirchenordtrang gemess, in der 
Religion zu lernen und seine Jungen dahin zu weisen". 

Die wenigen Beispiele sind typisch für die Art der 
Reform in allen Städten. Sie zeigen die Gewandtheit des 
Commissars und den Umfang der Reform. Die Beispiele 
sollen aber auch beweisen, dass die Verfassungsänderung 
nur Mittel zum Zweck war, und dass dieser Zweck zu- 
letzt nicht die Durchführung des Interims allein, sondern 
die Wiederherstellung des Katholiöismus war. Allerdings 
konnte in den meisten schon zu sehr vom Grift der neuen 
Lehre zerfressenen Städten zunächst nur die Verhinderung 
der Ausbreitung der Ketzerei ins Auge gefasst werden. 

Wider Erwarten schnell kam die Gelegenheit j die 



66 

"Widerstandskraft der Neuordnung zu erproben. Während 
Hasse noch eifrig beim „Reformieren" war, zog das schwere 
Unwetter herauf, dessen Schläge einen Teil der Reformen 
vernichteten. 

V. Die Fürstenempörung. Abschaffung des 
Interims und des Hassenrates. Wiederein- 
setzung des Hassenrates durch Karl V. 

Moritz von Sachsen war seines Verräterlones nicht 
froh geworden. Bei seinen Untertanen verhasst , ohne 
Stütze unter den Fürsten, fand er auch beim Kaiser den 
erwarteten Rückhalt nicht. Dieser behandelte ihn viel- 
mehr wie andere Fürsten in der rücksichtslosesten Weise. 
So in der Angelegenheit des gefangenen Philipp von Hessen. 
Auch der Uebermut des fremdländischen Hofstaates des 
Kaisers reizte das empfindliche Selbstgefühl der Fürsten. 
Ausschlaggebend war die Erkenntnis der immer mehr 
anwachsenden Grefahr, die der landesherrlichen Selbständig- 
keit durch die stetig sich steigernde Macht der absoluti- 
stischen Weltmonarchie drohte, und die gerechtfertigte Be- 
sorgnis einer Verewigung dieses Zustandes durch die 
spanische Succession. Ursprung und Art der Revolution 
sind wesentlich dynastisch. Mit der „deutschen Liber- 
tät" war namentlich die Sicherung und Ausbildung der 
landesherrlichen Selbständigkeit gemeint. Die Abschaffung 
der Geschlechterherrschaft in den Städten, die Durchfüh- 
rung der augsburgischen Confession, die Entfernung der 
spanischen Kanzlei und des welschen Volkes ^) , und an- 

1) Vgl. St&lin, Wirtemberg. Geschichte IV, 516 ff., der diese For- 
derangen als die Hauptursachen der Revolution ansieht. 

Adrian, Mitteilungen aus Handschriften . . . Frankfurt a/M. 
1846 giebt S. 338 ein spanisches Paternoster aus jener Zeit: 
Von Spanien und spanischen Sitten 
Bewahr uns, Herr, darumb wir dich bitten. 
Pater noster. 
Ein Gebet der lutherischen Reichsstädte (gegen Ferdinand I. ?), a. a. 0. 
S. 331, lautet: Abba Lieber Vatter, es ist Dir Alles möglich, nem 
disen König und Verfolger der Kürchen hinweckh^ 

B 



66 

dere volkstümKclie Forderungen dienten nur als Hülle der 
egoistischen Bestrebungen zur Gewinnung der Massen, oder 
waren doch nur secundär. Daraus ist auch das Fern- 
bleiben der Städte von den Vorbereitungen zur Revolution 
zu erklären, nicht aus dem vorgeschützten Grrunde des 
Mangels an Verschwiegenheit bei den Zunftmeistern. 

Der Kaiser wurde von der Empörung nicht überrascht, 
er war lange vorher gewarnt;') auch die „spanischen" 
Kniffe und Listen von Moritz von Sachsen vermochten ihn 
auf die Dauer nicht zu täuschen. Am 23. Februar 1552 
berichtet S. Bing an Sibottendorf: „. . . Doctor Hasse 
hat zu Culmbach geredt, man verstehe den Reimen des 
Churfürsten Reitens zum Kaiser wol, kemen nur s. Kf . Grn., 
so werd man den Dingen wol recht tun, mit Ussgiessung 
sunst viel böser "Wort überm Churfürsten". *) 

Bezold macht dem Kaiser den Vorwurf der „gradezu 
unbegreiflichen Verblendung tmd Ruheseligkeit" , weil seit 
dem Vertrag von Friedewalde vom 14. Februar 1552 "Woche 
auf "Woche verstrichen sei, ohne dass der Kaiser sich ernst- 
lich rührte, so dass die Verbündeten ganz ungestört ihre 
Rüstungen vollenden und ihren Vormarsch beginnen konn- 
ten" ®). Dieser Vorwurf ist ungerechtfertigt. Wenige 
Seiten später führt Bezold selbst eine ganze Zahl der trif- 
tigsten Gründe an für Karls scheinbare Untätigkeit.*) 



1) Vgl. Brief der Königin Maria an den Bischof yon Arras v. 
5. October 1551 bei Lanz, Correspondenz III, p. 78. 

2) Vgl. Lanz III, p. 92 Karlewitz und Mordissen an den Kaiser 
y. 25. Februar 1552 : Kurfürst Morifez, im Begriff zum Kaiser zu gehen, 
ist auf erhaltene Warnungen wieder umgekehrt und lässt sich durch 
sie entschuldigen. 

3) Bezold a. a. 0. S. 839. 

4) Bezold a. a. 0. S. 842. 

Vgl. Brief des Kaisers an die Königin Maria v. 7. 3. 1552. 
Lanz a. a. 0. III^ S. 112: Der Kaiser sei seiner Sicherheit wegen nach 
Innsbruck gegangen. Er könne weder die deutschen Truppen in 
Augsburg noch die spanischen in Wfirtemberg länger unterhalten. 
Deshalb sei er gezwungen gewesen , den Weg der unterband luog an 
die Stelle des Waffenganges treten zu lassen. Durch die neuesten 



67 

Karl war mittellos. Die gewaltigen Summen, die aus 
Deutschland erpresst waren, der Inhalt der Silberflotten, 
die reichen Steuern der Niederlande waren durch Schulden- 
tilgung, hohe Zinsen und den italienischen Krieg ver- 
schlungen, auch die gefalligen Tugger hatten diesmal nicht 
das genügende Geld übrig. Kein Geld, kein Schweizer. 
Karl fand nirgends Unterstützung. Die Fürsten, die ihn 
im schmalkaldischen Kriege kräftig unterstützt hatten, 
traten ihm feindUch entgegen oder sahen zum mindesten 
untätig und schadenfroh seiner Verlegenheit zu. Auch 
die Erprobtesten seiner Anhänger waren durch seine Sae- 
cularisations- und Successionspläne soweit von ihrer Schwär- 
merei geheilt, dass sie sich höchstens auf eine kühle Ver- 
mittelungspolitik beschränkten^). So die geistlichen Kur- 
fürsten , der Baiemherzog und auch der König Terdinand. 
Da auch das bewährte Mittel, die Feinde durch diplo- 
matische Kunst zu trennen, zunächst misslang — die Unter- 
handlungen ruhten nicht während des ganzen Feldzuges — , 
stand der Kuiser dem Angriffe wehrlos gegenüber. 

Nur einige der fiüheren erbitterten Feinde, prote- 
stantische Reichsstädte, unterstützten den Kaiser durch 
tapfem Widerstand; wenn sie auch den ersten kräftigen 
Vorstoss der A Hurten nicht hindern konnten. *) Fand je- 

Nachrichten von Arras resp. Boussu werde er bewogen, mit einiger 
Reiterei nach Ulm za gehen. Dort wolle er weitere Nachricht von 
der Königin erwarten und inzwischen versnchen, durch Verhand- 
lungen den Bund zwischen Frankreich und den deutschen Fürsten zu 
löBCD. — Der Brief wird ergänzt durch das Schreiben des Kaisers an 
Ferdinand yom 11. März 1552 (Lanz a. a. O. III, S. 114), in welchem 
Karl all seine vergeblichen Versuche, Geld zu erlangen, aufzählt. Vgl. 
auch Druffel No. 1087. 

1) Vgl. Beruh. Kugler, Urkunden zur Gesch. d. Herzog Christoph 
V. Wfirtemberg und des Wormser FQrstentages y. 1552 in den Würtem- 
herg. Jahrbüchern fdr Statistik 1868, S. 373 ff. 

2) Der Feldzug erinnert in manchen Beziehungen an den Donau- 
feldzug von 1546 : in beiden zunächst energischer Beginn seitens der 
Verbfindeten: Füssen und Khrenberger Klause; dann zweckloses Um- 
herziehen ohne entscheidenden Kampf, zuletzt Unterwerfung, ohne in 
offener Feldschlacht besiegt zu sein. 

6* 



68 

doch zuerst das Liebeswerben der „französischen Conspi- 
rationsverwandten** bei den Städten nur wenig Erhönmg, 
so änderte sich dies bald, als Markgraf Albrecht von Branden- 
burg seine Ueberredungsmittel anwandte. Er schreibt an 
Moritz von Sachsen: er sei gegen Donauwörth gezogen, 
alles wäre vor 100 Pferden geflohen ; *) die verzagten 
Schwaben würden viel Greld geben, wenn man riügel kau- 
fen könnte; wenn der Kurfürst eile, sei Augsburg ge- 
wonnen, alle hätten den Hasen im Busen . . . „die Stedt 
send", wie Herr Conrad von Bemelberg sagt, „endzwai, forclit 
sich meniglich. " *) Die grossen Städte aber hielten fest am 
Kaiser, Ulm trotz schwerer Belagerung und greulicher 
Verwüstung seiner Umgebung; Nürnberg schloss erst 
sehr spät einen für den ferneren Verlauf unwichtigen Ver- 
trag, durch furchtbare Verwüstung seines Gebietes dazu 
getrieben *). Frankfurt widerstand einer Belagerung, Strass- 
burg französischen Lockungen. Nur Augsburg fiel schnell 
ab, trotz wiederholter Ermahnung zur Ausdauer durch 
den Kaiser, der der Stadt allerdings nicht die erbetene Hilfe 
senden konnte. Noch am 31. März 1552 schreiben Stadt- 
pfleger und Räte von Augsburg an Herzog Albrecht von 
Baiem*): sie wären entschlossen, wo möglich ihre Stadt 



1) Vgl. dazu Schreiben Albrechts an Rothenburg a/T. d. d. Erails- 
heim 4./3. 1552, des Inhalts: er sei vor kurzem mit einigen hundert 
Pferden nach Krailsheim gekommen und erwarte noch 300 Pferde. 
Es sei an „Haber und Hay und Strohe^ Mangel; sie sollten gegen Be- 
zahlung etwas Fonrage herbeischaffen , sonst müssten es sich seine 
Reiter selbst holen. Ferner wünsche er 200 „Hacken** (d. h. Haken- 
büchsen) und 200 „Rüstung**. Nach geschehener Musterung werde er 
die Kosten bezahlen. Im Sp. V. Rothenburg a/T. 

2) V. Druffel a. a. 0. II, No. 1931. d. d. Wassertrüdingen 17. 3. 1552. 

8) Anders die Auffassung des Kaisers (Druffel II, No. 1624). Die- 
ser schreibt am 2. Juli 1552 aus Villach an Ulm: Nürnbergs Vertrag 
möge ihre rühmliche Standhaftigkeit nicht erschüttern. Nicht Waffen- 
gewalt, sondern etlicher unruhiger Leute arglistige, böse Praktik habe 
dies erzielt. Weder Basteien noch Befestigungen^ sondern die Leute, 
welche darin sind, machten eine Stadt fest oder unfest. 

4) Druffel U, No. 1190. 



69 

zu retten , dem Kaiser das Greschworene zu leisten ; sie 
hätten aber Mangel an Besatzung und bäten den Herzog 
auf ihre Kosten 2 Fähnlein Leute zu schicken. *) Am» 
nächsten Tage schon fordern die Allürten zur Uebergabe 
auf. Die Verbündeten wollen christlichen Frieden, Ruhe 
und Einigkeit wieder aufrichten und die gefangenen Fürsten 
befreien. Die Capitulation Augsburgs sei vom Kaiser nicht 
gehalten worden, es wären Prädicanten vertrieben, Schulen 
verändert, Zünfte abgesetzt und Geschlechter, welche die 
Stadt verdorben, an die Stelle getreten. „Nachdem nun 
dies Patent unter das Volk gekommen und es seinem In- 
halt nach demselbigen nicht unangenehm war", da auch 
der Feind sich schon nahe zeigte, berief der Rat die ganze 
Bürgerschaft, trug die Aufforderung der Allürten vor und 
erinnerte die Gemeinde nachdrücklich an ihre Pflicht gegen 
den Kaiser. „Allein die Gemeinde bezeugte sich nicht gar 
zu willig über solchen Vortrag" , sondern erklärte „keine 
Belagerung ausstehen zu wollen". ^) Die Verhandlungen 
wurden vom Rate und einem von der Gemeinde gewählten 
Ausschusse geführt. Im letzteren sassen die Leiter der 
Gemeinde; Jacob Hörbrot und Georg Oestreicher. Am 
5. April') capitulierte die Stadt unter Bedingungen, eher 
einem Bündnis als einer Unterwerfung ähnlich, nämlich 
1) Alles bislang Geschehene soll vergessen sein; 2) das 
Kriegsvolk soll ungehindert abziehen; 3) ebenso Stifts- 
und Cleriseipersonen , wenn sie nicht in der Stadt bleiben 



1) Des Kaisers Versuche, Augsburg zu retten, werden vom Her- 
zog Albrecht von Baiern weniger unterstützt als gehindert, jedenfalls 
kamen sie zu spät. Vgl. Druffel II, No. 1191, 1218 und M. Radl- 
kofer, der Zug des sächsischen Kurfürsten Moritz v. Sachsen und sei- 
ner Verbündeten durch Schwaben 1552 in der Zeitschr. d. Bist. Ver. 
für Schwaben-Neuburg Bd. 17. 1890. S. 157/158. 

2) Der Ausdruck ist bezeichnend für die reich gewordene Ge- 
meinde, welche in ihrer Buhe nicht gestört sein möchte. Vgl. dazu 
Amoldi Vita Mauritii bei Mencken, Scriptores Rer. German. II, p. 1230 : 
Ea civitas , quod totius Europe ditissimos mercatores habeat , sitque 
deliciis et luxuria diffluens, non potuisset vim ullam maiorem sustinere. 

3) Nach Stalin, a. a. 0. IV, S. 516, bereits am 4. April. 



70 

wollen ; 4) Augsburg soll beim Reich und den alten Trei- 
heiten bleiben; 5) die wahre christliche Religion soll 
wieder aufgerichtet und es damit wie vor der Aenderung 
gehalten werden; 6) ebenso mit Regierung und Polizei 
„oder wie sich die von Augspurg dessen selbst bis an der 
Gremeind völligs benügen mit einander vergleichen", — Frei- 
zügigkeit bleibt auch hier vorbehalten — ; 7) Augsburg 
soll die Gegner der A Hurten nicht aufnehmen und ihnen 
in keiner "Weise helfen; 8) die Stadt soll dagegen den 
Allürten offen stehen und sie nötigenfalls gegen Bezahlung 
unterstützen; nur im Falle äusserster Not soll sie eine 
Besatzung der Allürten kostenfrei aufnehmen; 9) der Bür- 
ger Hab und Gut soll durch die Capitulation nicht leiden, 
sondern geschützt werden. Auch soll die Stadt Augsburg 
in aUe von den AUiirten geschlossenen Verträge aufge- 
nonunen werden. ^) — Damit stimmen sänmitliche nachher 
abgeschlossenen Capitulationen fast wörtlich überein. 

Mochte nun die Erinnerung an den Ausgang des 
schmalkaldischen Krieges und die schlimmen Folgeii für 
die Reichsstädte stärker sein, oder das Misstrauen gegen 
die „französischen Conspirationsverwandten" : in den mei- 
sten Städten wollte nicht allein der „Hassenrat" : son- 
dern auch die Gemeinde nichts vom Anschluss an die Al- 
lürten wissen.^) Nördlingen erbittet sich auf die Auffor- 
derung zur Capitulation zugleich vom Markgrafen 5—6 



1) Vgl. David Langenmantel , Historie des Regiments in Augs- 
purg. (Frankfurt und Leipzig 1725) S. 118 ff. 

Die Aufnahme in die Verträge der Allürten scheint nachträglich 
hinzugefügt auf Antrag der Stadt. In dem Entwürfe einer Capitula- 
tion mit den Städten d. Oberlandes d. d. Augsburg 7. 5. 1552 (?), bei 
DruffelNo. 1389, ist diese Bestimmung vorgesehen. Vgl. S. 79, Anm.2. 

Nach Stalin IV, 552 ist die Aufnahme aller Städte in die Ver- 
träge der Allürten erst auf dem Augsburger Städtetage erfolgt. Aus 
den Sp. V. ergiebt sich, dass den meisten Städten von den Allürten 
Gapitulationsentwürfe zugesendet wurden« Von einem Teile dieser 
Städte wurde die Obligation bereits vor dem Städtetage vollzogen. 

2) Vgl. Keim, Beformationsblätter von Esslingen S. 150. 



71 

Tage Bedenkzeit, vom Kaiser Hilfe , von Augsburg und 
Nürnberg Rat. *) Die meisten Städte erbitten bei der er- 
sten Nachricht vom Vorrücken der Allürten des Kaisers 
Eat und Hilfe. Den einen ^) antwortet der Kaiser selbst: 
sie sollten sich bis zum äussersten wehren, weil er eifrig 
bedacht sei, die Sache zu beenden, so dass sie und andere 
gehorsame Stände und Städte vor unrechtmässiger Gewalt 
beschützt würden. Die andern erhalten Briefe von Grer- 
wig oder Hasse, des Inhalts, sie möchten den Fürsten im 
Falle der Not, damit dieselben einigermassen zufriedenge- 
stellt würden , Proviant zukommen lassen. ^) *) Erst das 
Ausbleiben jeder tatkräftigen Unterstützung seitens des 
Kaisers, sowie die immer drohender lautenden Schreiben 
der Allürten trieben die Reichsstädte in das feindliche 
Lager. Am 10. April 1552 erhält Wangen, wie die andern 
Reichsstädte, die noch nicht capituliert haben, strengen Be- 
fehl der Allürten zugestellt, bei Vermeidung von „Feuer 
und Schwert" mit ihnen ein Bündnis einzugehen, Pulver 
und Proviant zu liefern und auf dem am 30. April in 
Augsburg anberaumten Städtetage zu erscheinen, Mark- 
graf Albrecht war derjenige , welcher vor aUen andern 
auf die Vollstreckung des Befehles sah. Albrecht sowohl 
als Moritz hatten schon vor dem Falle von Augsburg, 
Schweinfurt , Rothenburg , Dinkelsbühl , Nördlingen ^) und 
Donauwörth zum Anschlüsse an die AJlürten genötigt.^ 



1) Vgl. Badlkofer, a. a. 0. S« 155. Auch Botbenburg a/T. er- 
bittet von Nürnberg Rat u. Hilfe. Druffel No. 1151 A. 3. 

2) So z. B. Wimpfen Sp. V. 

3) So z. B. Wangen Sp. V. 

4) Die üeberlinger haben ihre Capitulation auf Rat und mit 
Beihilfe Abt Gerwigs abgeschlossen. Sp. V. üeberlingen: Schreiben 
Ton Bürgermeister und Bat an Kaiser Karl V. vom 5. August 1552. 

5) Nördlingen entschuldigt seine Capitulation vor dem Kaiser 
damit, dass auch höhere Stände dazu gezwungen worden seien. Sie 
hätten dadurch dem Kaiser die Stadt Nördlingen „unzerschlaifft und 
die umbligende arme Landschaft vor dem leidigen Prand, Schwert und 
Verderben" erhalten. — Sp. V. Nördlingen. 

Drnffel U, No. 1214. Badlkofer a. a. 0. S. 154 ff. 194. 



72 

Albrecht trieb dann in kurzer Zeit, namentlich durch die 
rnrcht vor seiner systematischen Verwüstungsknnst, auch 
die andern Städte zur Capitulation. *) 

Ueberlingen , das durch Moritz und dessen Grenossen, 
die von Albrecht getrennt marschierten, zur Capitulation 
genötigt worden war, wurde auf die Fürbitte der Eidge- 
nossen, um diese zu ehren, von Besatzung und Durchzug 
befreit, sowie gestattet, dass die von Ueberlingen ange- 
nommenen Knechte passierten. *) Andere Städte hatten 
sich Schutzbriefe zu verschaffen gewusst, die allerdings 
auch nicht immer schützten. So ist Schweinfnrt durch 
die Vermittelung seines Schutzherren, Friedrichs, Pfalz- 
grafen bei Rhein, von den Alliirten die Vergünstigung 
zugeständen, dass sie „als ganz arme Commune** nur bis 
50 Reiter aufztmehmen brauchten. In Wahrheit sind aber 
gegen 6000 eingedrungen, ohne etwas zu bezahlen.*) 

Die übrigen Reichsstädte nahmen die „Obligation" auf 
dem Augsburger Städtetage an, der vom 30. April bis 
21. Mai 1552 dauerte.*) Sie wurden hier fast alle*) ausser 
den bereits bei Gelegenheit von Augsburgs Capitulation 
genannten Bedingungen mit der Zahlung eines Dritteiis 
eines Römerzuges als Beitrag zu den Kriegskosten be- 
lastet. ^ Für Biberach z. B. wurde am 18. Mai 1552 ein 

1) So Windheim^ Beutlingen, Weissenburg i/N. Bopfingen, Giengen, 
Schwäbiscb-Gmünd u. a. Vgl. die Sp. Vol. 

2) Scbreiben der Alliirten an den Rat zu ueberlingen d. d. 
Stockach 24/4. 1552. Sp. V. Ueberlingen. 

3) Sp. y. Scbweinfurt. Scbreiben d. Rates an den Kaiser y. 28. 9. 1552. 

4) Es sind : Schwäbiscb-Hall; Biberacb , Memmingen, Ravensburg, 
Wimpfen, Heilbronn, Kempten, Kaufbeuren, Isnj, Leutkirch, Esslingen, 
Wangen, Bucbhorn, Bopfingen, Aalen. Radlkofer S. 194 führt Bopfingen 
zweimal auf. Vgl. das nähere daselbst und bei Druffel No. 1428 A. 2. 

5) Befreit blieben Esslingen, Reutlingen, Nördlingen, Rothenburg, 
Heilbronn, Gmünd und Dinkelsbühl. Diese Städte hatten bereits an 
den Markgrafen Albrecbt hohe Summen gezahlt, z. B. Esslingen 10000 fl. 
nach Stalin, Wirtemb. Geschichte IV, 521, 11000 fl. nach Keim, 
Reformationsbl. Ton Esslingen. 

6) Einige Städte bleiben vom Augsburger Tage fern. So Schweinfurt 
Sp. Y. ächweiAfbrt.' Schreiben des Rates ask den Kaiser ir. 26./9. 1552. 



73 

Geldbeitrag von 876 fl. festgesetzt. Zwei Tage vorher 
erst hatte Biberach die „Obligation" angenommen. Am 
21. Mai unterschrieb Augsburg Namens der Städte den 
Abschied. *) 

Die erzwungenen Obligationen wurden von den mei- 
sten Städten schlecht erfüllt. Auch in diesem Falle war 
Markgraf Albrecht der tätigste Vollstrecker und Auf- 
seher. *) Dem Rate von Dinkelsbühl schreibt er : •) sie 
hätten sich über die Obligation beschwert; er könne je- 
doch ohne Vorwissen der andern AUiirten nichts tun, sie 
sollten wie die übrigen Städte gehalten werden. Es sei 
ihm überdies berichtet , dass bei ihrer Stadt viel Lands- 
knechte zu seinen Feinden durchzögen: er begehre ernst- 
lich, dass sie hinfort Niemanden, wer und wie viel es 
seien, durchliessen , sondern sie soviel wie möglich auf- 
hielten und „bestrikhten". „Dann sollte das von Euch 
nicht beschehen, so muessen wir nicht anders gedenken, 
das Ir vielleicht gern auf beeden Achseln Wasser tragen 
wollten, das Euch dann Zu seiner Zeit zu wenig gutem 
geraichen wurde". Der Markgraf hat die Herren vom 
Rate durchschaut. So lange wie möglich neutral bleiben, 
sich zwischen den feindlichen Mächten hindurch winden, 
wenig leisten, aber möglichst viel Vorteile davon tragen, und 

1) Essich, Qesch. v. Biberach, S. 71. 

2) Weisseaburg gegenüber erscheint der „Mordbrand" Albrecht 
in der merkwürdigen Bolle als oberste Instanz in einem Exmissions- 
processe. Albrecht schreibt am 22./5. 1552 aus dem Feldlager vor 
Nürnberg an den Bat von Weissenbnrg: . . . Weil die Absicht der 
AUiirten unter anderm auch darauf gerichtet sei, den vorhandenen 
Beschwerden abzuhelfen und unbilliche Entsetzung zu restituieren, so 
sei auch er in einem Specialfalle dazu geneigt. Er verlange ernstlich 
von dem Bäte , strengen Befehl zu erlassen und für die Ausführung 
zu sorgen, dass die „Bratschin", die wider Gebühr appelliert und da- 
durch die Vollstreckung des rechtskräftigen Erkenntnisses aufgehalten 
habe, binnen 8 Tagen nach Empfang dieses Befehles, die Behausung 
mit ihrer Habe räume und der Wittwe Barbara Meckin sammt den 
darin befindlichen der Meckin gehörigen Wirthschaftsgegenständen 
überlasse. Sp. V. Weissenburg. 

3) D. d. Geissliogen 22. 4. 52 Sp. V. Dinkelsbükl. 



74 

zwar, wenn es irgend angeht, mehr als die Genossen ; vor 
allem kein Kampf, damit die Ruhe nicht gestört werde 
und der Handel keinen Schaden leide : das war die bald 
stärker, bald schwächer hervortretende Richtung der mei- 
sten Magistrate. In einem ferneren Schreiben hält Albrecht 
denen von Dinkelsbühl ihre Entschuldigung an den Kaiser 
sowie das Ausbleiben der Obligation vor und verlangt 
Namens der Allürten Aufklärung *). Einer neuen ernst- 
lichen Mahnung um Uebersendung der Obligation ist der 
Befehl beigefügt, dafür Sorge zu tragen, dass das heilige 
Evangelium durch gelehrte Prediger der augsburgischen 
Confession gemäss in der Pfarrkirche gepredigt und das 
Sacrament unter beiderlei Gestalt gereicht werde. Der 
Befehl wird vollzogen ; aber zugleich wird auch, weil viele 
Leute in der Stadt noch der „waren alten christenlichen 
Religion gewesen", „um diese nicht an ihrem Gewissen 
zu hindern" , dem vor längerer Zeit vom Cardinalbischof 
Otto von Augsburg bestellten Pfarrverweser und Caplan 
befohlen, bis eiu Vergleich gefunden, das kaiserliche Inte- 
rim „und die entsprechende Erklärung" im Carmeliter- 
kloster zu halten. Die Anordnung war aber kaum ge- 
troffen, als der Markgraf, anscheinend durch einige „unge- 
horsame" Bürger benachrichtigt, dem Rate zu Dinkelsbühl 
durch seinen Proviantmeister ^) strengsten Befehl über- 
sandte, die bisher noch behaltenen „Bäpstische Pfaffen" 
sämmtlich ungesäumt abzuschaffen und dafür solche anzu- 
nehmen, welche das Wort Gottes lauter und rein lehrten, 
auch die Sacramente der augsburgischen Confession ge- 
mäss reichten. Ferner wurde ihnen geboten, binnen 8 Tagen 



1) Sp. y. Dinkelsbühl , Schreiben Albrechts an Dinkelsbühl aus 
dem Feldlager vor Oetting v. 2. 5. 52 , das stärkste in Entschuldi- 
gungsschreiben leistet Augsburg vgl. Druffel No. 1404 und Anm., 
siehe auch S. 80. 

2) Markgraf Albrechts Proviantmeister Silvester Baid, früher 
Stadtscb reiber zu Donauwörth , bietet ein Gegenstück zu Hasse in 
seinem eifrigen Streben nach Abschaffung der Hassenräte nnd Her- 
stellung der Zünfte. 



76 

die von Hasse abgeschafften Zünfte wieder aufzurichten 
und sich des „häsischen" Rates zu entschlagen. ^) Dies 
geschieht denn auch, um „Unrat zu vermeiden", aber „wider 
Gemuet und Herz" des Rates. 

Nur zögernd und beinahe widerwillig erfolgte die 
Wiederherstellung der alten Verfassung und die Beseiti- 
gung des Interims auch in den fast ganz protestantischen 
Städten. Durch die Angst vor dem Kaiser wurde die 
Beseitigung der wenigen katholischen Geschlechter aus 
dem Regimente lange aufgehalten. Diese Geschlechter 
hielten in anerkennenswerter Standhaftigkeit bis zum 
äussersten aus. So werden Ravensburg und Memmingen 
erst durch strenge Befehle der Allürten im Juli zur Aen- 
derung bewogen. ^) In Esslingen wird nach dem „Vergleich" 
vom 16. Mai zuerst das Interim abgeschafft ; die Herstellung 
der alten Verfassung wird erst am 28. Juli beschlossen, 
wo der frühere Zunftmeister Moritz Lutz seine Weingärt- 
nerzunft und die Menge überhaupt mit sich fort reisst 
durch seinen Ausruf: „liebe Bürger, wer bei mir und dem 
alten Rate bleiben will, stelle sich zu mir".^). Auch in 
Biberach legt erst nach Rückkehr der Gesandten vom 
Augsburger Städtetage der „Hassenrat" sein Amt in die 
Hände der Gemeinde nieder, die bei der Neuwahl nur 
Evangelische in den Rat bringt.*) 

In Augsburg will die „Gemeinde" einen Vergleich 
zwischen „Zünften und Herren« herbeifähren. Der Rat 
sieht es für gut an, alles beim alten Brauche zu lassen. Die 
Zünfte und Handwerker versammeln sich und wählen nach 
altem Brauche Zunftmeister und Zwölfer für jede Zunft. 
Diese werden auf das Rathaus berufen, wo ihnen von den 



1) Instruction des Markgrafen för Raid aus dem Feldlager vor 
Nürnberg Tom 20. 6. 1552 und Instruction des Rates zu DinkelsbQhl für 
den Stadtschreiber v. 15. 8. 1552 behufs einer Gesandtschaft an den 
Kaiser. Beides in Sp. V. Dinkelsbühl. 

2) Vgl. Druffel a. a. 0. No. 1616 und 1648. 

3) Keim, Reformationsblätter von Esslingen S. 151. 

4) Esrich, Oesch« v. Biberaoh, S. 71/72. 



76 

fürstlichen Räten befohlen wird, einen neuen Rat zu wäh- 
len. Um die Geschlechter zu gewinnen, lassen die Zünft- 
ler 17 fallen und wählen nur 6 hinzu. Ferner bewilligen 
sie den Geschlechtem, statt der früheren 12 jetzt 15 in 
den Rat zu wählen. Dieses Entgegenkon^men fand bei 
den Geschlechtem gute Aufuahme und veranlasste sie ihrer- 
seits zu der Erklärung, alle Freundschaft und Liebe jenen 
erzeigen zu wollen.^) Hier ging die Aenderung sehr 
schnell vor sich : am 5. April wurde capituliert, und am 7. 
ds. Mts. war die Neuordnung beendet. Am 12. ds. Mts. 
erbittet der neue Rat Massregeln von Moritz von Sachsen, 
die „ohne Aergernis** besonders durch Absolution von 
dem Eide, die Rückkehr der früheren Praedicanten ermög- 
lichen; diese hatten den kaiserlichen Räten, Stadt und 
Reich zu meiden, schwören müssen. ^) 

Während dieser Vorgänge hatten die Unterhandlun- 
gen keinen Stillstand erlitten. König Ferdinand war die 
Seele derselben. Die Linzer Versammlung vom 18. April 
führte zu keinem Erfolge. Wohl aber die am 26. Mai 
beginnenden Verhandlungen von Passau. Mehr und mehr 
trat die Frage nach Sicherung der landesherrlichen Selb- 
ständigkeit IQ den Hintergrund, wenn man nicht die Ge- 
genüberstellung des Kaisers und der Fürsten als gleich- 
berechtigter Parteien für eiuen Sieg der „deutschen Li- 
bertät" halten will. In der religiösen Frage fanden die 
Allürten dafür bei Ferdinand und auch bei den katholischen 
Fürsten um so mehr Entgegenkommen. ^) Die Notwendig- 



1) D. LangenmaDtel a.a.O. S. 136/187. 

2) Druffel No. 1276. 

3) Bereits am 12. 4. 1552 schreibt der Barggraf von Meissen aus 
Begensburg an König Ferdinand, die armen Leute (in den Städten), 
die von den Allürten bedroht werden, wollen gern festhalten am Kai- 
ser, „allein die Religion trukt si, und wo .E. M. mit gutter Gelegeu- 
hait konnden pai der Kai. M. halten , das ir Kai. M. auf E. M. vor- 
pitt ine di Kirchen wider lissen offen, und das man ine ir Predikan- 
ten zulis, so wird solches ein gros Geschrai machen , und ich acht, si 
wurden als dan fest halten. Druffel No. 1274 IL 



77 

keit einer paritätischen Regelung des kirchlichen Lebens 
in Deutschland, der Herstellung eines „ewigen" Religions- 
friedens wurde anerkannt. Inzwischen hatte sich aber die 
Lage der Allürten verschlimmert; umsonst versuchten sie 
den grossen Musterungsplatz Karls, das feste Frankfurt, 
zu nehmen. Des Kaisers Lage dagegen gestaltete sich 
von Tag zu Tage besser, da er endKch iu den Besitz 
grösserer Greldsummen gekommen war, die ihm ausgedehnte 
Rüstungen ermöglichten. Vergeblich versuchte Ferdinand 
den kaiserlichen Bruder in Villach zur Annahme der Pas- 
sauer Bedingungen zu bewegen. „Eher wolle er aus 
Deutschland weichen, die Verhandlung dem römischen Kö- 
nig überlassen, als etwas tun, was der Religion nach- 
teilig sei und ihn sanunt seinen Nachfolgern dem Richter- 
spruch derer unterordne, die er zu regieren habe". ^) Nur 
bis zur Entscheidung auf einem künftigen Reichstage, der 
unter seiner Leitung die Religionsstreitigkeiten ordnen 
solle, versprach er Frieden. ^) 

Diese schwächliche Concession und die FreUassimg 
der beiden gefangenen Fürsten waren die einzigen Erfolge 
der gross anfangenden Bewegung. Am 1. August unter- 
zeichnete Moritz und brachte mit grosser Mühe auch seine 
AUiirten dazu, den Vertrag zu genehmigen. Nur Mark- 
graf Albrecht verweigerte die Annahme und erklärte 
Kurfürst Moritz für eiuen Judas. *) Vielleicht nicht 



1) Ranke, Deutsche Geschichte Y 197. 

2) D. h. bis dahin solle das Interim ausser Kraft treten und jeder 
bei seiner „habenden'' Religion belassen werden. 

8) Bezold a. a. 0. S. 854. 

In den neueren Geschichten jener Zeit wird Albrecht meist 
nJudas" und „Mordbrand" genannt. Albrecht ist ähnlich wie Ulrich 
▼. Würtemberg von Janssen als Prügelknabe benutzt worden. Mit 
sichtlichem' Wohlbehagen und in epischer Breite berichtet Janssen 
auf vielen Seiten gewissenhaft > was alles jemals Albrecht Schlimmes 
nachgesagt ist. Janssen malt dabei nicht wie gewöhnlich, wenn es 
sich um Personen und Zustände der Reformationszeit handelt, grau 
in grau, sondern schwarz in schwarz. Leider hat sich auch Bezold 
zn einem viel zu harten Urteile bestimmen lassen. Richtiger ist auch 



78 

ganz mit Unrecht. Der Hauptgrund, welcher Moritz zum 
Abschluss trieb, war das Verlangen, sich und sein Land 
vor einem Angriffe seines Todfeindes Johann Friedrich 
von Sachsen zu bewahren. Schon längst hatte diesen der 
Kaiser zum Acht Vollstrecker gegen ihn bestimmt. Dass 
sich der Kaiser dann erst durch die energischsten Vor- 
haltungen Ferdinands von dem Plane abbringen liess, den 
von den Alliirten angenommenen „exorbitanten" Vertrag 
nicht zu ratifizieren, sondern die „Ungehorsamen" gleich 
zu züchtigen , ist bezeichnend genug für den Spanier. " ') 
Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. Mit Recht sagt 
Bezold: „man stand auf dem nämlichen Fleck wie vor Be- 
ginn des Krieges, denn welche Sicherheit oder auch nur 
Wahrscheinlichkeit gab es dafür , dass der Kaiser , aus 
seiner Notlage befreit, nun wirklich auf die Wünsche der 
deutschen Stände eingehen und ihnen seine kirchlichen und 
politischen Grundsätze opfern werde, von deren Uner- 
schütterlichkeit man sich eben jetzt hatte überzeugen 
müssen" ! ^) 

Am schlechtesten kamen bei dem Vertrage , wie sich 



hier wieder die kühlere Auffassung Rankes. Man braucht Albrecht 
nicht als Helden darzustellen und von allen Vorwürfen reinigen zu 
wollen, aber man muss ihn als echtes Kind seiner Zeit betrachten. 
Diese Zeit war roh and gewalttätig trotz des Humanismus, sie kannte 
den Begriff der Vaterlandsliebe kaum — der vielgebrauchte Name 
diente als Deckmantel gröbster Interessenpolitik — , Verträge wurden 
damals meist nur geschlossen, um bei der ersten günstigen Gele^n- 
heit gebrochen zu werden, und das Brennen und Sengen bildete den 
wichtigsten Bestandteil der Kriegskunst. Feldschlachten wurden sel- 
ten geschlagen, ebenso selten Städte erstürmt, durch die Erschöpfang 
der Machtmittel des Gegners wurde der Frieden erzwungen. Jede 
städtische Chronik berichtet bei der kleinsten Fehde das Nieder- 
brennen von so und so viel feindlichen Dörfern als Ergebnis des Aus- 
zuges. Für die Protestanten hat Albrechts planmässige Verwüstung 
der geistlichen Fürstentümer das Qnte gehabt, dass die katholischen 
Fürsten den Schrecken des Beligionskrieges für lange scheuten. 

1) Vgl. Bezold a. a. 0. S. 852. 

2) Bezold a. a. 0. S. 852. 



79 

das eigentlich von selbst versteht, die mit den Fürsten 
durch Obligation verbunden schwäbischen und fränkischen 
Reichsstädte weg. Nach einer Bestimmung der Obligation 
sollte die Stadt in alle von den Alliirten geschlossenen Ver- 
träge aufgenommen werden.^). Mehrere Städte beriefen 
sich auch auf die durch den Passauer Vertrag ihnen ge- 
währleistete Erhaltung der Religion und des Regiments. 
Der Kaiser erwiderte aber: die freie Ausübung der Reli- 
gion sei allerdings bis zur Entscheidung durch einen Reichs- 
tag gestattet. Auch sei im Frieden von Passau den Frey- 
und Reichsstädten zugesichert, dass sie bei ihren Privile- 
gien und Freiheiten belassen würden. Diese sollten auch 
nicht geschmälert, sondern geschirmt werden. „So viel 
aber die Regierung belangt, da wäre wohl durch die Chur- 
und Fürsten in Abredung des Friedens zu Passau ein 
Articul gestellt und zweymal begehrt und fürgeschlagen 
worden, dass die Stadt bey den Regimentern und Räthen, 
wie sie es gesetzt haben, gelassen werden sollten. Nach- 
dem aber die Rom. Kays. Majest. deshalben keinen Befehl 
noch Bewilligung gegeben , wäre derselbe Articul ausge- 
than und zweimal durchstrichen worden, deshalb solle 
alles beim alten von ihm geordneten Regimente bleiben . . .** ^ 
Der Kaiser konnte sich dies erlauben. Es war die 
Zeit , wo Kaiser , Fürsten und Ritter den Städten gleich- 
massig ihre Missachtung bewiesen; wo auch die gerecht- 
fertigte Beschwerde der Städte am Reichstag ungehört 
verhallte und vom Auftreten der Städte zuletzt nichts 
anderes zu sagen war als: „"Wohllöbliche Frey- und 
Reichsstädte fügten sich durchaus der kaiserlichen Propo- 
sition". Die meisten Städte hatten schon bei Abschluss 
der Obligation oder kurz nachher dem Kaiser Meldung 
gemacht und sich mit der drohenden Gefahr und ihrer 



1) Vgl. Augsburgs Capitulation S. 69 f.. Vgl. auch Druffel No. 1448 

ßedenken Mecklenburgs d. d. Insbruck 26. 5. 1552 15) alle 

Städte und Stände , die sich ihnen angeschlossen , sind einzubegreifen 
»auch das si bei der waren Beligion und verordnetem Bat blieben^. 

2) Langenmantel a. a. 0. S. 149. 



80 

Hilflosigkeit entschuldigt. *) Vor allem zeichnete sich der 
Hassenrat von Augsburg durch unermüdliche Ausdauer in 
Entschuldigungsschreiben aus. *) Der Kaiser antwortete 
meist bedauernd, erkannte ihre Notlage an, setzte voraus, 
dass sie trotz der erzwungenen Capitulation einzig und 
allein zu ihm halten würden, und versprach baldige Aen- 
derung. Däss dies ganze Spiel dem Hochverrat sehr 
ähnlich sah, wurde nicht beachtet. Auf etwas mehr oder 
weniger Wortbruch kam es in jener Zeit nicht an. 

Noch vor Unterzeichnung des Passauer Vertrages 
diu'ch die Allürten erliess der Kaiser an sämmtliche frän- 
kische und schwäbische Reichsstädte mit Ausnahme von 
Ulm ein Rundschreiben d. d. Brixen den 26. Juli 1552,') 
worin er alle Städte, die gezwungen wprden waren, Capi- 
tulation und Bündnis mit den „Widerwärtigen" einzu- 
gehen, kraft kaiserlicher Machtvollkommenheit von diesem 
Bündnis und dem den AUiirten geschworenen Eide ent- 
band, die Uebersendung der betr. Obligationen in sein 
Hauptquartier befahl, ungesäumte Wiederherstellung der 
Hassenräte anordnete und die Erwartung aussprach, dass 
die Städte sich nunmehr vollständig von den Allürten 
fernhalten und ihm allein den schuldigen Grehorsam erzei- 
gen würden, damit er durch die Tat die Wahrheit ihrer 
Versicherung erkennen könne, dass ihnen der erzwungene 
Abfall nicht lieb gewesen sei. Zum Schluss verlangt der 



1) Die 26 Städte auf dem Augsbnrger Tage übernehmen die Ver- 
pflichtung zur Zahlung des Beitrages zu den Kriegsunkosten nur unter 
der Bedingung, dass diese Bewilligung, um bei dem Kaiser wegen 
derselben nicht in Ungnade zu kommen, kein Römerzug, sondern 
eine freywillige Gabe oder Ehrengeschenk genannt werden möchte. 
— Allgemeine Geschichte von Schwaben (Ulm 1774) II. Teil S. 683. 

2) Vgl* die langatmigen schwülstigen Schreiben des Hassenrates 
vom 5. 4., 21. 4., 14. 5., 27/5. 1552 und die Antworten des Kaisers v. 
29. 4., 21. 6 bei Langenmantel S. 141 ff. , und im Sp. V. Augsburg 
fol. 38—40, sowie bei Druffel No. 1404. 

3) G. V. I 13. Badlkofer a. a. 0. S. 196 datiert (fälschlich ?) 25. 
Juli und nimmt anscheinend an , dass nur an Augsburg das betr. 
Mandat ergangen sei. 



81 

Kaiser ein schriftliclies Versprechen, sieh nach all diesem 
richten zu wollen. Sehr verschieden ist die Antwort der 
Städte, doch lassen sich 2 Gruppen unterscheiden: dieje- 
nigen, welche nichts geändert haben, und die, in welchen 
der Hassenrat gestürzt worden ist. 

Von der ersten Gruppe schreiben Buchau und Pfullen- 
dorf gar stolz : bei ihnen hätte weder eine Capitulation 
noch irgend welche Aenderung stattgefunden. ^) Die grosse 
Menge dieser Städte schreibt de- und wehmütig: der 
Kaiser möge ihrer alten Treue gegen Kaiser und Kirche 
eingedenk sein ; sie wären froh, von der Tyrannei der Alli- 
irten befreit zu sein, und variiert in allen Tonarten die 
schlimme Notlage, die sie zur „Obligation" gezwungen 
habe. Einige Städte legen die Capitulationsurkunde bei, 
auch zum teil die Vorverhandlungen mit den Allürten, 
andere haben die Ausfertigung der Urkunde noch gar 
nicht empfangen. Mehrere mit oder ohne Grrund beson- 
ders ängstliche Gemüter melden eigene Entschuldigungs- 
gesandtschaften an. *) AUe Berichte fliessen über von 
Versprechungen und Beteuerungen des ferneren unbedingten 
Grehorsams. Nur in wenigen Antworten dieser Gruppe 
wird dem Kaiser der Vorwurf gemacht, er trage selbst 
die Schuld, weil er sie im Stich gelassen habe.*) 

Ganz anders dagegen lauten die Antworten der 



1) Diese wenigen Städte sind von der Capitulation befreit ge- 
blieben , weil sie gar zu weit vom Zuge der Allürten ab lagen oder 
za unbedeutend waren. 

2) Die Qesandten von Windsheim finden, dass der Kaiser zu sehr 
mit Geschäften überhäuft sei, und erstatten deshalb kurz schriftlich 

Bericht am 16. September 1552 „ Dieweil wir aber ein arme Gom- 

mnn auch unvermögenden Flecken haben, welcher sich allein des Veld- 
paus, Yiehezugs unnd Gottesgaben auss dem Erdtrich emern unnd 
behelfen muss, sunnst auch einiche Handtierung und Vorrath weder 
an Leitten, Geltt noch Kriegsrustung faatt^, so wären sie zum Wider- 
stand nicht in der Lage gewesen. 

3) Manche Städte erhalten das Gircular aus Brixen erst sehr spat; 
80 Windsheim am 10. September, Schweinfurt am 16. September etc. 
Sp. Y. Windabeiiu ; Sp. Y. Schwetinfurt, 

6 



82 

Städte , die Interim und Hassenrat abgeschafft haben. 
So wenig Freudigkeit und Mut dieselben auch zuerst 
gezeigt haben : nachdem wieder der alte Rat an der 
Spitze steht, versuchen sie ihn auch nach Kräften festzu- 
halten. Nicht, dass eine Stadt gewagt hätte, offnen Wider- 
stand zu leisten: das ist auch nicht zu erwarten, wenn 
man ihre Lage und die Vorgänge bedenkt. 

Die für die grosse Mei^ge der Bürger wichtigste Frage, 
die Erhaltung des Glaubens, schien durch die Aufhebung 
des Interims zu ihren Grünsten entschieden; wenigstens 
wurde in dem kaiserlichen Rundschreiben die Widerein- 
richtung des Interims nicht verlangt. Die Reichsstädte 
waren von den Fürsten während der „Empörung" ebenso 
schlecht behandelt worden, oder vielleicht noch sohlechter, 
als im schmalkaldischen Kriege und vorher immer: stets 
willkommen, wenn der Stadtsäckel sich genügend öffnete, 
fast nie um ihren Wülen befragt, jeglichen Einflusses auf 
die Friedensverhandlungen beraubt. Der Kaiser auf der 
Höhe der Macht, im Besitze eines grossen und wohlger 
rüsteten Heeres, die Städte erschöpft und isoliert. Es 
wäre Wahnsinn gewesen, dem Kaiser im Felde bewaffnet 
entgegenzutreten, zumal die abgesetzten Hassenräte, vom 
Kaiser abhängig und nicht ohne Anhang, mit innem Wir- 
ren drohten. Wohl aber zeigte sich wieder einmal die 
altbewährte Ejraft des passiven Widerstandes. 

Am wenigsten, wie nach dem bereits Gesagten voraus- 
zusehen, in Augsburg. Dessen Gesandte: H. Rehlinger, 
Rembold, Manlich und Jenisch ziehen dem heranrückenden 
Kaiser entgegen, treffen ihn am 14. August in Rosen- 
heim, und bringen von neuem die aUerdevotesten Ent- 
schuldigungen und Bitten um gnädige Behandlung vor. 
Der Kaiser lässt ihnen durch Hasse geneigte Antwort 
zu teil werden. Von irgend welchen Geld- oder sonsti- 
gen Strafen ist weder hier noch bei andern Städten die 
Rede. 

1) Vgl. dagegen: Johann Griesdorf, der Zug Kaiser Karl's V. ge- 
gen Metz im Jahre 1552. Halle 1891 (Heft XS-Vl der Hallesc^n 



83 

Am 21. August kam der Kaiser nach Augsburg und 
nahm in Anton Puggers Hause Quartier. Am 2B. ds. Mts. 
wurden alter und neuer Rat auf das Rathaus berufen und 
ihnen hier durch Seid, Montfort und Hasse das „Edict 
Regierung und Ordnung der Stat Augspurg belangendt" 
verkündet. *) Es wird darin die Annahme widerlegt, dass 
durch den Passauer Vertrag der Fortbestand des Zunft- 
rates garantiert sei *) ; dieser Rat wird vielmehr abgesetzt, 
und die seit 1548 bewährte Ordnung tritt wieder an die 
Stelle. Die Haltung dieser Ordnung wird bei schwerster 
Strafe eingeschärft; gegen säumige Obrigkeit soll vom 
Kammergericht vorgegangen werden. Die zurückgerufenen 
Prädicanten belässt der Kaiser „beschwerten Herzens" 
mit Ausnahme von Dreien, welche „aUerley geredet, ge- 
handelt und practicieret , das zu Aufruhr, Empörung und 
allem Unrat*) gedient". Der Rat soll die. Stube der Kauf- 
leute in Verwahrung nehmen und die Stubenmeister selbst 
setzen und entsetzen*). An die Stelle der Zunftmeister 
treten wieder des „Rats Vorgeher", d.h. Vertreter, aus 
denen der Volkswitz „des Rats Verräter" macht.*) 

Am 1. September 1552 verlässt der Kaiser die Stadt, 
worin 6 Compagnien Besatzung verbleiben, von denen 2 



Abhaadlangen zur neueren Geschichte) S. 7/8: „Am 15. Aagust 1552 
zog der Kaiser nach München. . . . Nach kurzem Aufenthalte nahm 
er seinen Weg quer durch Baiern / er war entschlossen , sich nur da 
anfznhalten, wo es die Umstände erheischten (Druffel II, 1683). Noch 
war es unect&chiedeo, wie die oberdeutschen Städte, welche grössten- 
teils für seine Feinde Partei genojimen hatten , sich zu ihm stellen 
bürden. Doch eine nach der andern unterwarf sich freiwillig und 
liaufte sich durch eine Geldbusse los". 

1) Sp. V. Augsburg. Sehr ausführlich, viel breiter als bei Lan- 
geumantel. Am Rande die Notiz „dieser Patenten sind zwelf verfer- 
tigt worden". 

2) Vgl. S. 79. 

3) Es sind dies: Flenner, Traber und Dachser. Vgl. Augspurgi- 
8ches Evangelisches Ministerium (Augsburg 1693) S. 18. 

4) Langenmantel a. a. 0. S, 150. 

5) Hecker a. a. 0. S. 93. 

6* 



64 

unter Ghraf Montforts Commando vom Rate besoldet wer- 
den müssen. Denjenigen, die bei des Kaisers Ankmift 
geflohen sind, so namentlich dem Hanptfuhrer der Zünfte, 
Oesterreicher, bleibt die Rückkehr versagt. ^) Am 9. Sep- 
tember wird zn Esslingen in Anwesenheit des Kaisers, 
unter Mitwirkung Anton Fleiner's und sogar „wie das 
Volk sagte" des alten Stadtschreibers Machtolf selbst, der 
HAssenrat wieder aufgerichtet; der Weingärtnerzunftmei- 
ster Moritz Lutz wird von allen Aemtern ausgeschlossen. ^) 

1) P. y. Stetten sagt^ in der Gesoh. der adelichen Geschlechter 
. . . S. 259» nach dem er von den heftigen Anklagen der Geschlech- 
ter in Augsburg durch den Zünfteführer Oesterreicher gesprochen hat 
(1552 ff.): .... nachdem die Bürgerschaft dieser Regierung gewohnt 
geworden war, stünde sie auch ganz gerne unter derselben^ Ja bey 
den vielen nachfolgenden Unruhen und wegen der Religion sich er. 
eignenden Veränderungen im Regiment hat man doch niemalen ge- 
hört, dass dieselbe sich um die Wiedereinführung der Zünfte be- 
worben hätte**. 

Dass diese Gewöhnung an das neue Regiment nicht so schnell 
vor sich gegangen, beweist das Verhalten des neuen Rates, der es 
für nötig hält, eine Gemeindeversammlung auf den 7. Januar 1553 
SU berufen, um die wider das Regiment noch murrende Menge zu 
beruhigen. In dieser Versammlung stellt der neue Rat sein Licht 
nicht unter den Scheffel: »Wie wohl sie am liebsten mit der Regie- 
rung verschont geblieben wären, da sie zum teil mit eigenen Ge- 
schäften überladen, so hätten sie doch dem Kaiser gehorcht, ihre eige- 
nen Sachen mit ihrem merklichen Nachteil und Schaden zurückge- 
stellt und sich dieser unerträglichen Bürde unterfahen". Femer 
hätten sie die drückende Schuldenlast gemindert und den Handwer- 
kern gute Ordnungen gegeben. Der Erlös aus den Zunftgütern sei 
mit 5^/o verzinst und mit Rat etlicher dazu verordneter Personen 
neben den Vorgehern eines jeden Handwerks denselben zu Nutz und 
Gutem jährlich ausgeteilt und angelegt. Endlich sei es ihr Verdienst 
und durch ihre vielfachen Beschwerden über den Schaden, welchen 
das Kriegsvolk angerichtet habe, wäre der Kaiser bewogen worden, an 
die arme Bürgerschaft 6000 fl. auszahlen zu lassen. Die Vertreibung 
der Prädicanten aber sei nicht durch den Rat erfolgt. D. Langen- 
mantel a. a. 0. S. 155 ff. 

2) Vgl. Seite 75. In Sp. V. Esslingen befinden sich die Con- 
cepte zweier kaiserl. Schreiben an Esslingen und Reutlingen, beide 
vom 6. 9. 1552| in denen befohlen wird, das Regimenti wie es die Com- 



85 

Der Kaiser konnte und mochte nicht mit seinem Heere 
von Stadt zu Stadt ziehen, um die abgesetzten Hassen- 
rate wiederherzustellen. Am 29. August erliess er noch 
von Augsburg aus an den Rat zu Memmingen, Kempten, 
Isny, Ravensburg, Kaufbeuren etc., nach dem Muster des 
Augsburger Edicts vom 2B/8., strengen Befehl zur sofor- 
tigen Wiederherstellung des Regimentes und zur Abschaf- 
fung der wieder aufgerichteten Zünfte. Ueber die VoU- 
ziehung seines Befehles erwartet er binnen 8 Tagen nach 
Empfang seines Briefes schriftlichen Bescheid. Diese neue 
schärfere Auflage des Circulars vonBrixen war durch die 
Antworten der Städte veranlasst. Die Zunfträte erwider- 
ten nämlich mit seltner Einmütigkeit, dass sie nicht daran 
dächten, dem kaiserlichen Befehle den Grehorsam zu ver- 
sagen, ja einige zeigten sich sehr erfreut über die Be- 
freiung von der drückenden Last, sie alle fügten aber so 
einschneidende Reformvorschläge hinzu — Belassung der 
Zünfte, der früheren Mitgliederzahl des grossen Rates etc. — , 
dass ihre Bereitvnlligkeit dadurch wertlos vmrde. 

Nach dem letzten Augsbiu'ger Mandat , das in Mem- 
mingen z. B. erst am 2. October eintraf, ^) wagten die 
meisten der in Frage kommenden Städte keinen ferne- 
ren Widerstand. Kempten meldete die Vollziehung des 
kaiserlichen Befehles unterm 17. October 1B52. 

Nur Biberach, Isny, Lindau kamen sobald nicht zur 
Ruhe. In Biberach bietet sich das merkwürdige Schau- 



missare verordnet haben, unverzüglich einzusetzen „weitere Ordnung 
und Pessemng auf grandlichen Bericht bleibt vorbehalten*'. Diese 
Verfügung wird wiederholt in Concept und Original datiert Groningen 
9/9. 1552. Hinzugefägt wird hier, dass Lutz aus triftigen GrQnden im 
Regimente nicht geduldet werden solle; falls noch mehr Unruhestifter 
vorhanden seien, werde der Rat ermächtigt, dieselbe bei künftiger 
Wahl abzusetzen. In demselben Sp. V. findet sich endlich noch ein 
kaiierl. Schreiben, datiert Groningen 10/9.1552, worin Esslingen noch 
besonders von der mit den Älliirten eingegangenen Oapitulation ent- 
bunden wird. 

1) Dobel, Memmingen S. 41, 



86 

spiel, dass Hassenrair und Zunftrat fast 1 Jalir lang ein 
Poppelregiment führen. 

Auch hier wie in den andern Städten erklärt der 
Zunftrat, oder die „Angemassten", um den ständigen Aus- 
druck des Biberacher Hassenrates anzuwenden, dass er 
ganz gern der Regierung „entladen" bliebe. ^) Es folgen 
jedoch sogleich eine ganze Anzahl „Aber" : Der Hassen- 
rat, oder wie die Angemassten sich ausdrücken „die Ver- 
ordneten", wird der schlimmsten religiösen Unduldsamkeit 
beschuldigt und es wird eine Verordnung an ihn er- 
beten, dass er dem Passauer Vertrage gemäss die Anhänger 
der augsburgischen Confession in Ruhe lasse und ihnen 
geeignete Prädicanten überweise. Zugleich wird den Ge- 
sandten die Erwägung anheimgestellt, ob nicht der Kaiser, 
damit das Handwerk besser vor dem Eate vertreten sei, 
um eine Verfügung anzugehen wäre, dahin, dass man von 
jedem Handwerk 1, also 7 in den Rat sende, und weiter- 
hin, dass die fünf Geheimen wichtige Angelegenheiten der 
Stadt nicht allein, ohne Zuziehung des kleinen Rates, er- 
ledigten. Auch in dem „Vorhalt" , der den Verordneten 
durch die Angemassten getan wird, erklärt der Zunftrat 
seine Bereitwilligkeit, das Regiment niederzulegen, falls 
der Hassenrat die ungehinderte Ausübung der augsbm*- 
gischen Confession garantieren und die erforderlichen Pre- 
diger und Schulmeister anstellen und besolden wolle. 
Der Hassenrat dagegen behauptet, die „Angemassten" 
hätten eine Capitulation und Neuordnung des Regimentes 
von ihm verlangt; das Anerbieten der teüweisen Abtre- 
tung der Aemter durch die Angemassten haben die Ver- 
ordneten nicht angenommen, „wegen der Verkleinerung 
der kaiserlichen Reputation" , die aus der Nichtachtung 
seines strengen Befehles entstehen würde. Ferner wird 
behauptet, dass der Hassenrat gleich bei Regierungsantritt 
Messe, Taufe und alle andern Sacramente abgeschafft und 



1) Instruction des Rates für eine Gesandtschaft an den Eaisefr 
V. 6/8. 1552. Sp. V. Biberach. 



87 

keinen » christlichen* Prädicanten belassen hätte. Zum 
Schlüsse bitten sie, die Antwort nicht an die „jetzigen" 
Bürgermeister und S/äte, sondern an sie, die vom Kaiser 
Verordneten, zu richten: die andern möchten vielleicht 
den Brief erbrechen und nicht an sie gelangen lassen, oder 
es köimte ihren Personen Gefahr und Nachteil daraus er- 
wachsen. ^). Des Kaisers strenge Antwort,*) die auf un- 
gesäumte Vollziehung seines Befehles dringt, hat nur eine 
Verschärfung des Conflictes, sowie die Absendung einer 
neuen Gresandtschaft ') des Zunftrates an Karl V. zur Folge. 
Der Hassenrat schildert als Gegenmine gegen die Gesandt- 
schaft in einem neuen Schreiben die Unbotmässigkeit der 
„Angemassten" in den schwärzesten Farben, räumt aber 
eia, dass dieselben durch die Gemeinde gestützt würden. *) 
Wenn es sich in erster Linie um kirchliche Fragen 
handelt , so spielt doch auch die politische Machtfrage 
ihre Rolle. Der Zunftrat schildert in drastischer Weise 
das Treiben des kleinen Hassenrates , „der mit Blutsippe 
nnd Schwagerschaft" derart unter einander verbunden sei, 
dass, im Falle einer derselben mit einem Rechtsuchenden 
verwandt wäre, immer 6 oder 7 von den 15 aus dem Rate 
treten müssten. Am schlimmsten stehe es in dieser Hin- 
sicht bei den Geheimen, von denen 4 so nahe Blutsver- 
wandte wären, dass sie „nur eine Stimme bilden", wäh- 
rend der 5. verschwägert sei. Ferner wird die Aemter- 
häufung getadelt, die den Argwohn der Gemeinde errege, 
mid den übrigen Räten wird vorgeworfen, dass sie junge, 
unerfahrene Leute und 'zum teü erst seit den letzten Jah- 
ren Bürger seien. Sie hassten den gemeinen Mann 

1) Schreiben der Hassenräte an d. Kaiser v. 20/11. 1552 und 29/4. 
1553. Sp. V. Biberach. 

2) Briefe des Kaisers d. d. Feldlager vor Metz 80/12. 1552 [nicht 
30/11. wie in der üeberscbrift des betr. Schreibens steht], und Brüssel 
9/5. 1553. Sp. V. Biberach. 

3) Eine frühere Gesandtschaft war dem Kaiser bis Diedenhofen 
gefolgt, ohne Audienz zu erhalten, da der Kaiser „mit höheren wich- 
tigen Kriegs- und andern Geschäften belastet gewesen". 

4) Schreiben v. 14« Jiml 1653. Sp. V. Bibexacb. 



88 

und hätten sogar gedroht, wenn sie wieder zum Regimente 
gelangen würden, die „angemassten" Ratspersonen an Leib 
und Leben anzugreifen. Früher hätten nur alte, erprobte, 
wohlwollende Bürger im Rate gesessen, die jetzigen hätten 
zum teil nicht einmal Haus und Hof. Nur 2 Handwerker 
sässen im Rate; es wären deswegen unrichtige Urteile zu 
befürchten. Auch sei es nicht recht, dass diese Aemter 
lebenslänglich besetzt würden, da manche mit der Zeit 
wegen Leibes- und Gresichtsschwachheit ihre Aufgabe nicht 
mehr wohl erfüllen könnten. Die Gremeinde hätte vergeb- 
lich gehofft, dass sie der Rat mit Erneuerung der Religion 
nicht beschweren, sondern wie andere Reichsstädte bei der 
augsburgischen Confession bleiben lassen würde; der Un- 
wiUe in der Gemeinde wachse : wenn kein Einsehens ge- 
schehe, sei gar nicht abzusehen, was sich noch ereignen 
könne. Der Kaiser möge also erlauben, dass sie Bürger- 
meister, Spitalpfleger, Rats- und Gerichtspersonen in jähr- 
lieber freier "Wahl in das Regiment setzten. ^) 

Das Schreiben, in dem kein Blatt vor den Mund ge- 
nommen wurde und alle Beschwerdepunkte ausführlich 
begründet erschienen , bewirkte doch soviel , dass der 
Kaiser, bevor er die letzte Entscheidung traf, die endKch 
bei ihm vorgelassenen Gesandten der „Angemassten" be- 
auftragte, über 3 Punkte näheren Bericht zu erstatten. 
Dieser Bericht bestätigt im wesentlichen die Beschwerde 
des Zunftrats über die Vetternwirtschaft der Geschlechter ; 
er geht sogar darüber hinaus in bezug auf Charakter und 
sittliches Verhalten der Hassenräte, obgleich die Gesandten 
in diesem Puncto ungern die "Wahrheit sagen, weü sie sich 
dadurch verhasst machen würden. "Was drittens die Re- 
ligion anlangt, so wiederholt der Bericht im wesentlichen 
die früheren Ausführungen von der Unduldsamkeit der 
Verordneten, die auf diesem Gebiete auch der bescheiden- 
sten Bitte schroff entgegengetreten wären. *). Trotz alle- 

1) Schreiben v. 2, Juni 1553. Sp. V. Biberacb. 

2) Die letzten Schreiben und Berichte sind nicht datiert; sie fallen 
^ n die Zeit von Mitte Juni bis Mitte Juli 1558. 



89 

dem beendet des Kaisers letzter Erlass*) in der Sache 
den Streit vollständig zu Gonsten des Hassenrates, der 
ohne irgend welche Aenderung in seine frühere Stelle tritt. 
Nnr wegen der Greschlechterherrschaffc wird eine unbedeu- 
tende Bestimmung getroflFen und angeordnet, dass in Zu- 
bmft bei Händeln der Handwerker der Rat den Bericht 
unparteiischer Meister des betreffenden Handwerks ein- 
hole, mögen diese in der Stadt sitzen oder nicht. Ganz 
unbestimmt ist die Stelle, welche die Religion betrifft: Es 
solle beim Ratserbieten bleiben, wiewohl die Gesandten 
noch einige Mängel vorgefanden. Der Kaiser setze voraus, 
dass es des Rates Wille auch sei, dass der Stadt dasjenige, 
was andern Städten bewilligt worden wäre, ebenfalls bis 
auf weiteren Bescheid nachgelassen würde. *) Die „Ange- 
massten** mochten erkennen, dass ein fernerer Widerstand 
ebenso gefährlich wie zwecklos sei. Bereits einen Monat 
nach Erlass des letzten Mandates, also kurz nach seinem 
Empfang, trat der angemasste Rat ab.*) 

Aehnlich war es in Isny und Lindau ; nur dass hier das 
Religiöse, die Haupttriebfeder in Biberach, weit hinter das 
Politische, den Kampf um den Besitz des Regiments, zu- 
rücktrat. Isny erklärt sich zur Abschaffung der Zünfte 
und Wiedereinsetzung der Regierung in vorherbestimmter 
Zahl bereit, hält aber ebenfalls für nötig, die lästige Be- 
stimmung zu beseitigen, dass der Hassenrat die Aemter 
lebenslänglich verwalten solle. Fast wie Ironie klingt die 
Begründung, welche der vorgedachten „Werbung" des 
Kaisers bei Einführung des Hassenrates entnommen zu 
sein scheint : *) Die meisten der Beamten seien arme Hand- 
werker. SoUten diese zeitlebens ihr eigenes Geschäft ver- 
säumen, um ohne Entgelt den Interessen der Stadt zu 



1) Schreiben des Kaisers an den Hassenrat d. d. Brfissel 14. Jnli 
1553. Sp. V. Biberacb. 

2) d. h. er glaube nicht, dass der Hassenrat katholischer als der 
Papst sein wolle, sondern das Interim beseitigen werde. 

3) Am 24. Angnst 1553 nach (Essich) Gesch. v« Biberach S. 73. 

4) Ebenso Angsbarg S. 95. 



90 

dienen, so würden sie ihre geringe Habe bald einbüssen 
und zuletzt dem Spital anheimfallen. Alte, „erzogene", 
ehrbare Bürger mit Verstand und gutem Vermögen ge- 
hörten in den Rat, wie sie früher darin gesessen. Da- 
neben wäre auch offenbar, dass sich das Gemüt des Men- 
schen, sein Verstand undHjerz, über Nacht veränderten, so 
dass einer wohl heute, aber nicht mehr morgen zur Re- 
gierung zu gebrauchen sei. Neigung, Alter und Krank- 
heit sprächen mit. Ihre Bitte geht also dahin, Bürger- 
meister und Rat alljährlich durch freie Wahl küren zu 
dürfen, sodass die Mangelhaften jährlich durch Taugliche 
ersetzt werden könnten. Dann würde viel mehr Fleiss 
auf das Amt verwendet werden. Zur weiteren Begrün- 
dung ist ein Verzeichnis der Personen des Hassenrates 
beigefügt, welches mit kräftigen Randbemerkungen versehen 
ist, wie: X ist Ehebrecher, oder Verleumbder, weioleuffig 
etc. Nur wenige scheinen vollständig tadellos zu sein. 

Angeblich, um auf die beste Art diesen gerügten 
Uebelständen abzuhelfen, haben die „Angemassten" von 
Isny die Macht mit den „Verordneten" geteilt , indem sie 
13 Personen aus dem Hassenrate, die Hälfte des Rates 
und Gerichts, in Neuwahl zur Regierung zogen. Die neu- 
gewählten Beamten sollen dem Kaiser oder dessen Hof- 
rate angezeigt werden. Auch in Biberach hatten die „An- 
gemassten" eine Teilung der Regierungsgewalt vorge- 
schlagen, aber der Plan war an dem hartnäckigen Wider- 
stände der „Verordneten" gescheitert. Andere Städte sind 
auf den Gredanken einer Combination von altem und neuem 
Rate anscheinend nicht gekommen. Der fast ein Jahr 
später in Isny einlaufende kaiserliche Bescheid lässt die 
Neuordnung vollständig unbeachtet und befiehlt sofortige 
Wiedereinsetzung des Hassenrates. Etwaige Mängel könn- 
ten bei der nächsten Wahl beseitigt werden. Sonst wolle 
er, der Kaiser, dafür sorgen, dass sie zufrieden sein würden. *) 

Kürzer und schroffer noch war der an demselben Tage 



1) Schreiben des Kaisers d. d, Brüssel 21/7. 1558. Sp. V. Isny. 



91 

an Lindau ergehende Befehl zur "Wtederherstellung der 
^ Verordneten Räte". Die „Gemeinde" von Lindau, d. L 
der Zunftrat, der sicli mit der Gemeinde identificierte, hatte 
dem Kaiser auf sein Brixener Sendsclireiben , wie üblich, 
die loyalsten Versicherungen gegeben. ^) Ganz anders aber 
lauteten die Nachrichten, die ein Vierteljahr später der 
Hassenrat oder wenigstens einige katholische Geschlechter 
an den Kaiser gelangen Hessen.*) Die Gemeinde hatte 
geschrieben, sie wäre nur durch das dringende Bitten der 
benachbarten „Landschaft" zur Capitulation bewogen wor- 
den, da sie das Beispiel von Ulm vor Augen gesehen hätte ; 
jetzt überreichten die Denuncianten ein Verzeichnis der 
Haupträdelsfiihrer , „die alle pose pratiggen aldo pass 
trieben und noch teglichen im Werk haben und neben", 
und auch die auf dem Lande sitzenden Bewohner Lindaus 
bewogen haben, „mit gewerter Hand" vor die Stadt zu 
ziehen und zu verlangen, dass man sich den Allürten er- 
gebe oder sie aus den bürgerlichen Pflichten entlasse, da- 
mit sie sich einen andern Schutzherrn suchen könnten. 
Der Zunftrat kann nach Ansicht der Denuncianten nicht 
ferner regieren; sie geben deshalb eine Liste der zum 
neuen B/Cgimente tauglichen Personen, das fast alle Namen 
der Hassenräte enthält. Würde die Regierung in der 
vorgeschlagenen Weise besetzt, so sei sicher anzunehmen, 
dass die Stadt wohl regiert werden würde. Denn wenn 
auch die aus dem Regiment gelassenen Rädelsführer Um- 
triebe machen wollten , so wären doch dann ^/s des Re- 
giments gut „Kaiserisch" und mit den meisten andern be- 
freundet, so dass sie aUemal die Mehrheit erhalten würden. 
Noch mehr wäre diese Majorität gesichert, wenn befohlen 
würde, dass alle, die „auf dem Lande in der von Lindau 
Gebiet gesessen" und Bürgerrecht hätten, falls sie nicht 
Wohnung in der Stadt nachweisen könnten, sämmtliche 
hürgerliche Freiheiten verlören und wie die Lindauischen 

1) Schreiben v. 5/8. 1652. Sp. V. Lindau. 

2) Die betr. ansführliche Denanciation s. 1. a. n. ist im November 
.U52 yerfasat^ wi^ der Inhftlt ergiebt Sp. V. lindaa. 



92 

Baaem und Untertanen gebalten werden sollten. Aof 
diese Weise würden die „gar tmruelige Lent* am besten 
vom Rate fem gebalten werden. 

Ebenso naiv wie perfide ist der Vorscblag, dass der 
Kaiser bebnfs Beseitigung des Znnftrates von neuem die 
Mitglieder des kleinen Rates und des Grericbts sowie die 
„Zwanzig" ') ernennen und dabei die „Angemassten" aus- 
lassen solle, ohne ihrer überhaupt, weder in Gnaden noch 
in Ungnaden, Erwähnung zu tun. Durch diesen Ausweg 
sollte das zarte Gewissen des Kaisers geschont werden, der 
im Passauer Frieden allen Empörern Verzeihung gewährt 
habe, „so dass es sich nit wohl gebühren möchte, jemanden 
des Aufruhrs wegen vom Rate abzusetzen**. Sie kannten 
den alten Diplomaten spanisch-habsburgisc&er Schule nicht, 
dem die Verletzung eines in diesem Falle noch obenein 
verschiedener Auslegung fähigen Punktes des Passauer Ver- 
trages kaum Bedenken verursachen konnte. Endlich berich- 
ten die Denuncianten noch, „dieser jetzig selb aufgeworfene 
Rat haben" ^einen gewaltigen Bau begonnen zur Befestigung 
der Stadt. Da kein städtisches Geld dazu vorhanden sei, 
denn die Stadt habe schon früher grosse Schulden gehabt, 
so nähmen sie Geld auf Interesse, wo sie es bekommen 
könnten. "Weil nun die Stadt, falls sie gut kaiserlich ge- 
sinnt bliebe, fest genug sei und gar keiner weiteren Be- 
festigung bedürfe, so wäre es gut, wenn der Kaiser den 
Bau verbieten und das bereits Vollendete niederlegen Hesse,*) 
damit sie um so weniger auf ihre Befestigung vertrauten, 
und die Stadt nicht in immer tiefere Schulden stürzten. 
Zum Schlüsse erbitten die Denuncianten ein „christliches" 
Schreiben des Kaisers, das die Ausführung ihrer wenig 
christlichen Vorschläge anordne. Wolle der Kaiser „umb 
meres Ansehen willen" einen Conmiissar zur Ausführung 
absenden, so sei Graf Hugo von Montfort der Geeignetste. 

Nach beinah Jahresfrist fand die Tätigkeit des Zunft- 

1) d. h. den grossen Bat. 

2) Der Antrag erinnert an den bairisehen Voraehlag, die Befcati- 
gnag Bftmmtlielier .widerwärtiger« BeichnOdte la biecheiL vgL S. 18. 




93 

rates auch in Lindau ein Ende. Die Zwischenpause darf 
nicht Wunder nehmen. In Hinsicht auf Biberach und ebenso 
auf Lindau entschuldigt sich der Kaiser: weil keine 
weitere Erwähnung geschehen und er selbst, durch vor- 
liegende hochwichtige Kriegs- und Staatsangelegenheiten 
abgelenkt, an die Sache nicht mehr gedacht habe, sei 
das bereits ausgefertigte Mandat liegen geblieben und ver- 
gessen worden. ^) Es bedurfte dieser Entschuldigung wahr- 
haftig nicht. Vielmehr erscheint es bewundernswert, 
dass der Elaiser, der bekanntlich alle wichtigeren An- 
gelegenheiten selbst prüfte und entschied , inmitten seiner 
den Erdkreis umspannenden Pläne noch Müsse genug fand, 
um sich in der geschilderten eingehenden Weise um die 
inneren Wirren kleiner Reichsstädte zu bekümmern. 

Die günstige Gelegenheit, das alte Zunftregiment zu 
behalten oder wieder zu bekommen, war ohne Erfolg vor- 
bei gegangen, weniger durch die Schuld der Städte, als 
der AUürten, und dank der Standhaftigkeit des Kaisers. 
Auch die folgende Eegierungszeit Karls V. brachte nur 
wenige einschneidende Aenderungen im Hassenrate. 



VI. Aenderungen des Hassenrates durch 
Karl V. und seine Nachfolger. Schluss. 

Beim Sturz der alten Zunftverfassungen durch Hasse 
war ein schon in den Instructionen vorgesehener und vom 
Commissar häufig angewandter Kunstgriff zur Beruhigung 
der Erregten die Vertröstung darauf, dass der Kaiser, 
falls sich ernste Mängel der neuen Verfassung heraus- 
stellen würden, gern zu Verbesserungen bereit sein werde. 

Es hat an Anträgen auf Abänderung der neuen 
Verfassung nicht gefehlt, wie der Kaiser selbst erklärte. ^) 



1) Schreiben d. Kaisers d. d. Brüssel 9. 5. 1558. Sp. V. Biberacb. 

2) Declaration und Endemng des Begiments^ Gerichts und Batbs 
2u Schwebischen Gmundt. Geben zu Gendt in Flandern den 21. August 
1556. Sp. y. Schwab. OmOnd. 



v4 

Wenn sie zunächst gar keinen oder wenig Erfolg hatten, 
so lag es meist an den Antragstellern und der Art der 
Anträge. Hätte der Kaiser den Vorschlägen von Isny, 
Biberach und ähnlichen „unsicheren" Städten Folge leisten 
wollen, die eine jährliche Neuwahl der CoUegien, kräftige 
Vertretung der Handwerker im kleinen Rate und andere 
einschneidende Verbesserungen verlangten, dann musste 
er eigenhändig den Aufbau seiner neuen Verfassung zerr 
stören. Auch die Beschwerden über Vetternwirtschaft im 
Rate fanden nur wenig Beachtung. Sehr erklärlich: der 
Kaiser hatte keinen „sicheren" Ersatz für diese, wenn 
auch moralisch höchst zweifelhaften, so doch gesinnungs- 
tüchtigen Männer. 

Dafür wurden alle Besoldungsanträge der Städte gern 
bewilligt. Ja der Kaiser ging sogar in einem Falle ^) 
über die beantragte Höhe der Besoldung hinaus und ent- 
band ausserdem die Empfanger und Verteiler, meist die 
Greheimen oder den kleinen Rat, von jeglicher Rechnungs- 
legung über die Art der Verwendung. Dadurch knüpfte 
er die Leiter des Regimentes immer fester an seine Per- 
son, ohne dass ihm Mühe oder Kosten daraus erwuchsen. 
Besonders bezeichnend ist die Höhe der Summe und die 
Begründung des Antrages bei den Augsburger Geheimen. 
Obwohl fast ausschliesslich Bankiers und Grosshändler, so- 
wie die reichsten Rentiers , im kleinen Rate sitzen , bean- 
tragten die Geheimen und Stadtpfleger dennoch, ihnen jähr- 
lich 4000 fl. städtische Gelder zu Besoldungszwecken zu 
bewilligen. Denn sie müssten lebenslänglich im Amte 
sitzen, hätten sehr viel Mühe, dazu wären wenig Beamte 
vorhanden,*) und sie versäumten ihr eigenes Geschäft, 
während sie von der Gemeinde nur Undank ernteten. Bei 



1) In Eaufbeuren werden, was nicht beantragt war, ausser den 
Geheimen noch den übrigen Mitgliedern des kleinen Rates je 6 fl. 
jährliche Besoldung bewilligt. Eaiserl. Schreiben d. d. Brüssel 29/1. 
1555. Sp. V. Kanfbeuren. 

2) Diese Klage kehrt häufiger wieder; vgl. dazu die Klage des 
Kaisers in den Instructionen über zu viele Beamten. . , 



95 

Besoldung würden die jetzigen Beamten ihr Amt williger 
verwalten und auch andere Bürger eher dazu gebracht 
werden „ire Kinder in künftig Zeyt zu dem Studiren und 
andern Sachen, zu dem Regieren dieser Stadt dienstlich, zu 
erziehen".') Schon der Umstand, dass die Besoldungsan- 
weisung vom Kaiser erbeten wird, charakterisiert die Stel- 
lung des Hassenrates zu Kaiser und Gemeinde; nicht we- 
niger bezeichnend ist die Festsetzung der Besoldung für 
die Abhängigkeit der Städte vom Kaiser. Auch die Augs- 
burger Begründung **) enthielt fast genau die Motive, wel- 
che den Kaiser nach Inhalt seiner „Werbung" zur Ab- 
setzung des Zunftrates bewogen haben. 

Das verführerische Beispiel Augsburgs fand bald 
Nachahmung. Kaufbeuren z.B. schwärmt für Fest- und 
Zweckessen, den Umtrunk bei Revision der Mühlen, Bleichen 
etc. Das vor einigen Jahren an die Stelle gesetzte Geld für 
die Ratspersonen sei bald zu demselben Zweck verwendet 
worden. Da sie als arme Handwerker „beim zu Rate gehen" 
ihre Geschäfte versäumt , so wäre bülig , dass ihnen ein 
kleines „Fargeltlin" zu teil würde. Dann solle jeder die 
Zehrungaus seinem Seckel bezahlen. 4 „ehehafte Meiler"^) im 
Jahre wären seit undenklichen Zeiten gefeiert worden „und 
wann die Nachpauren vom Adel und Prelaten zu Weihe- 
nechten oder sonst im Jar Vererung tun, so kan man 
die Gastung auch nit wol abschlachen wie bey vil Jaren 
beschechen ist."*) 



1) Schreiben von Statpfleger und Geheimen an den Kaiser v. 21. 5. 
1551. Sp. y. Augsburg. Schon am nächsten Tage — der Kaiser be- 
findet sich in Augsburg — ergeht das Indultum pro civitate Augustana, 
welches „zur Erhaltung jetzigen Regiments, so lange es in seinem 
Wesen pleibt^ den Stadtpflegem und Geheimen 4000 fl. Gold jährlich 
zur Verteilung unter sich bewilligt und allen Untertanen pp. streng 
verbietet, die Stadtpfleger, Geheimen Räte und andere Ratsverwandte 
in der Verteilung zu hindern oder Rechenschaft zu fordern. 

2) Ebenso Isny. S. 89. 

3) d.h. durch das Herkommen gesetzlich gewordene Gastmähler. 

4) Sp. V. Kaufbeuren. Die BesoldungsMisprüche sind übrigens 
sehr bescheiden: 3 Bürgentteitter jfthrUeh 36 fl.^ 4 ßtadtrechner^ fl. 



96 

Angenehmer berührt der Antrag der Q-eheimen von 
Augsburg, den Erlös aus dem Besitz der Zünfte verzins- 
lich anzulegen und damit nach Bedarf verarmten Hand- 
werkern au&uhelfen, ^so wäre der gemeine Man in dieser 
Stadt um so leichter in willigem Gehorsam zu erhalten". 
Der Antrag wird genehmigt ^) und als Vorschrift in die 
Instructionen zur Reform der übrigen Reichsstädte auf- 
genommen. 

Manchen der verwohnten Herren gefiel es nicht, zu 
kalter Winterszeit 2 Stunden auf freiem Platze stehen zu 
müssen. Sie erbaten deshalb Verlegung der Wahl auf 
den ursprünglichen Termin im Sommer. *) Nach der neuen 
Wahlordnung sollte die jährliche Wahl jedesmal um die- 
selbe Zeit erfolgen, in der die neue Verfassung eingeführt 
war , d. h. in den meisten Städten mitten im Winter, 
Ravensburg bittet um Zulassung von noch 4 Zechhäusem^ 
die dringend erforderlich wären, weil einmal der von 
ihnen erbaute Wein nicht, wie dies in andern Orten ge- 
schehe, insgesammt verkauft und weggeführt werde, son- 
dern allein von der Bürgerschaft massweise ausgeschenkt 
werden müsse, andrerseits ihre Wochen- und Jahrmärkte 
aus der Landvogtei Schwaben und von andern Nachbarn 
zahlreich besucht würden. Solche und ähnliche Gresuche, 
die nur Aeusserlichkeiten der Neuordnung betreffen, wer- 
den vom Kaiser anstandslos bewilligt. Wenig Erfolg ha- 
ben aber zunächst die Anträge, die mehr den Kern der 
Sache berühren. Erst in den letzten Jahren seiner Ee- 
gierung, als er bereits mit Demissionsgedanken umging, 
machte der Kaiser einzelnen Städten weitergehende Zu- 
geständnisse. Sei es, dass er im Greffihl der Vergeblich- 
keit seiner Bemühungen gegen die Städte milder gestimmt 



1 Stadtschreiber 10 eto. Sa. 132 fl. » In Schwäbisch-Qmünd dagegen 
erhielt jeder Bürgermeister jährlich 60 fl., insgesammt werden jährlich 
300 fl. an Besoldung verteilt. 

1) Eaiserl. Yerordng. v. 22/5. 1551. Sp, V. Augsburg. 

2) Esslingen bittet Anfang 1555 um Verlegung yoqi St. Anthonius« 
. tag auf deu St. Ji^bstag. Sp, T. Sssliog^n. 



97 

wurde, sei es, dass er die Grundlage flir hinreichend fest 
erachtete , um eine Aenderung des Oberbaues ertragen zu 
köim^i. So wird Ravensburg seinem Antrage gemäss die 
bescheidene Vermehrung der Mitglieder des kleinen Eates 
von 15 auf 17 bewilligt. Auch die "Wünsche Esslingens^) 
werden erfüllt: Sie dürfen 1 Bürgermeister auf 1 Jahr 
und den bisher lebenslänglich amtierenden Stadtamman 
für 3 Jahre wählen. ^) Das getreue Grmünd , das schon 
durch Hasse begünstigt wurde, setzte wenigstens zum teil 
die Greaehmigung seiner in das "Wesen der Reform ein- 
dringenden Anträge durch. Die jährliche Ratsbesetzung 
soll allerdings, wie in der Neuordnung bestioomt ist, dem 
kleinen Rate überlassen bleiben, d. h. ohne Zuziehung 
des grossen Rates geschehen, wie beantragt war. ^) Auch 
die 5 Geheimen sollen „alleweg ohne Abgang bleiben". 
Dagegen sollen von den übrigen 16 Mitgliedern des kleinen 
Rates jährlich 4 abtreten, einer von der Bürgerbank und 
drei von der gemeinen Bank, so dass der kleine Rat 
alle 4 Jahr erneuert wird. Auch fernerhin sollen 9 zur 
Bürgerbank gehören ; falls einer stirbt, soll es jedoch nun- 
mehr dem kleinen Rate überlassen bleiben, ob er die Stelle 
aus den 12 der gemeinen Bank, oder aus der Bürgerschaft 
besetzen will. Endlich wird die alte Art der Besetzung 
der Städtemeisterposten wieder eingeführt. 

Augsburg erhält eine Erweiterung des kleinen Rates 
von 41 auf 45 Personen bewilligt. Es treten 1 aus der 
mehreren Gesellschaft und 3 von den Kaufleuten hinzu. ^) 

1) Kaiser l. Yerordnung d. d. Brüssel 26/8; 1555. Sp. V. Esslingen. 

2) Beantragt hatten sie für 2 Jahre. Ihr Antrag betr. der Bürger- 
meister war damit begründet, dass nicht viel ausgerichtet werde, wenn 
3 Bürgermeister jeder 4 Monate im Jahre regierten, denn einer schiebe 
die Oesfifbäfte auf den andern, und nichts werde zur rec)itenZeit voUen^t. 

8) Die Anträge Gmünds befinden sich nicht bei den Acten, lassen 
aich aber unschwer aus der kaiserlichen Antwort erkennen. 

Declaration und Aenderung ... v. 21. 8. 1556. Sp. Y. Qmüfid. 

4) Urkund über Verenderung der Ratffordnung zu Augspurg. d. d. 
B^rüssel .1^/6. 1555. Sp. V. Augsburg. Zu vergleichen ist ,die Darstel- 
.»Dg .Iifl^g^lMM^)t^ls, 4er sich nuf die 4|big^ Urkunde bezieht. Die ;b#U^ 

7 



98 

Wurden hier die Wünsche der Handwerker nach Vermeh- 
rung der ihnen zustehenden Ratsstellen gar nicht berück- 
sichtigt, so geschah dies in Ulm in weit geringerem Masse, 
als beantragt war. Die Anträge auf Besoldung und 2j äh- 
rige Verwaltung des Stadtrechneramtes wurden schon 15B1 
genehmigt. 5 Jahre später unterbreitete Ulm dem Kaiser 
einen sehr reichhaltigen Wunschzettel : *) Im Verlaufe von 
8 Jahren haben sich einige Mängel herausgestellt. 31 
Ratspersonen scheinen zu wenig. Namentlich die 5 „Zu- 
sätze^ und die 3 Bürgermeister sind mit Aemtem und 
Arbeit überladen, noch mehr die „Ainunger". Diese Straf- 
herren können nicht ^A Jahr lang ununterbrochen ihrem 
höchst unruhigen Amte vorstehen. Sie haben sehr viel zu 
tun mit „Ainung, Verhörung der Kundschaften, auch tag- 
lieh vorfallender gütlicher und peinlicher Examination und 
Tortur der Gefangenen**. Die Antragsteller bitten deshalb 
um Aufnahme von 10 Zusätzen in den Rat, 2 Geschlechtern 
und 8 von der Gemeinde, und femer, dass die „Ainunger" 
hinfort nur einen Monat ihres beschwerlichen Amtes war- 
teten. Ausserdem möge nach dem Tode der jetzt amtie- 
renden 2 „Eiteren" freie Wahl derselben stattfinden, und 
von den 6 Zusätzen sollen 3 aus den Geschlechtern, 2 ans 
der Gemeinde genommen, von diesen 3 Geschlechtern aber 
Bürgermeister und Herrschaftpflegerstellen, von den 2 aus 
der Gemeinde „Stattrechner, Richter und andere namhafte 
Aemter" besetzt werden. Die 2 Bürgermeister, die grade 
nicht im Amte wären, könnten als Zusätze, Stadtrechner 
etc. verwendet werden. Der Kaiser bewilligt die Anträge 
mit der Einschränkung, dass als Zusätze zum Rate nicht 
2 von den Geschlechtem und 8 von der Gemeinde genom- 
men werden sollen, sondern 5 von der Gemeinde und 5 
von den Geschlechtem, „wa man sy anders gehaben kan". *) 



„Urkunde^ enthält ausserdem nocb ziemlich unwesentliche Aendenrngen 
der Wahlbestimmungen. 

1) Schreiben v. 13/8. 1556. Sp. V. Ulm. 

2) Kaiserl. Verfdgg. d. d. Gendt 25/8. 1556. Sp. V. Ulm. Vgl. 
Jäger, Magazin II, 822->829 und Maurer, Gesch. d. Städteverfossg. IV, 153. 



99 

Die Abänderung ist bezeichnend für die Bedeutung, die 
der Kaiser der Zahl von zünftischen Ratsmitgliedem bei- 
misst, der Antrag des Hassenrates für die Erstarkung des 
Einflusses der Zünftler. — Die Grundlage der neuen Ver- 
fassung, die Beherrschung der Städte durch eine kaiser- 
treue Mehrheit des kleinen B,ates wird auch durch diese 
Aenderungen nicht wesentlich erschüttert. 

Auch der Augsburger Religionsfriedeh von 155B brachte 
keine Bestimmung über Verfassungsänderungen in den 
Reichsstädten. ') Wohl aber gab das Verbot , dass „kein 
Teil des anderen Religion abzutun sich unterstehen möge*', 
der durch das Interim gewährten Bevorzugung katho- 
lischer Minderheiten in evangelischen Reichsstädten ge- 
setzliche Berechtigung, soweit es den Evangelischen der 
betreffenden Städte nicht in der Zwischenzeit bereits ge- 
Imigen war, die Vorrechte ihrer katholischen Mitbürger 
auf das rechte Mass zurückzuführen. 

Tiefer einschneidend waren dagegen die Veränderungen 
des Hassenrates, die einige Reichsstädte unter der Regie- 
nmg von Karls Nachfolgern erlangten. Abgesehen von 
Griengen, HaU und Heilbronn, wo die Aenderungen doch 
war zum teil den Kern trafen , *) und von Biberach , das 
1562 eine Vermehrung des kleinen Rates von 15 auf 21 
erlangte, *) abgesehen auch von Rottweil, dessen Verfassung 



1) Stieve, der Ursprung des 30jährigen Krieges (München 1875), 
meint S. 15, A. 1 1 allerdings, durch den Religionsfrieden sei die Wahl- 
ordnung Karls beseitigt. Ich stimme den entgegengesetzten Ausfüh- 
rungen Ritters a. a. 0. S. 83 zu. Vgl. auch im folgenden S. 101 A. 1. 
Wie ist es, die Aufhebung angenommen , zu erklären , dass die meisten 
protestantischen oberdeutschen Reichsstädte bei der Wahlordnung Karls 
verharrten? Aus besonderer Vorliebe dazu gewiss nicht. Vollständig ist 
die Wahlordnung doch nur in sehr wenigen Städten beseitigt. 

2) Stalin, Wirtemb. Gesch. IV, 839, A. 1. J. J. Moser, Reiehs- 
Stättisches Handbuch (Tübingen 1732/33) I. 791. 840. 

3) Sp. V. Biberach. — (Essich), Gesch. v. Biberach S. 74 (Ulm 
1817). Beigefügt war von Ferdinand die Bestimmung, dass die Religion 
kein Aasschliessungsgrund von Aemtern sein solle. — Ein anderer Fer- 
dmand bestimmt für Augsburg d. d. Neustadt 28. 8. 1631, dass sämmt- 



100 

1579 mit Hilfe der Eidgenossenschaft ^verbessert" wurde, 
ist vor aUen andern Ueberlingen zu nennen. Die streng 
katholische und kaisertreue Stadt erhielt bereits 1559 vom 
Kaiser Ferdinand I. die Erlaubnis, die alte Zunftverfas- 
sung in fast allen wesentlichen Teilen wieder aufzurichten, 
wenn auch die Zünfte dem Namen nach aufgehoben blieben 
und an die Stelle der 7 Zünfte und Zunftmeister 5 Quar- 
tiere und Quartierherren traten.^) Dieselben Rechte er- 
hielt 12 Jahre später Buchorn. Pfullendorf erhält sogar 
im selben Jahre*) die Grenehmigung, wieder 5 Zünfte und 
eine Herrenstube einzurichten, sowie jährlich in freier Wahl 
Stadtamman, kleinen Rat und Richter zu bestellen und aus 
ihnen alle städtischen Aemter und Pflegschaften wie von 
alters her zu besetzen. Im übrigen solle es bei den An- 
ordnungen Karls V. bleiben. — Bescheidener ist die Aen- 
derung in Leutkirch, dem Maximilian II. einjährige Amts- 
dauer des Bürgermeisters bewilligt. *) — In Reutlingen wurde 
anscheinend 1676 die Zunftverfassung wieder vollständig 
hergestellt. *) Noch im Diarium des Grafen Ludwig Wittgen- 
stein betr. den Speyrer Reichstag von 1570 findet sich 
die Notiz: 26 A. 6: „Stad N. bitt ire alte Ordenung so 
Kays. Carl ufgehaben, wieder zu geben, ist bewilligt ausser- 
halb der Zunft so metu seditionis vngern gestattet".*) — 
Von der bei weitem grösseren Zahl der StMte kaxin man 

liehe Aemter uur mit Katholiken besetzt werden und lieber väcant blei- 
ben sollen, falls nicht genug tüchtige Leute vorhanden wärün; infolge 
dessen bleiben 124 Stellen im grossen Rate der 800 unbesetzt. 

1) Maurer , Gesch. d. Städteverfssg. IV, 157. Jäger , Magazin V, 
488-447. Moser I, 269. 

2) Verfügg. Ferdinand II. v. 11/8. 1559. Vgl. Walchnfer, Gesch. v. 
Pfullendorf (Gonstanz 1825) S. 65 ff. 

3) Loy, Gesch. y. Leutkirch (Kempten 1786) S. 86. 

4) Stalin, IV, 889. J. J. Moser, Reichst. Hdbch. II, 697—602. - 
„Die Äenderung unter Ferdinand genügte nicht. Durch Maximilian 
wurde die alte Ordnuug in allen ihren Puncteü erneuert, Kaiser Carls 
Reform „dismahls und bis auf sondere Gelegenheit und unser Wieder- 
rufen eingestellt^ ; . . . . d. d. Regensburg 21. 7. 1576. 

5) Maurer rv> 157. Senkenbetgische Sammlung toü ttttg^rttckten 
und raren Schriften .... (Frankfurt a/Mj 1751) n, 6. 



101 

sagen : „Bei EairLs Y. Verfassung bHeb es mit wenig Modifica* 
tionen bis zwr Auflösung des deutschen Reiclisverbanäes*. ^) 

Karl V. trat frühzeitig von der Regierung Deutsch- 
lands zurück, Ferdinand I. war wegen fortwährenider 
Türken- und Grelduot auf die Unterstützimg durch die 
Protestanten angewiesen, Maximilian II. war kein ortho^ 
doxer Eiferer, er hoflPte auf eine Ausfüllung der Kirchen- 
spaltung , den strenggläubigen Katholiken erschien seine 
Haltung zweideutig, mindestens war er gegen die Ketzer 
sehr duldsam.^) Unter diesen für die Ausbreitung des 
Protestantismus überaus günstigen Umständen konnte der 
Hassenrat sein Endziel allerdings nacht erreichen. Die 
Brücke zum alten GHauben')^ das Interim, war abge- 
brochen , der Protestantismus drang auf neuen Wegen 
immer weiter vor. 1575 wurde Aalen trotz des kräftigen 
Widerstandes des Probstes zu Ellwangen vollständig re- 
formiert. Aber in demselben Jahre veränderte zu Gmünd 
der katholische Rat den Bürgereid „auf römischen Stylum** 
und löschte die Namen aller Protestanten aus der Matrikel 
der Bürgerstube. Alle Beschwerden und Vermittlungs- 
versuche auf Städtetagen, Kurfürstenversammlxmgen und 
beim Kaiser blieben vergeblich. Die gemassregelten Pro* 
testanten mussten sich zu verlustreicher Auswanderung 
entsohüessen. *) In Biberach waren 1688 8mal so viel 
Protestanten als Katholiken, im kleinen Bäte aber sassen 
8 Evangelische und 13 Katholiken* *) 

Die Verfassungsreform war ein verfrühter Vorläufer 
der Gegenreformation, der nicht ganz zimi Ziele gelangte, 
weil ihm für lange Zeit die notige Unterstützung von oben 
herab versagt blieb. Der Hassenrat verstand es jedoch, 
sich auch in fast ganz protestantischen Städten so lange 



^-*- •* • - • * ■ - 



1) V. Heid, Qesoh. v. Wimpfön (Darmstadt 1836) S. 108. 

2) Vgl. Ritter a. a. 0. S. 268 ff. 

3) Vgl. L. Pastor, die kirchlichen Reuüionsbestr^bangeii. (Frey- 
bnfg i/Br. 1879) S. 869. 

4) Stulln IT, 689. 

5) (Essich), Gesell, v. BibeM^oli 8. 77. 



102 

am Buder zn halten, bis die starke Stromimg der G-egen- 
reformatio!! ihn genügend nnteratützte. "Während die Reichs- 
städte zur Zeit , als die Gegenrefoi^nation begaim , ganz 
anders, als in den Anfangen der Refoimation, anf den ent- 
scheidenden Reichstagen , so 1576 , keine bemerkeiiswerte 
Rolle mehr spielten, waren die mächtigsten protestan- 
tischen Fürsten wegen Sonderinteressen uneinig. Gemein- 
sam war die Erscheinung , dass der jetzt in weiten Krei- 
sen am höchsten geschätzte Erwerb von Luthers Refor- 
mation, „die Freiheit wissenschaftlicher Forschung", sich 
zunächst in meist sehr unwissenschafblichem, unfruchtbarem 
dogmatischem G-ezänke äusseiie. ') 

Ranke bestreitet die Richtigkeit der weit verbreiteten 
Ansicht, dass es mit dem Handel und Wohlstande der 
deutschen Städte schon gegen Mitte des 16. Jahrhunderts 
durch die Einwirkung neuentdeckter Handelswege ziemlich 
zu Ende gewesen sei und führt namentlich für Augsburgs 
Blüte in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts Beispiele in 
Fülle an.*) Hinzutreten mag noch v.Stettens Bemerkung: 
„um diese Zeit (1581), da die Handlung in Augsburg noch 
in sehr grossem Flor gewesen, fingen die reichen Kaufieute 
an, gross zuthun; sie suchten die Geschlechter an Schmuck 
und Kleidung zu übertreffen". •) 

Was aber von Augsburg und einigen anderen grossen 



1) Ein Volkslied jener Zeit spottet : 

Zwen Eifrer hatten anf ein Zeit | in Glaubenssacben einen Streit. | 
Ich bin martinisch, sprach der ein, | so wolt der ander lutherisch sein, i 
Sie stritten also heftig fort | nur umb den Unterscheid der Wort, | dann 
sie nicht wüsten ganz und gar, | dass luthrisch auch martinisch war. { 
Dergleichen Esel findt man yil, | dann mancher disputieren wil, | der 
doch nur hat erforscht ein Ler, | die andre list er nimmermehr. | Wenn 
vor dir hast zwen bsondern Wein | und du doch kostest nur den ein | 
und sprichst, derselbig sei der best, | so bist ein Narr, grob, stark und fest. 

Goedecke und Tittmann, deutsche Dichter des 16. Jahrhunderts. 
J. Bd. Liederbuch No. 176. 

2) Ranke, zur deutschen Geschichte . . . (Leipzig 1874) S. 30 ff. 

3) P. V. Stetten der jüngere , Geschichte der adlichen Geschlechter 
in der freyen Reichsstadt Augsporg. (1763) S. 265. 



/ V 



103 

Städten gilt, trifft schon seit Anfang des 16. Jahrhunderts 
für die kleinen oberdeutschen Reichsstädte nicht mehr zu, 
die zum teil wenigstens schwer verschuldet und in wirt- 
schaftlichem Bückgange begriffen waren. 

Noch weniger einverstanden sein kann man mit der 
allgemeinen Fassung eines Urteils Münsters, das sich Bänke 
aneignet^): das fruchtbare, blühende Land (Deutschland) 
werde von einem treuherzigen, in seinen Sitten und dem 
ßuhme alter Tugend verharrenden, tapfern Volke bewohnt. 
Grade die Bevölkerung der von Bänke mit Vorliebe heran- 
gezogenen grösseren Beichsstädte Schwabens war in jener 
Zeit sehr entartet. Daher ihre übergrosse Neigung zu 
Luxus und Lastern aller Art, daher ihr kraftloses Auf- 
treten nach aussen und noch mehr innerhalb der Stadt, 
daher ihre Unfähigkeit, dem Sturme, der die Blüte Deutsch- 
lands für lange vernichtete, irgendwie Widerstand zu 
leisten. Die Wunden, die der 30jährige Krieg schlug, 
waren zu tief, als dass das Unglück hätte seine reinigende 
Kraft ausüben können. Wohl hätten grade die oberdeut- 
schen Beichsstädte, die vor andern als Pfleger von Kunst 
und Wissenschaft galten, bei viel Sonnenlicht und Wärme 
noch manch süsse Frucht zeitigen können, aber im Schat- 
ten verdorrten die frischen Triebe , und der Sturmwind 
warf die wurzelfaulen Stämme nieder. Die Besidenzen 
der stetig mächtiger werdenden Fürsten traten die Erb- 
schaft an. Li den Beichsstädten wurde die geringe noch 
vorhandene Elraft in religiösen Wirren, in Kämpfen zwi- 
schen Bat tind Gemeinde und in gewerblichen Streitig- 
keiten zwischen Kaufleuten und Zünften , sowie zwischen 
den einzelnen Zünften und zwischen Zunftmeistern und Ge- 
sellen vollständig aufgezehrt. Auch in den Beichsstädten, 
welche sich mehr oder weniger die Zunftverfassung be- 
wahrt hatten, war die ganze Gewalt in die Hände des 
kleinen Bates übergegangen. Die Stellen waren meist in 
dem Besitz einiger weniger ratsfähigen Familien, lebens- 



1) Ranke a. a. 0. S. 88. 



10* 

läaglich zu Tcnralten «nd dureb SeUbstergänzn^g meu zu 
beset&ea. F&st überall war es daMn gekommeoi, dass der 
ßat wie 16Q2 im Hamburg ohne Sehen sagen konnte : wenn 
schon eine Obrigkeit gottlos, liyrannisch nad geizig sei, so 
gebühre dennoeh den Untertanen nicht, d»ss sie sich da- 
gegen auflehnen nnd widersetzen , sonderoa sie sollen 4aa- 
selbe yielmefar als eine Strafe des AUmäciitigen , welche 
die ünterbanesL mit ihrer Sünde yerwirkt haiben, «rkemnem; 
wie es denn anch den Untertanen nicht gesieme, 4er 
Obrigkeit nene Statute vorzuschreiben, sondern sei solches 
der Obrigkeit Amt, und die Untertanen schuldig, darin der 
Obrigkeit billigen Gehorsaaa zu beweisen. ^) Die endlosen 
Beaehw^'dai der Gremeanden gegen die Vetternwirtschaft 
der Magistrate, gegen ihre "WiUkürherrschaft und die Ver- 
schleudening des Stadtgutes hn eigene© Nutzen wurden 
von den kaiserlichen Cojnmissionen selten ganiZ gehoben. *) 
£dne der Segnungen des römischen Keobtes war die Yor^- 
herrschaffc der Doctoren in sämmtliohen Yerwakungs- vsA 
Grerichtsbehörden. Andere daraus hervorgegangene sind 
die Aufhebung des öffentlichen Verfahrens und der münd- 
lichen Verhandln!^ in sämmtüche» Processen. Der kleine 
Mann war ratlos und schutzlos geword^a; «r schien nor 
noch dazu da zn sein, ijährlich neue Steuern, nieht ^u b&* 
willigen, aber zu bezahlen. Vielfadi war er aUerdii^ 
selbst schuld daran, da die fortwähreapiden Zwistigkeiten 
iimerhalb der Zünfte jede Einmütigkeit verhinderten nnd 
damit die Aussiciht :anf Erfolg in seinen Eilagen gegen die 
Bebördeai verrii^erten. Die Zänkereien .der Zünfte waren 
meist recht nichtig^) dm einzelnen, isber doreh die Masse 
veuderbUcL 



1) Mwxnx lY, ,8. iS6, 

^) Jäger, Mi^a«in II,lilÄ, jy;,3Ä, Fimpfeji. A»cji ^,-76^?. mi 
IV, 402 ff. Hier SqhiWerupg d«8 über lOOjährigen Sttoitoe und Ver- 
gleichs (1792) zwischen Magistrat und -Gemeinde von Schwilb. Gmünd. 
— Ferner f, 448 : 'Differenzen in Ueberliogen. 

3) Jäger, Magazin II, 357 ff. Streit, das Handelsrecht in Rarens- 
purg betreffend. 



105 

Die noch immer wirkenden Segnungen des Zunft- 
wesens und auch des Zunftzwanges sollen nicht verkannt 
werden. Es sind vor allem der Zwang zur Erzeugung 
guter Waren, die Erhaltung des Mittelstandes, die Be- 
wahrung alter Sitte und Zucht. Aber sie wurden auf- 
gewogen durch das starre Festhalten am Alten, das 
jeden Fortschritt als todeswürdiges Verbrechen bestrafte, 
durdi die Selbstsucht und G-ewaltsamkeit , womit jeder 
Versuch niedergeschlagen wurde, sich über die grosse 
Menge der stumpfsinnig im alten Gleise weiter Arbeitenden 
emporzuheben. *) Politischer und gewerblicher IndiflPeren- 
tismus war bei Magistrat und Zunft gleich gross. Beide 
verstanden es nicht, neuen Wein in alte Schläuche zu 
füllen ; darum mussten die alten Formen zerbrochen werden. 

Die Beseitigung der grossen Menge der Reichsstädte 
durch den Beichsdeputätionshauptschluss vom Jahre 1803 
änderte zunächst nichts an der alten Art. Erst der Frei- 
herr vom Stein sprach auch auf diesem Gebiete das erl5- 
sende Wort in der preussischen Städteordnung von 1806 *) : 
^. . . das dringend sich äussernde Bedürfnis einer wirk- 
samen Teilnahme der Bürgerschaft an der Verwaltung des 
Gemeinwesens überzeugt ims von der Notwendigkeit, den 
Städten eine selbständigere und bessere Verfassung zu 
geben, in der Bürgergemeinde einen festen Vereinigungs- 
punot gesetzlich zu bilden, ihnen eine tätige Einwirkung 
auf die Verwaltung des Gemeinwesens beizulegen und durch 
diese Teilnahme G^meinsinn zu erregen und zu erhalten^. 

1) Vgl. Neuburg S. 304 £f. 
2> Maurer IV, 814. 



Verbesserung: 

S. 21, A. 1 lies: Dieser ist aber bereits 1541 aus dem Dienste 
geschieden. 



Lebenslauf. 

Ich, Ludwig Fürstenwerth, bin am 30. November 1857 
zu Merseburg geboren. Meine Eltern, Heinrich Fürsten- 
werth, Kaufinann, und Friederike geborne Wittig sind ver- 
storben. October 1877 ging ich aus der Prima des Gym- 
nasiums zu Merseburg ab und trat in den Justizsubaltern- 
dienst. Nach bestandenem Gerichtsschreiberexamen war 
ich an einer grösseren Anzahl von Orten in der Provinz 
Sachsen diatarisch beschäftigt, zuletzt als Gerichtsschreiber- 
gehilfe beim Amtsgericht in Naumburg a/Saale. Am 1. März 
1886 gab ich meine Stellung auf und bereitete mich pri- 
vatim zum academischen Studium vor. Daneben hörte ich 
3 Semester in Berlin philosophische und historische Col- 
legien. Am 30. September 1888 bestand ich am Gymna- 
sium in Sangerhausen mein Maturitätsexamen und stu- 
dierte von da ab in Göttingen namentlich Geschichte, da- 
neben Germanistik und Nationalöconomie. In Berlinh orte 
, ich die Vorlesungen der Herren Docenten : Breslau, Ebbing- 
haus, Klebs, Koser, V. Richthof en, Simmel, Treitschke. 
In Göttingen: Baumann, Hamann, Heyne, v. Kap-herr, 
V. Kluckhohn, Lange. Lexis, G. E. Müller, Mithoff, Röthe, 
Steindorff, Weiland, v. Wilamowitz-Moellendorff. 

Allen meinen Lehrern , besonders den Herren Pro- 
fessoren V. Kluckhohn und Heyne , zolle ich auMchtigen 
Dank. 



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I.